BERLIN, 4. Juli. Sie war eine Ikone der Lebe-schnell-und-stirb-früh-Generation. In einem Alter, in dem ihr noch kein Supermarkt eine Flasche Bier verkauft hätte, lebte sie allein in einer zweistöckigen Villa, die sie sich von selbst verdientem Geld gekauft hatte. Mit zwölf hatte sie ihren ersten Job bekommen, mit vierzehn ließ sie sich für volljährig erklären, um bei ihrer Arbeit nicht vom Jugendschutz beengt zu werden. Mit 18 durfte sie mit Martin Scorsese und Robert De Niro arbeiten, und sie wurde promt für einen Oscar nominiert ("Kap der Angst"). Woody Allen engagierte Juliette als Flirt für seinen nächsten Film. Selbst auf der Leinwand küsst Allen nur junge, attraktive und begabte Frauen. Juliette Lewis' Rolle in "Ehemänner und Ehefrauen" konnte also als eine Art "Arthouse Oscar" verbucht werden, denn wenn die Schauspielerinnen einzig nur gut küssen, werden sie von Allen später aus dem Film herausgeschnitten.Kochen für Brad Pitt Juliette Lewis geschah dies nicht. Die junge Schauspielerin war gut, erfolgreich und berühmt. Und sie war eigensinnig. So weigerte sie sich, ihre Achselhaare zu entfernen, eine ungeheure Demonstration rebellischer Eigenartigkeit, die zu allerlei Gerede, Geschreibe und Interview-Gefrage führte. Drogen und Alkohol? Gab es auch, natürlich. Sie hatte alles durch. Selbst den Entzug.Und sie hatte Brad Pitt. Fünf Jahre lang. Dann wurde ihr zehn Jahre älterer Liebhaber Superstar und parkte bei der Blondine Gwyneth Paltrow zwischen. Juliette Lewis litt, sehr artikuliert und öffentlich. Ewig werde sie ihn lieben, sagte sie. Sie hatte für ihn sogar kochen gelernt. Sie bewunderte alles an Brad Pitt, selbst seinen Hang zu harmonisierenden Gepäckteilen. "Er hatte schwarze Gepäckstücke. Die passten zusammen! Mein Gepäck war zusammengewürfelt." Später heiratete sie ein anderes männliches Sexsymbol, den Profi-Skateboarder Steve Berra, der mittlerweile selbst in Hollywood spielt. Die Hochzeit war, wegen der schönen Zahlen, am 9.9.1999. Mit zwanzig war Juliette Lewis auf dem Wege, eine Art Indie-Popstar unter den Schauspielerinnen zu werden. Bockigkeit, Naivität, Dummheit sogar stilisierte sie in ihren Filmen zu manieristischen Showstücken, die man lieben oder hassen, nicht aber vergessen konnte. Am besten war sie, wenn sie Schlichtheit des Intellekts mit Bosheit des Herzens verband. In "Kalifornien" zum Beispiel. Amerikas Starkritiker Roger Ebert schrieb, dass Brad Pitt und Juliette Lewis darin mit den erschütterndsten und überzeugendsten Darstellungen zu sehen seien, die er je erlebt habe. Adeles denkwürdig bezeichnender Satz war: "Ich habe früher geraucht, aber Early hat es mir abgewöhnt." Diese einfältige Kindfrau, Freundin des Mörders Early, mit ihrem Haarzuppeln und dem derangiert schmollenden Mund, kann im Nachhinein auch als Generalprobe zu Juliette Lewis' Darstellung in "Natural Born Killers" von Oliver Stone gesehen werden. Als psychotische Killerbiene treibt Lewis zusammen mit Woody Harrelson den Blut- und Gewaltrausch auf die Spitze. Manierismus pur. Obwohl dieses beängstigende Kunststück bewusst weit über den Rahmen naturalistischer Schauspielerei hinausgegangen war und nichts darin lebensnahe war, sollten die filmischen Verbrecherexzesse der beiden doch im richtigen Leben imitiert werden. Ein Jahr später kam "The Baseball Diaries" in die Kinos, der Film, der als Vorbild für das Highschool Massaker von Littleton gilt. Auch ein Juliette-Lewis-Film. Vielleicht war es ein Zufall, vielleicht war es ihre lustvoll schnoddrige Hardrock-Attitüde, die zum Nachspielen animierte, gerade weil sie so übergroß war. Sie hat schnell gelebt und viel erlebt. Im vergangenen Jahr ist sie 30 geworden. Jetzt ist sie in einem französischen Film zu sehen, was für viele Hollywood-Fans schlimmer ist als der Tod. Als böser Witz, den die kalifornischen Filmmenschen gerne über den Filmgeschmack der Franzosen machen, gilt der Hinweis auf deren Bewunderung für den Komiker Jerry Lewis, der auch in einem französischen Film gelandet war - in "Arizona Dream". Wie ernst kann man Leute nehmen, die einen Star von gestern bewundern, lautet die hämische Frage. Auch Juliette Lewis war aus der Mode gekommen. Warum also nicht etwas anderes probieren? Leider gibt der französische New-Age-Western "Blueberry", der jetzt in unseren Kinos angelaufen ist, ihr nicht viel Raum dafür. Doch singen darf sie darin immerhin - wunderschön falsch. Ob das ihre Zukunft ist? Vor einer Woche startete Juliette Lewis mit ihrer Rockband The Licks eine Konzert-Tour. Vielleicht heißt der Imperativ bei ihr ja: Lebe schnell - und beginne dann ein anderes Leben. ------------------------------Früher Start // Juliette Lewis wurde am 21.Juni 1973 in Los Angeles, Kalifornien, geboren. Ihr Vater ist selbst Schauspieler und unterstützte die frühen schauspielerischen Ambitionen seiner Tochter.Mit zwölf Jahren spielte Juliette Lewis ihre erste Hauptrolle in der TV-Miniserie "Homefires". 1988 wirkte sie erstmals in einem Kinofilm mit. Titel: "Rohr frei für Familie Hollowhead".Brad Pitt war erstmals ihr Filmpartner in dem Streifen "Too Young To Die", in dem sie eine 15-Jährige auf dem Weg zur Todeszelle darstellte.Der Durchbruch gelang Juliette Lewis im Jahr 1992 in Martin Scorseses Film "Kap der Angst". Für ihre Rolle als unsichere und zugleich verführerische Minderjährige erhielt sie einen Golden Globe.------------------------------Foto: Juliette Lewis als Maria Sullivan im Western "Blueberry und der Fluch der Dämonen" - jetzt im Kino.