Wenn von ihr die Rede war, ohne dass man sie als Tochter des Dichters Bert Brecht bezeichnete, hat Hanne Hiob etwas gefehlt. "Da dachte ich: Was ist denn nun los?" Belastet habe sie das nie. "Sich einem Genie unterzuordnen, das ist doch etwas . Das ist doch ganz selbstverständlich." Als Hanne Marianne Brecht ist sie am 12. März 1923 in der Münchner Akademiestraße, der Wohnung von Bert Brecht und der Opernsängerin Marianne Zoff, geboren. Auf Wunsch des Vaters wurde sie katholisch getauft. Die Geburt war ihm Anlass genug für die Kurzgeschichte "Der Machandelbaum", Widmung: An Marianne allein.Hiob wurde zu einer bekannten Interpretin der Werke ihres Vaters, und sie beerbte ihn auch politisch. Mit 86 Jahren ist sie am Dienstag in München gestorben, wie das Büro der Brecht-Erben mitteilte. Sie war mit einem Arzt verheiratet - daher der alttestamentarische Name - und hinterlässt keine Kinder. Sie hat keine gewollt. "Ich hab nicht das Gefühl, mich fortpflanzen zu müssen, weiterleben zu müssen in Kindern, überhaupt weiterleben zu müssen ..." Sie sorgte dafür, dass Brecht in ihr weiterlebte. Carl Zuckmayer bezeichnete die Ähnlichkeit zu ihrem Vater als "erschreckend".Die Ehe mit Marianne Zoff hielt nicht, Hanne Hiob vermutet viele Jahre später, dass die vielen Frauen, die auf Brecht geflogen seien, der Grund waren. Zu dieser Zeit schrieb Brecht seinen "Baal", ein noch unideologisches Drama über ein kompromissloses Genie - das Stück trug, versteht sich, autobiografische Zügen. Es sollte eigentlich "Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!" heißen. Der titelgebende Lyriker verbraucht einige Frauen und ersticht zuletzt seinen Freund. Im Dezember 1923 wurde Brecht dafür mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet.Zu Hause ging es etwas braver zu, wie einer Notiz von Arnolt Bronnen zu entnehmen ist: "Er liebte die kleine Hanne, er war ein sehr zärtlicher Vater, aber er liebte auch seine Arbeit, seine Mitarbeiter, seine Gedanken. Das war dann schwer miteinander zu vereinbaren, wenn die temperamentvolle, laute energische Frau die Grenzen zwischen Flascherlzeit und Arbeitszeit mehrmals des Tages sprengte."Als Hanne zwei Jahre alt war, trennten sich die Eheleute. Brecht: "Ich bin ganz ratlos wegen Hanne, die ich nicht weglassen kann." Drei Jahre später heiratete Zoff den Schauspieler Theo Lingen, der es sich während der Nazi-Herrschaft wegen seiner Popularität leisten konnte, zu der jüdischen Herkunft seiner Frau zu stehen. Während Hannes leiblicher Vater durch die Welt flüchtete, konnte sie in Wien das Lyzeum besuchen, eine Tanz- und Schauspielausbildung absolvieren und es zur Ballettelevin an der Staatsoper bringen. Der Kontakt brach nicht ab, sie besuchte ihn im Exil in Dänemark und in der Schweiz. Nach einem zweijährigen Engagement in Salzburg wirkte sie - der Stiefvater dürfte ein wenig nachgeholfen haben - in so erbaulichen Filmen wie "Luna" und "Es fing so harmlos an" mit.Brecht hatte Unrecht und vor allem keinen Erfolg, als er der jungen Schauspielerin auf recht unpädagogische Weise eine Schauspielkarriere ausreden wollte: "Du bist genauso wenig für die Bühne geeignet wie ich", soll er gesagt haben. Sie wurde am Wiener Volkstheater engagiert, am Stadttheater Straubing und - nach einer mehrjährigen krankheitsbedingten Pause - in Berlin, wo sie von 1953 bis 1958 bei Oscar Fritz Schuh im Theater am Kurfürstendamm auftrat. Brecht revidierte denn auch seine Meinung, er soll sogar geweint haben, als er sie spielen sah und wollte sie als Antigone besetzen, doch bevor es dazu kam, starb er.Obwohl Gustaf Gründgens wenig mit Hiobs Spielweise - mit Brechts Theater überhaupt - anfangen konnte, war er geschickt genug, sie zu engagieren und ihr zu der Schlüsselrolle ihres Lebens zu verhelfen - natürlich in einem Brecht-Stück. Sie spielte in Hamburg 1959 zum ersten Mal die Titelrolle in "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", Inszenierungen im Berliner Ensemble (1968) und bei den Ruhrfestspielen (1971) folgten.Auch als sie 1976 das Theater aufgab, blieb sie, wie ihre Namensvetterin von den Schlachthöfen, eine Kämpferin für die kleinen Leute. Sie ist in der politischen Radikalität der letzten Geliebten von Brecht, der drei Jahre jüngeren, ebenfalls links eingestellten Käthe Reichel, gar nicht unähnlich gewesen. Obwohl Hiob am liebsten allein und - wie ihr Vater - kein Mitglied in irgendeiner Partei war, nahm sie an Demonstrationen teil, zum Beispiel als das ehemalige NSDAP-Mitglied Karl Carstens zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Bei diesen Gelegenheiten verlas sie "Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy", ein Gedicht von - Brecht. Das brachte ihr 1980 einen Prozess mit Franz Josef Strauß ein.Vor vier Jahren erhielt Hanne Hiob als erste Künstlerin überhaupt den Aachener Friedenspreis für ihr Lebenswerk im "Kampf gegen Faschismus und Rechtsradikalismus". In ihrer Dankesrede stellte sie fest, dass sie für ihre künstlerischen Leistungen nie ausgezeichnet wurde. Bis zuletzt zog sie durch Deutschlands Schulen und wiegelte mit Brecht-Gedichten die Jugend auf. Sie blieb ihrem Vater treu.------------------------------"Todesgedanken? Was heißt das? Was reden Sie denn jetzt für einen Unsinn? Ich bin Realist."Hanne Hiob im Interview------------------------------Foto : Hanne Hiob (1923-2009) in "Die Gewehre der Frau Carrar", einem verfilmten Drama ihres Vaters