Der Fahrstuhl führt direkt zum Wohnungseingang. Ein Diener öffnet die Tür. "Punkt 16 Uhr preußische Pünktlichkeit!" witzelt der Gastgeber. Um diese Zeit sei schließlich "Teatime im Chateau Breslauer", sagt er.Hier in der Fifth Avenue lebt Bernd Breslauer, gebürtiger Berliner, englischer Staatsbürger und einer der weltweit angesehendsten Antiquare. Die bedeutendsten Handschriften und Bücher gingen durch seine Hände. Bei allen wichtigen Auktionen war er präsent. Kauf oder Nichtkauf bestimmten oft den weiteren Wert eines Objektes. Seine eigenen Kataloge sind längst selbst begehrte Sammlerstücke und Dokumente von wissenschaftlichem Wert. "Herr der Bücher" wurde Breslauer zu Recht genannt. Jetzt hat er entschieden, sein Privatarchiv der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek zu vermachen.Feinstes Silber der Wiener Sezession sowie Gebäck aus Italien und Frankreich stehen für den Besucher schon bereit. Biedermeiersessel laden zum Gespräch ein. Der Tee wird serviert. "Die Freude an schönen Dingen und Lebensart", erklärt Breslauer, "hab ich vom Vater gelernt." Schon als Kind sei er mit Mutter und Schwester ins väterliche Antiquariat gegangen, wenn dort eine besondere Kostbarkeit erworben worden sei. "Mein Vater hat die schönsten Bücher vor uns ausgebreitet", sagt Breslauer, "und dann sind wir alle gemeinsam bei Trabach, Horcher oder im Kempinski Abendbrot essen gegangen."Obwohl die Zeit in Berlin lange zurückliegt, ist sie unvergessen. Im legendären Antiquariat des Vaters, Martin Breslauer, wurden auch die Weichen für den Lebensweg des Sohnes gestellt. Bernd Breslauer zupft an der roten Fliege, rückt das Monokel zurecht und beginnt zu erzählen: "Vor genau 100 Jahren", sagt er, "gründete mein Vater gemeinsam mit einem Schulfreund das Antiquariat Breslauer & Meyer." Zuvor hatte er an der Universität in Rostock Paläographie studiert und war dann als Volontär bei den besten Buchhändlern in Paris, London, Rom und Florenz."Mein Vater war der erste deutsche Antiquar", sagt Breslauer stolz, "der gleichzeitig auch Akademiker war." Dies und die vorzüglichen internationalen Kontakte ließen das Geschäft in der Leipziger und später in der Französischen Straße schnell zum Mittelpunkt für Berlins bibliophile Gesellschaft werden darunter Persönlichkeiten wie Borries Freiherr von Münchhausen und Fedor von Zobeltitz. Bald wurde Martin Breslauer zum Sachverständigen der Preußischen Staatsbibliothek ernannt, und 1919 konnte er die Privatbibliothek Friedrichs des Großen in Sanssouci bewerten.Damals, erzählt Breslauer, sei es zu einer finanziellen Auseinandersetzung zwischen dem Staat Preußen und dem Haus Preußen gekommen. Im Rahmen dieses Verfahrens sei die Büchersammlung des Königs an den Staat gefallen, der jedoch, so Breslauer, "kräftig dafür blechen mußte". Den Preis legte sein Vater fest.Einen der wohl größten Bücherfunde des Jahrhunderts machte Vater Breslauer 1929, als er beauftragt wurde, die Bibliothek im Palais Erzherzog Rainer in Wien zu begutachten. Wie erstarrt sei sein Vater gewesen, als er "den fingerdicken Staub von den Büchern wischte" und dabei entweder das Wappen Kaiser Napoleons oder das Monogramm seiner zweiten Frau Marie Louise vorfand. 5 000 höchst kunstvoll in rotes Maroquinleder gebundene Bücher aus dem Besitz des kaiserlichen Ehepaars kamen zum Vorschein. Bis dahin sei der Verbleib der Privatbibliotheken ein großes Rätsel gewesen. Man habe anhand von Rechnungen zwar gewußt, daß gerade Napoleon Bücher kaufte, niemand hatte jedoch vermutet, daß Marie Louise die Sammlung bei ihrer Flucht mit zum Onkel nach Wien genommen hatte.Eine weitere interessante Geschichte, die Breslauer über die Arbeit des Vaters zu erzählen hat, ist der Verkauf der Bibliothek der Fürsten zu Stolberg-Wernigerode. Sie war damals eine der ältesten und größten Büchersammlungen Deutschlands. 1931 habe die Bibliothek jedoch verpfändet werden müssen, da die Fürsten im Zuge der Inflation nicht mehr in der Lage waren, die Pensionen der ehemaligen Beamten des einst eigenständigen Fürstentums zu begleichen. "Trotz der schweren Zeiten verkaufte mein Vater die Bücher aber zu einem so hohen Preis, daß der Großteil der Sammlung erhalten bleiben konnte." Erst in der DDR sei die traditionsreiche Bibliothek aufgelöst worden. Die Erinnerungen führen Bernd Breslauer schließlich in die dreißiger Jahre. Mit ernster Miene und nur zögerlich erzählt er von einem "Pogrom", das 1935 im Schulhof des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums in der Hardenbergstraße gegen ihn veranstaltet wurde. Der Enkel eines deutschen Bildhauers, dessen Werk später selbst als "entartet" galt, sagt Breslauer, sei verbotenerweise in SS-Uniform in der Schule erschienen. Dieser habe ihn dann lautstark als Juden beschimpft. Der Schuldirektor konnte sich gegen die Nazipropaganda nicht durchsetzen, und bald darauf mußte Breslauer von der Schule abgehen. Einmal sei die Familie auf dem Nachhauseweg nur durch die schnelle Reaktion des Taxifahrers einem Lynchmob auf dem Kurfürstendamm entgangen. "Wir hatten schon 1934 unser Haus in Lichterfelde aufgeben müssen und waren in eine Wohnung in der Meinekestraße gezogen." Nur der gute Ruf und die Kontakte ermöglichten es, das Antiquariat bis Ende 1936 offenzuhalten.Dann schien die Emigration jedoch unumgänglich. "Ein Jahr lang waren Finanzprüfer auf uns angesetzt", erzählt Breslauer, "die unsere sämtlichen Unterlagen von 1924 ab durchackerten." "Und am Ende wurde eine Steuerschuld festgestellt, die exakt dem Betrag entsprach, den wir selbstverständlich nach Entrichtung der Reichsfluchtsteuer mit ins Ausland hätten führen dürfen."Mit Hausrat, doch ohne einen Pfennig in der Tasche, bestieg die Familie am 1. Juli 1937 schließlich den Nachtzug nach Holland. Von dort aus ging es weiter nach London. "Um die Bahnkarten kaufen zu können, mußte ich in letzter Minute noch 12 goldene Dessertlöffel bei einem bekannten Juwelier versetzen", sagt Breslauer und erklärt: "Mein Vater hat sich geniert.""Großer Mut, Entschlossenheit und viel Kraft" seien nötig gewesen, um ein neues Leben in England aufzubauen. Der Kunstsammler Robert von Hirsch, ein Kunde und Freund der Familie, der schon 1933 von Frankfurt in die Schweiz ausgewandert war, half mit einem Darlehen, das Antiquariat wieder aufzubauen. "Trotzdem war es ungeheuer schwer, Geschäfte zu machen England befand sich inmitten einer tiefen Depression", sagt Breslauer. "Doch es gab auch schöne Momente", fügt er hinzu und erzählt: "Einmal wandten sich zwei furchtbar liebe alte Weiber an uns, um einige geerbte Bücher zu schätzen. Wir wurden auf den Dachboden geführt, und mein Vater sah sofort, daß die Drucke vollkommen wertlos waren. Doch dann entdeckte er in einer Ecke eine Kiste mit zwölf Flaschen Rotwein Mouton Rothschild von 1888. Der letzte Jahrgang, bevor die französischen Weinberge von einem Schimmelpilz dahingerafft worden sind", sagt Breslauer und fährt fort: "Den Damen wurden Bücher und Wein abgekauft, und wir freuten uns wie die Könige."1940 explodierte eine deutsche Bombe im Hinterhof des Wohnhauses der Familie Breslauer. "Alle Scheiben zersprangen, sämtliche Bücher flogen aus den Regalen, und mein Vater erlitt einen schweren Schock, von dem er sich nicht mehr erholte." Nur Stunden später starb er im Alter von 69 Jahren an einem Herzschlag.Bernd Breslauer meldete sich dann freiwillig bei der britischen Armee und landete zunächst im "Alien Pioneer Corps", später im Geheimdienst "mein kleiner Privatkrieg", sagt er. Er schippte schließlich Sand auf Flughäfen und las Briefe deutscher Kriegsgefangener. Nach Kriegsende führte er das Antiquariat des Vaters weiter.Bessere Zeiten brachen an, als es ihm gelang, das Vertrauen des großen Schweizer Buchliebhabers Martin Bodmer zu gewinnen. Dieser ernannte ihn zum Berater und Agenten. Mit Breslauers Hilfe erwarb Bodmer beispielsweise Autographen von Erasmus von Rotterdam, Machiavelli, Goethe, Schiller und Heine, aber auch mittelalterliche Handschriften wie einen Mainzer Kanon des Konzils von Aachen aus dem Jahre 815 oder eine Homilie von Paulus Diaconus. Zu einem weitereren bedeutenden Kunden Breslauers wurde auch der Schweinfurter Industrielle Otto Schäfer.1977 zog es den Antiquar nach New York. Einige der wichtigsten Käufer lebten in der Neuen Welt, erklärt er. Dort zählten die New Yorker Morgan Library, Harvard University und das J. Paul Getty Museum zu seinen Kunden. Aber auch für die Württembergische Landesbibliothek ersteigerte er 1978 ein Exemplar der Gutenberg-Bibel für sage und schreibe 2,2 Millionen Dollar den höchsten Preis, der bis dahin jemals für ein Buch bezahlt worden war. Die Frage, welche der vielen durch seine Hände gegangenen Handschriften und Drucke, ihn am meisten bewegt haben, beantwortet Breslauer erst nach einer Denkpause. "Es waren so viele, da muß ich überlegen", sagt er und zündet sich kunstvoll eine Zigarre an. Der Rauch der kubanischen Cohiba schwebt in der Luft. Dann plötzlich funkeln Breslauers Augen: "Ein eigenhändiges Sonett von Michelangelo", schwärmt der alte Mann, "war vielleicht das wunderbarste Stück." Die Dichtung des Renaissance-Genies habe er vor vielen Jahren aus der Sammlung des florentinischen Prinzen Ginori-Conti erworben und an Bodmer weiterverkauft. Und dies sei auch eines der wenigen Male gewesen, wo er es bereut habe, ein Kostbarkeit nicht für sich behalten zu haben. "Wissen Sie", erklärt Breslauer, "der eigentliche Unterschied zwischen dem Antiquar und dem Sammler ist, daß sich Ersterer vom Erlös eines Buches ein anderes kaufen kann." Einmal in seinem Katalog dokumentiert, könne auch er sich von einem Werk trennen.Die 111 Kataloge seines Hauses, die unter dem Namen "Bibliotheca Bibliographica Breslaueriana" erschienen sind und von denen er 57 selbst verfaßt hat, sind Breslauers ganzer Stolz. In fünfhundert Exemplaren gedruckt, gehen diese an Interessenten in aller Welt, etwa die Hälfte von ihnen sind Sammler, die andere Hälfte sind Museen und Bibliotheken. Daneben besitzt Breslauer auch eine der größten Sammlungen von Literatur zur Geschichte des Buchs und der Einbandkunst und alter Buchkataloge seine ganz besonderen Steckenpferde. Über 7 000 Bände befinden sich in seiner Wohnung. Breslauer entschließt sich, einige seiner Schätze vorzuführen. Er springt auf und eilt zu Bücherschränken und Vitrinen. Handschriften, Inkunablen, die erste Bibliographie theologischer Literatur von Johannes Trithemius aus dem Jahre 1494, für den Bischof von Eichstätt in einen zeitgenössischen Kalbsledereinband gebunden, werden aus den Regalen gezogen. Weitere kostbare Stücke sind der Katalog der ersten dokumentierten Buchauktion in London 1676, bei welcher die Sammlung des Theologen Lazarus Seaman versteigert wurde, sowie die 1545 in Wesel am Rhein erschienene erste Bibliographie britischer Autoren. Breslauers Exemplar stammt aus der Bibliothek Thomas Wottons (1521 1582), einem der frühen englischen Büchersammler. Jedesmal zögert Breslauer wie jeder besessene Sammler , die Kostbarkeit aus der Hand zu geben. "Seltene Bücher führen ein verborgenes Leben", sagt er; "nicht jedem kann man die zerbrechlichen Objekte einfach so in die Hand drücken." "Richtig weh tut es mir", fügt er hinzu, "wenn ich sehe, wie Leute manchmal Bücher aufreißen."An den Wänden der New Yorker Wohnung hängen Handzeichnungen von Nolde, Toulouse-Lautrec, Pascin, Kandinsky und eine Sammlung mittelalterlicher Buchmalereien. Illuminationen des 11. bis 17. Jahrhunderts, darunter Blätter aus Augsburger Handschriften, schwäbische Federzeichnungen, französische Miniaturen, wie etwa vier Zeichnungen, die im späten 15. Jahrhundert am Hof Jean Bourdichan für das Stundenbuch Ludwigs XII. angefertigt wurden. Breslauer macht bei unserer kleinen Besichtigungstour vor dem Kamin halt. Auf dem Sims stehen Bilder der Berliner Jugend. Ein Zug von Melancholie ist zu spüren. "Ich war alt genug, um das Beste der deutschen Kultur in mir aufzunehmen", sagt Breslauer plötzlich, "glücklicherweise aber auch jung genug, um eine neue Welt in mir aufzunehmen." Vor wenigen Wochen habe er seinen 80. Geburtstag feiern können, fügt er noch hinzu. Die Entscheidung, sein Archiv nun nach Berlin zu geben, sei wohl auch eine Art Versöhnung mit Deutschland. "Lange habe ich mir diese Entscheidung überlegt", sagt der Herr der Bücher, "doch am Ende möchte ich ein Zeichen der Hoffnung setzen der Kreis meines Lebens soll sich in in Berlin schließen."