Thomas Müller ist weit gekommen, bis nach Südafrika. Von dort guckt er uns lieb aus dem Fernseher an und grüßt seine beiden Omas und den Opa. Seine Haare sind noch vom Spielen verwuschelt. Doch er kann schon wieder ganz ruhig erzählen, wie er die letzten anderthalb Stunden verbracht hat.Das passt zu ihm und seiner neuen Rolle als Torjäger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Karen Duve hätte die Fortsetzung seiner Geschichte nicht besser erzählen können, als es Jogi Löw mit dem England-Spiel hinbekommen hat. Denn recht eigentlich ist Thomas Müller ja ein Held der Schriftstellerin. Sie hat ihn mit dem Buch "Weihnachten mit Thomas Müller" im Jahr 2003 über den Eichborn-Verlag in die Welt geschickt. Sie brachte drei Jahre später die Fortsetzung "Thomas Müller und der Zirkusbär" in die Läden. Als Buch steht der dritte Teil noch aus. Zunächst gab es den Fernseh-Auftritt Thomas Müllers am Sonntag in der Regie von Joachim Löw.Karen Duve, geboren 1961 in Hamburg, um die Jahrtausendwende mit dem "Regenroman" bekannt geworden, gibt in ihren Büchern allen Wesen gern Namen. Sie entreißt sie damit der Bedeutungslosigkeit und beschreibt beiläufig den Charakter. Den so durchschnittlich klingenden Namen Thomas Müller trägt bei ihr ein abgeliebter Stoffbär. Er trägt ihn mit Würde und Anstand - auch noch an jenem Heiligabend, der Thomas Müller seinen ersten Auftritt in der Literatur bescherte. Die Familie erledigte im Vorfeiertags-Gewühl ihre Einkäufe, und dabei hat Marc Wortmann den Bären fallen gelassen und nicht wieder aufgehoben. Der schleppt sich nach draußen, versucht erfolglos ein Taxi zu nehmen (dem fahrenden Gewerbe widmete Karen Duve im Jahr 2008 einen eigenständigen Roman: "Taxi") und setzt sich schließlich auf einen Brunnenrand in der Hamburger Mönckebergstraße, demütig darauf wartend, wann sich ihm wieder eine Chance bietet. "Zu allem Überfluss hatte Thomas Müller auch noch Wasser in die Ohren bekommen und hörte schlecht und hatte keine Finger, mit denen er sich hätte in den Ohren bohren könne", schreibt Karen Duve.Thomas Müller hätte schimpfen können, aber das passt nicht zu ihm. Auch im Leid ist er noch loyal seiner Familie gegenüber. Als eine schwarze Katze ihn fragt, warum er da in Regen und Kälte sitze, antwortet er: "Ich bin verlorengegangen. Aus Versehen. So etwas kann schon mal passieren." Die Illustratorin Petra Kolitsch muss Jogi Löw vor Augen gehabt haben, als sie die Katze malte, den Mann, der den menschlichen Thomas Müller aus der Anonymität des FC Bayern ins Rampenlicht holte. Groß und schmal ist die Katze, die "Panther, Kaiser über alle Wanderkatzen" genannt werden möchte. Und in weiser Ahnung legte Karen Duve ihr schon damals einen richtigen Trainer-Spruch ins Maul: "Wer jammert, hat noch Reserven."Die Bücher über Thomas Müller sehen aus wie Kinderbücher. Aber so wie Fußball nicht einfach nur ein Spiel ist, sondern eine Begegnung der Charaktere und Philosophien, so wärmen diese Bücher auch Erwachsenen das Herz.Während der erste Band vom Verlieren und Finden handelt, erzählt der zweite von der großen Sehnsucht nach der weiten Welt. Thomas Müller wird vom Zirkusbären Momps verleitet, mit ihm nach Sibirien zu fliehen. Doch so eine Flucht auf dem Fahrrad ist anstrengend, und so ein Zirkusartist kann ziemlich eingebildet sein. Das hätte auch ein Bär von so geringem Verstand gemerkt wie einst A. A. Milnes Pu, ein früher Vorläufer von Duves Holzwolle-gefülltem Helden. "Pu der Bär" findet nicht wirklich den Nordpol, Thomas Müller gelangt nicht nach Sibirien, aber Reisen bildet Mensch und Bär. Jogis verwuschelter Thomas Müller hat ja auch in Südafrika schon viel gelernt.------------------------------Foto: Thomas Müller, als Bär erfunden von Karen Duve, gemalt von Petra Kolitsch