Die Sängerin Dalida wäre am Freitag 70 Jahre alt geworden: So fremd und doch vertraut

BERLIN, 16. Januar. Selten würde er beten, gesteht der Schriftsteller Yvan Audouard am 1. März 1967 im Paris-Jour, und öffentlich schon gar nicht: "Aber diesmal, lieber Gott, bitte ich dich, sei gnädig mit der Kleinen." Die verrückte Kleine, das ist Dalida, eine der ganz großen Sängerinnen Frankreichs. Seit zwei Tagen liegt sie im Koma, Schlaftabletten hatte sie geschluckt, weil sie nicht mehr leben wollte. Der liebe Gott scheint Audouards Gebet erhört zu haben, drei Tage später wacht sie wieder auf: "Ich danke Gott, dass er mich noch nicht gewollt hat", sagt sie Wochen darauf den Journalisten, und: "Ich will leben, leben, leben."Schließlich hatte es das Leben gut mit ihr gemeint, bislang, so viel Glück war ihr beschieden und so viel Erfolg. Auf die Welt kommt sie am 17. Januar 1933 in Choubra, einem Vorort von Kairo, als Yolanda Gigliotti, Tochter italienischer Einwanderer. Mit 16 nimmt sie heimlich an einem Schönheitswettbewerb teil, mit 20 wird sie Miss Ägypten. Die Ehrgeizige will zum Film und spielt eine Krankenschwester, die den Chefarzt verführt. Weihnachten 1954 fliegt sie nach Paris und will nicht mehr zurück. Hier posiert sie im Bikini für die Ciné Revue, taucht in schlechten Krimis auf und lernt singen.In Frankreich sind gerade exotische Stimmen en vogue, die Spanierin Gloria Lasso ist ein Star. Bis Dalida kommt. Sie wird bei einem Nachwuchswettbewerb im Olympia entdeckt. Jünger ist sie als die Lasso, viel hübscher noch, und das R in Amour rollt sie wie eine Salve aus einem Maschinengewehr. "Bambino" heißt ihr erster Hit, und "Mademoiselle Bambino" wird sie jetzt genannt. Als erste Frau erhält sie eine goldene Schallplatte.Twist mit Johnny HallydayDer Rest ist Arbeit, eine Platte nach der anderen, Tourneen, TV und Funk, Auftritte in ganz Europa, in Deutschland singt sie "Am Tag, als der Regen kam". Dalidas Stimme kommt an, überall gleich exotisch, ein bisschen orientalisch und mit einem Timbre, männlich und weiblich zugleich. 1961 steht sie im Plattenverkauf weltweit an der Spitze, noch vor Elvis Presley und Paul Anka.Bis in Frankreich die neuen Idole an die Macht kommen, die Stars des Yé Yé. Doch Dalida gibt nicht auf. Mit Johnny Hallyday tanzt sie Twist, ihre Fans reagieren verstört: "Im Twist geht ihre Seele verloren", sagen sie, die Verkäufe gehen zurück. Die Sängerin setzt alles auf eine Karte: 1964 geht sie mit den Fahrern der Tour de France auf die Strecke. Nach 33 000 Kilometern und 3 000 gesungenen Liedern hat sie Frankreich zurückerobert. Und wechselt ihre Haarfarbe, blond, und nicht mehr dunkel und fremd.Im Land ihrer Eltern, in Italien, verliebt sie sich in den sensiblen Liedermacher Luigi Tenco. Im Januar 1967, beim Festival in San Remo, scheidet er im Vorfeld aus, zieht sich zurück auf sein Hotelzimmer und erschießt sich. Dalida findet den toten Geliebten, und einen Monat darauf will sie ihm nachfolgen."Vergebt mir"Ihr Weg zurück ins Leben ist schwer, sie wendet sich den Religionen des fernen Ostens zu. Dreimal reist sie nach Indien, absolviert dann eine Psychoanalyse, bis die Bühne sie wiederhat. Nur noch in weißen Kleidern tritt sie auf und mit Liedern, die keine Tagesschlager mehr sind. "Die heilige Dalida", frotzelt die Presse, und als sie im Olympia auftreten will, muss sie die Saalmiete selbst tragen. Doch Dalida setzt sich wieder durch. "Er war gerade 18 Jahr " und "Gigi l amoroso", werden Welthits: Für mehr als 90 Millionen verkaufte Tonträger erhält sie eine spezielle Auszeichnung, die Diamantene Schallplatte.Inzwischen fast 50 Jahre alt, wechselt sie noch einmal das Genre. Dalida wandelt sich zum Glamour-Star, "Show à l américaineö nennt das der Franzose. Ihre Auftritte werden zu großen Inszenierungen, mit Strass und Tanz, Pailletten und viel Ballett. Wieder hat sie Erfolg und geht 1986 doch zurück zu ihren Anfängen, filmt noch einmal in Ägypten. Ganz ohne Make- up, die Haare versteckt unter einem schwarzen Tuch, spielt sie eine Großmutter in "Der sechste Tag" von Youssef Chahine. Die Kritiker sind begeistert, sie denkt an einen Wechsel ganz zum Film. Und kann doch nicht mehr weiter. "Das Leben ist mir unerträglich geworden - vergebt mir", heißt es in dem Abschiedsbrief, den man am 3. Mai 1987 neben ihrer Leiche findet.Zehntausende säumen am Tag ihrer Beerdigung die Straßen von Paris, ein Vertreter der französischen Regierung spricht an ihrem Grab: "Yolanda au revoir - Dalida merci!" Heute erinnert am Montmartre die Place Dalida an sie, und ihr kleiner Bruder Orlando verwaltet das Erbe und die Legende. Jahr um Jahr verkauft er ihre Lieder neu, nur die Hüllen wechseln und hin und wieder der Sound. Aber das R rollt genau wie einst, so fremd und doch vertraut.ACTION PRESS Glamourös, exotisch und oft sehr traurig: Dalida