Ein Restaurant am Savigny-Platz, mit weißen Tischdecken und deutscher Küche. Jasmin Tabatabai hat diesen Ort nicht ausgesucht, sondern die PR-Abteilung des Theaters am Kurfürstendamm, dort hat die Schauspielerin in den letzten Wochen geprobt.Jasmin Tabatabai ist schon da. Sie sitzt im hinteren Speisesaal, der Jagdzimmer heißt, an einem langen Tisch an der Wand. Sie ist allein in diesem Raum. Vor ihr liegen ein Stapel Papier und ein Stift. Sie trägt Jeans, T-Shirt, einen dünnen Schal, sie ist ungeschminkt und wirkt müde. Es ist Nachmittag, sie hat stundenlang geprobt, aber während des Gesprächs wird sie wach, sie trinkt zwei Latte macchiato, hinterher will sie schnell nach Hause, sich hinlegen.Frau Tabatabai, Sie sind Iranerin. Müssen Sie zur Zeit oft über die Politik des Landes, in dem sie aufgewachsen sind, diskutieren?Klar. Das ist mittlerweile so, dass man den Iran immer nur verteidigen muss. Zumindest sagen muss, pass auf, das Volk hat nicht viel gemein mit diesen Machthabern. Manchmal sind das sehr lustige Diskussionen. Da war dieser zwanzigjährige Amerikaner aus dem Team bei einem Film, der sagte: Oh, du bist aus Iran. Dein Präsident ist verrückt, Mann. Der war schon sehr stolz darauf, dass er wusste, dass Iran das Land mit dem bösen Präsidenten ist. Ich habe zu ihm gesagt: Yeah, deiner aber auch.Sie wurden 1967 in Teheran geboren. Waren der Schah und seine Frau so etwas wie Prinz und Prinzessin aus dem Märchenbuch für Sie?Ich fand Farah Diba, die Frau des Schahs, immer sehr hübsch. Ich erinnere mich, dass wir beim Ski fahren in der Nähe von Teheran immer die Schah-Familie gesehen haben. Er war ja sehr sportlich. Leyla, seine jüngste Tochter, war in meinem Alter, um sie herum fuhr immer ein Ring von Bodyguards. Ich komme aber nicht aus einer royalistischen Familie, die den Schah angebetet hat, sondern aus einer sehr aufgeklärten. Es gab den Schah eben. Sein Foto war in jedem Schulbuch, hing in jedem Laden und in jedem Büro. Da, wo jetzt das Porträt von Chomeini hängt. Was ich interessanter finde: Ich bin 1967 genau in der Woche geboren, in der der Schah Berlin besuchte. Er war am 2. Juni hier, ich bin am 8. Juni geboren. Die 68er, die RAF-Geschichte, das fing alles an, nachdem der Schah in Berlin war und Benno Ohnesorg erschossen wurde.Wie war Teheran in den siebziger Jahren? Wie sah die Stadt Ihrer Kindheit aus?Das alte Teheran, das war eine Dreieinhalb-Millionen-Einwohner-Stadt, die gibt es jetzt nicht mehr. Jetzt leben dort zwanzig Millionen Menschen. Ich habe im Norden gelebt, da gab es schöne alte Häuser mit Gärten. Auch wir hatten so ein Haus. Anscheinend sind die Gärten weg, überall stehen Hochhäuser. Ich habe schöne Erinnerungen an die Siebziger Jahre, weil ich eine schöne Kindheit hatte. Damals war der Iran das aufstrebende Land, das moderne Land im Nahen Osten. Das Land, wo die Frauen am emanzipiertesten waren. Wir mussten keine Kopftücher tragen. Teheran war eine moderne Großstadt. Es gab Kinos, es gab Discos. Aber die Luft war damals schon schlecht. Jedes Wochenende hat meine Mutter uns mitgenommen zum Bergsteigen, Teheran liegt ja direkt am Gebirge, da sind wir hochgeklettert und haben heruntergeguckt, und über Teheran lag eine Smogglocke.Ende der Siebziger Jahre protestierten immer mehr Menschen gegen den Schah. 1978 begann die islamische Revolution, die zu seiner Absetzung führen sollte. Wie war dann die Atmosphäre in der Stadt?Das war eine Euphorie, eine Energie, die man nicht beschreiben kann. In den Familien wurde wahnsinnig viel diskutiert. Ich war elf, ich saß daneben und habe zugehört. Meine Familie war unglaublich zerstritten. Der Mann von meiner Tante war in den Fünfziger Jahren mal im Knast, aus der Zeit mochte meine halbe Familie den Schah nicht. Es gab aber auch die, die sagten, wenn der Schah weg ist, was kommt dann? Die anderen meinten, ist doch egal, Hauptsache, der Tyrann ist weg. Im Nachhinein finde ich es naiv, wie viele Leute, auch Intellektuelle, sehenden Auges in die Hände der Mullahs gerannt sind. Quasi in ihr eigenes Verderben. Ich habe mich später gefragt, ob ich auch von dieser Begeisterung mitgerissen worden wäre. Ich bin froh, dass ich noch einen anderen Iran kennen gelernt habe. Haben Sie "Persepolis" gesehen?Ja, das ist der Film nach den Comics von Marjane Satrapi, den Sie im vergangenen Jahr synchronisiert haben. Es geht um eine junge Frau, die im Iran der Siebziger aufwächst und als junges Mädchen nach Europa kommt.Genauso war meine Kindheit. Mit dem Film waren alle Erinnerungen wieder da. Übrigens kommen gerade viele Bücher und Erinnerungen von Exil-Iranern heraus. Jetzt ist die Zeit, um darüber zu sprechen. In den ersten zwanzig Jahren haben sich die Leute schwer getan. Vielleicht geht es auch darum zu zeigen, dass es noch einen anderen Iran gibt als den von Ahmadinedschad.Kannten Sie die Persepolis-Comics vorher?Ja, alle, in- und auswendig.Und dann wollten Sie den Film unbedingt synchronisieren?Na klar. Ich würde sogar mal frech fragen: Wer hätte das denn bitte sonst machen sollen? Ich meine damit: Wer hat einen größeren Bezug dazu?Vor den Filmen "Persepolis" und "Fremde Haut", in dem Sie eine iranische Asylbewerberin gespielt haben, ist Ihre Herkunft nie so ein großes Thema gewesen.Als ich mit meiner Arbeit angefangen habe, kam immer die Frage, wie führen wir diese junge Schauspielerin ein, in Talkshows oder in Interviews. Da eignete sich das mit dem Iran. Dann war es lange nicht so interessant, dann hieß es, sie macht auch Musik. Jetzt ist es wieder da, wohl weil der Iran gerade viele interessiert. Und für mich persönlich hat es vielleicht mit dem zunehmenden Alter zu tun, dass ich mich wieder mehr für meine Wurzeln interessiere. Vielleicht seit ich Mutter bin. Ich habe das Gefühl, dass der Bezug zum Iran bei mir selbst stärker geworden ist.Ihre Mutter ist Deutsche. Wie kam es, dass sie in den Iran gezogen ist?Aus Liebe. Meine Mutter ist ein richtiges romantisches deutsches Mädchen. Aber sie fand die Fünfziger Jahre in Deutschland sehr eng und bedrückend. Man musste einen Petticoat anziehen, man brauchte eine Dauerwelle. Sie fand die Musik fürchterlich, die im Radio kam. Sie hat Seefahrer-Romane gelesen und von fremden Welten und anderen Kulturen geträumt. Sie hatte immer schon Fernweh. Sie kam aus Bayern, aus Schwabing. Dann hat sie meinen Vater kennen gelernt, die beiden haben sich verliebt, und das war für meine Mutter ein Abenteuer und auch ein Ausbruch aus dem Nachkriegsdeutschland.Sie traf Ihren Vater in Deutschland? Was machte er hier?Er war ein paar Monate hier, auf Reisen. Das hat man früher so gemacht. Wenn man ins Ausland reiste, dann gleich für ein, zwei Jahre. Meine Mutter fand das sehr aufregend. Auch das Land meines Vaters. Sie liebt den Iran sehr. Sie spricht auch perfekt Persisch.Als Sie 1978 wegen der Revolution im Iran nach Deutschland zogen, war Ihnen die Heimat Ihrer Mutter fremd?Ich war vorher schon in den Ferien hier. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, ich war an der deutschen Schule in Teheran, Deutsch war meine stärkere Sprache.Der Umzug war also kein großer Kulturschock für Sie?Doch, ich habe Jahre gebraucht, um mich in Deutschland wirklich wohl zu fühlen. Das Alter war blöd, ich war zwölf, kurz vor der Pubertät, da fängt man gerade an, cool zu sein. Ich kam in eine Klasse, wo die Kids sich schon Zungenküsse gegeben und Bier getrunken und geraucht haben. Das konnte ich nicht fassen. Deutschland ist auch nicht unbedingt ein Einwanderungsland. Das war es schon gar nicht 1978, nicht in Bayern. Wir lebten in Gräfelfing, einem Vorort von München. Ich hatte es schon schwer.Sie kamen dann aufs Gymnasium. Wie wurden Sie dort aufgenommen?Ich hatte Lehrer, die waren noch so richtige Nazis. Der eine hat mich in der sechsten Klasse vor allen Mitschülern angeschrien: Glaubst du, du kannst dich hier so aufführen wie deine Landsleute da unten? Eine Religionslehrerin sagte als erstes zu mir: Du bist also das moslemische Mädchen, ich habe schon gehört, du bist so aufsässig. Auch als ich dann 1988 auf die Schauspielschule kam, da war in den Medien von Multikulti keine Spur. Da gab es noch nicht all die Rapper und die Migrantenkinder, die jetzt wie selbstverständlich im Fernsehen und überall mit dabei sind.Aber an der Schauspielschule waren die Dozenten sicher aufgeschlossener?Manche Lehrer sagten wohlwollend, du bist nicht unbegabt, aber vielleicht überlegst du dir, deinen Namen zu ändern oder dir die Haare ein bisschen heller zu machen. Sonst wird es schwer für dich, Rollen zu bekommen. Und das stimmt bis heute. Im Mainstream bin ich noch nicht angekommen. Generell glaube ich aber nicht, dass Deutschland ein ausländerfeindliches Land ist. Ich hatte nach der Schule nie Probleme als Ausländer in Deutschland. Aber ich hatte Mentalitätsprobleme.Zum Beispiel?So Sachen wie Gastfreundschaft, eine bestimmte Streitkultur. Das ist im Iran alles ganz anders. Eine andere Emotionalität im Leben, im Alltag. Mir wurde immer gesagt: Du bist aber laut. Du fuchtelst aber viel. Deutschland ist auch nicht besonders kinderfreundlich. Das fängt schon damit an, dass überall so gepflegte Rasen sind, die Kinder darauf aber nicht spielen dürfen. So war das in den Vororten, in denen ich gewohnt habe. Oder dass Kinder immer so still sein müssen. Dass Kinder weggesperrt werden. Das ist alles so verkrampft. In anderen Ländern ist der Umgang mit Kindern viel selbstverständlicher.Waren Sie später noch mal in Teheran?Ich war nach der Revolution noch zwei, drei Mal da. Da musste ich dann Kopftuch tragen. Das war schrecklich. Zum letzten Mal war ich 1987 da, als mein Vater gestorben ist. Er war auch mal ein Jahr mit uns in Deutschland, aber es ist nicht leicht für ihn gewesen, er hatte hier nichts zu tun, er saß in der Wohnung und guckte Fernsehen.Nach dem Tod Ihres Vaters wollten Sie nicht mehr hin?Ich träume davon, dass ich mal in den Iran fahren kann, ohne mich zu verschleiern.Vermissen Sie das Land Ihrer Kindheit?Das ist eine offene Wunde. Bei allen Exil-Persern, die ich kenne, ist das so. Da bleibt ein Schmerz. Aber was soll's, es gibt viele Menschen, die schlimmere Schicksale ertragen müssen. Heute habe ich hier in Berlin ein paar iranische Freunde. Und mein Bruder lebt auch hier.Wie viel, würden Sie sagen, ist an Ihnen deutsch, und wie viel orientalisch?Schwer zu sagen. Es gibt keine bessere Küche als die persische für mich. Als ich schwanger war, wonach hatte ich Gelüste? Persisches Essen. Ich wurde dann so eine dicke Orientalin. Ich habe dreißig Kilo zugenommen und lag nur noch auf dem Sofa und habe gefressen. Man kann in Berlin sehr gut persisch essen, im Hafis in Alt-Moabit zum Beispiel. Wenn ich meinen Freund frage, was findest du besonders persisch an mir, dann sagt er: deinen sehr ausgeprägten Stolz. Das ist auch etwas, was mir oft im Beruf im Wege steht. Ich sage Filme ab, wenn mir jemand blöde kommt. Aber ich kann auch vergeben, schließlich habe ich eine katholische Mutter. Ich bin auch sehr loyal, und Loyalität, finde ich, ist sehr deutsch.Gleich nach der Schule sind Sie Schauspielerin geworden.Ich wollte immer schon Schauspielerin werden!Hat das auch was damit zu tun, dass man da mit den Identitäten spielen kann?Nein, ich wollte einfach Schauspielerin werden. Im Mittelpunkt stehen. Das war mein absoluter Traumberuf. Ich habe mit meinen Geschwistern kleine Stücke aufgeführt, ich habe Fernsehserien nachgespielt, ich habe in die Haarbürste gesungen vorm Spiegel. Ich war bei Schulaufführungen dabei. Vor allem in Teheran. Im Krippenspiel in der deutschen Schule, ich war Josef, weil ich aussah wie ein kleiner Junge.Bekannt geworden sind Sie 1996 durch den Film "Bandits", mit Katja Riemann und Nicolette Krebitz. Jetzt stehen Sie mit den Kolleginnen von damals auf der Bühne im Stück "Drei Schwestern". Wie ist das zustande gekommen?Die Regisseurin Amina Gusner hat schon fünf oder sechs Stücke zusammen mit Katja Riemann gemacht, die beiden zusammen hatten die Idee. Ich finde, es war eine gute Idee. Natürlich ist der Bezug zu "Bandits" da, weil wir drei das machen, aber es ist trotzdem was anderes. Es ist Theater, es ist Tschechow. Und Nicolette ist meine beste Freundin, es ist schön, mal wieder was zusammen zu machen.Geht das, mit der besten Freundin zusammen zu arbeiten?Super. Wir sind alle drei befreundet, aber Nicolette und ich, wir waren schon vor "Bandits" wie Pech und Schwefel. Wir sind rumgezogen, haben Songs geschrieben. Dass "Bandits" ein Musikfilm geworden ist, hatte viel damit zu tun, dass Katja von Garnier, die Regisseurin, uns beim Musikmachen gesehen hat. Wenn du mit deinen Freunden nicht arbeiten kannst, dann ist das keine richtige Freundschaft. Das heißt nicht, dass es reibungslos läuft. Im Gegenteil, wir können uns auch gut streiten.Sie sind auf der Bühne keine Konkurrentinnen?Es gibt ein Missverständnis über diesen Beruf. Der Schauspieler, der Solist. Aber spielen kannst du nur mit Kollegen, und je stärker die sind, umso besser bist du.Bei "Bandits" galten Sie drei als Rebellinnen. Jetzt sind Sie alle Mütter, alle um die 40.Jetzt ist es ein Stück über Midlifecrisis. Rebellinnen in der Midlifecrisis.Und, sind Sie in der Midlifecrisis?Ich glaube nicht, dass ich in der Krise bin, aber es ist schon so, dass man, wenn man vierzig wird, mal überlegt. Was habe ich bis jetzt so gemacht? Wo stehe ich im Leben? Wo möchte ich hin? Die Mitte des Lebens. Ich glaube, das Alter um die vierzig trifft die Männer härter. Weil die Gesellschaft dann sehr genau guckt, was hat sie geschafft haben. Frauen werden schon mit dreißig wahnsinnig unter Druck gesetzt.Wie war das bei Ihnen?Plötzlich wurde ich in Interviews ganz direkt gefragt: Und, was ist mit Kindern? Von so Typen, die dann dasitzen und sagen, wollen Sie nicht mal langsam Mutter werden? Also, entschuldige mal!Und mit vierzig ist der Druck weg?Meine Erfahrung ist, dass mit vierzig dann so was kommt wie: Und sie sieht noch so jung aus! Die neuen, schönen Frauen um die vierzig! Ich glaube, es ist im Moment ganz schick, vierzig zu sein. Und ganz ehrlich, ich fand es cooler, vierzig zu werden als dreißig. Ende zwanzig, das ist ein schwieriges Alter, wenn die Jugend flöten geht.Jetzt sind die Rockerinnen aus "Bandits" ausgerechnet in dem eher gediegenen Theater am Kurfürstendamm wieder zusammen zu sehen.Letztlich ist uns ganz egal, wo das Stück läuft. Aber ich habe erst jetzt mitbekommen, das ist ein Theater, in das manche Leute aus Prinzip nicht gehen. Weil es Boulevard ist. Aber das Theater hat viel Stammpublikum, und es werden bestimmt "Bandits"-Fans kommen, das sollte man nicht unterschätzen, wie viele es davon gibt. Wenn ich heute Konzerte gebe, bin ich immer hin und weg. Die singen diese ganzen "Bandits"-Lieder von Anfang bis Ende mit.Der Film kam beim Publikum ziemlich gut an - aber die Kritiker mochten "Bandits" überhaupt nicht.Lustig war das nicht. Das Feuilleton hat geschäumt. Wir haben damit nicht gerechnet, wir hatten doch nur einen harmlosen Musikfilm gemacht. Der aber unbewusst einen wahnsinnigen Nerv getroffen hat, bei den jungen Mädchen. Das Altherren-Feuilleton war entsetzt. Ich würde nie behaupten, dass "Bandits" ein besonders guter Film ist. Aber er hat funktioniert. Dass man so etwas bewirken kann mit ein paar Songs und einer Geschichte, in der Frauen im Mittelpunkt stehen und ein Mann als Geisel genommen wird. Allein, dass wir uns ein Männermodel als Geisel geleistet haben! Das wurde, obwohl wir es überhaupt nicht so gemeint haben, als Angriff empfunden. Igitt, Frauenpower. Dürfen Frauen so etwas? Ich glaube, heute wäre es nicht mehr möglich, diese Frage zu stellen.Tatsächlich? Gerade wird über "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gestritten, darüber, ob eine Frau einen Porno schreiben darf. Und in fast jedem Artikel über das Buch steht, dass es keine gute Literatur ist.Ich finde super, dass Charlotte Roche so einen Erfolg hat. Ich habe mir das Buch gekauft, und ich werde es lesen, wenn ich jemals wieder Zeit habe. Es freut mich, wenn eine Frau einen Riesenerfolg hinlegt, der alle überrascht. Das ist immer noch so selten. Obwohl die jungen Mädchen schon so viel selbstbewusster sind, als wir es damals waren.Wie erziehen Sie Ihre Tochter?Meine Tochter Angelina ist fünf, sie hat eine Mutter, die immer nur in Jeans herumrennt. Und sie ist an nichts mehr interessiert als an Kleidchen, Blümchen und Schminke. Soll ich das jetzt unterdrücken? Was ich ihr beibringen kann, ist, dass es was Tolles ist, eine Frau zu sein. Dass sie nicht das Pech gehabt hat, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein. Als zweite Wahl. Als ich mal mit meiner Tochter in Kreuzberg Gemüse eingekauft habe, hat der Verkäufer gefragt: Isse Junge? Und ich: Nein, ist ein Mädchen. Macht nichts, ist trotzdem schön, hat der Verkäufer gesagt. Ich werde dann wütend. Das kenne ich aus meiner Kindheit im Iran. Das Leben ist so viel schöner und leichter, wenn du ein Junge bist.Hatten Sie das Gefühl, als Mädchen zweite Wahl zu sein?Ich musste mir immer selbst beweisen, dass ich es genauso gut hinkriege, das Leben zu rocken wie ein Junge. Jetzt erst, mit vierzig, habe ich langsam mal Spaß daran, ein Abendkleid anzuziehen. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte ich das tussig und blöde gefunden. Ich habe einen Bruder, der ein Jahr älter ist, und mit dem ich aufgewachsen bin, und zwei Schwestern. Ich habe mich eher am Bruder orientiert. Mit fünf fing es schon an, der darf das, aber du nicht. Nicht von meinen Eltern, oder hauptsächlich nicht, aber von der ganzen Gesellschaft, wurde ich als Mädchen auf einmal anders behandelt. Vieles sollte ich auf einmal nicht dürfen. Natürlich immer Sachen, die Spaß machen. Nicht so wild sein, nicht die lustigen Spiele spielen.Lieber den Tee servieren?So in etwa. Ich habe mich wahnsinnig aufgeregt. Und trotzdem immer das mitgemacht, was mein Bruder gemacht hat. Es ist noch heute so, wenn ich Widerstand spüre, denke ich, ach so, na pass mal auf.Mit Ihrer Tochter sind Sie vor ein paar Jahren nach Pankow gezogen, in die Villa Grotewohl am Majakowski-Ring. Warum haben Sie sich ausgerechnet das Haus des ehemaligen DDR-Ministerpräsidenten ausgesucht?Ich wusste erst nicht, dass es so ein geschichtsträchtiges Haus ist. Mein damaliger Mann hatte es beim Spazierengehen entdeckt. Ich fand es ganz toll. Das Haus stand lange leer. Dann haben wir den Makler angerufen. Seitdem wir es gekauft haben, mache ich fast nichts anderes als renovieren. Es soll so schön werden, wie es mal war. Es steht ja unter Denkmalschutz. Grotewohl wäre, glaube ich, nicht ganz unzufrieden, wenn er sehen würde, was wir mit seinem Haus machen.Wussten Sie damals, wer Otto Grotewohl war?Viel wusste ich nicht. Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich überrascht war zu sehen, was für große Villen die DDR-Regierung, die Männer des Volkes, hatten. Seitdem bekomme ich Hassbriefe, in denen ich dann als blöde Schauspielerin beschimpft werde.Ist es denn ein luxuriöses Haus?Es gab zwar kein Marmorbadezimmer, da waren ganz normale DDR-Fliesen an der Wand, aber die Größe, das war schon Luxus. Nebenan gab es wohl einen Platz, wo Damhirsche gehalten wurden, und einen Tennisplatz - Schlagbaum hier, Schlagbaum da - während viele Leute nicht mal ein Innenklo hatten. Das muss man auch mal sagen dürfen.Stehen manchmal Neugierige vor Ihrer Tür?Ja klar, Touristen. Grotewohl ist ja einer derjenigen, die immer noch verehrt werden. Vor Grotewohl hatte das Haus einem Brotfabrikanten gehört, der wiederum hatte das Grundstück von einem jüdischen Kaufmann übernommen. Das Haus hat viel Geschichte, und man sieht das auch noch, die Dreißiger, die Fünfziger, die Siebziger. Und damit Sie keinen falschen Eindruck bekommen: Was wir für das Haus bezahlt haben, so viel hätte in München eine Dreizimmer-Wohnung gekostet.Früher haben Sie in Kreuzberg gewohnt. Sind Sie jetzt eine bürgerliche Villenbesitzerin geworden?Pankow ist doch gar nicht so bürgerlich, in meiner Nachbarschaft wohnen lauter junge Familien aus Ost und West. Ich wollte mit meiner Tochter ins Grüne. Ich fühle mich in Pankow sehr wohl, weil auch mal Unkraut zwischen den Gehwegplatten wächst, es ist nicht alles so geordnet, wie ich das aus Westdeutschland kenne. Eigentlich erinnert mich Pankow ein bisschen an das alte Teheran aus meiner Kindheit.------------------------------Jasmin TabatabaiGeboren wird sie am 8. Juni 1967 in der iranischen Hauptstadt Teheran. Der Vater ist Iraner, die Mutter Deutsche. Die Familie flieht im Dezember 1978, kurz vor dem Sturz des Schahs, nach Bayern. Jasmin Tabatabai macht Abitur, studiert in Stuttgart an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst.Bekannt wird die Schauspielerin 1996 mit dem Film "Bandits", für den sie auch die Musik geschrieben hat. Sie ist in mehreren deutschen Filmen zu sehen ("Late Show", "Gierig", "Fremde Haut"). Gleichzeitig macht sie weiter Musik, geht auf Touren. 2007 erschien ihr zweites Soloalbum "I Ran".Als "Drei Schwestern" stehen Jasmin Tabatabai und die anderen "Bandits", Nicolette Krebitz und Katja Riemann, im Theater am Kurfürstendamm auf der Bühne. Premiere der Tschechow-Adaption ist am 1. Juni.