Senzig. 100jähriges Jubiläum in Senzig. 1896 betraten 132 Kinder die neue Schule. Zufällig stürmen heute fast genausoviel aufs Klingelzeichen in ihre Klassen. Doch zwischen den Eckdaten liegt eine spannende Geschichte.Die wachsende Schülerzahl war für die Dorfoberen der Grund, 1895 der Regierung das Projekt zum Schulneubau vorzulegen. Nur wenig geändert wurde es genehmigt. Mit Beginn des Unterrichts im neuen Haus am 1. Mai 1896 wurde aus der Halbtags-Schule ein Haus mit drei Klassen. Neu in der Senziger Geschichte war auch die Einstellung eines zweiten Lehrers.Die Vorgänger mußten sich allein mit der Kinderschar plagen. In der Chronik erstmals erwähnt wird der "sehr arme Schneider und hochverschuldete" Friedrich Wilhelm Hindersin, der als 37jähriger im Jahre 1807 als Lehrer begann und bis 1834 durchhielt. Obwohl er selbst kein "Seminar" besucht hatte, wurde ihm in einer Beurteilung bescheinigt, daß er es "versteht, gut Schule zu halten".Sein Nachfolger wurde der "ungefähr" 36 Jahre alte Carl-Ludwig Valentin. Auch der Schuhmacher, der sich in seiner Freizeit weniger mit seiner Profession und mehr mit Seidenraupenzucht beschäftigte und deswegen in Senzig 36 Maulbeerbäume pflanzte, hatte kein Seminar, wenigsten aber die "Nachhilfeschule" in Wendisch Buchholz und beim Küster in Groß Machnow besucht. 1842 heißt es zu seiner Amtsführung: "Hat natürliche Gabe zur Examinierung der Schulkinder!"Sein Unterricht - gehalten noch in einer Kate hinter der heutigen Drogerie - bestand in der ersten Klasse im wesentlichen aus Religion und Bibellesen. Festgehalten in Valentins überliefertem "Lektions-Plan" aus dem Jahre 1843. Allein die Hälfte der 20 Wochenstunden, verteilt von montags bis sonnabends, mußten die Knirpse damit zubringen. Dazu kamen vier Stunden Schön- und Rechtschreiben, zwei Stunden Rechnen, zwei Stunden Gesang und zwei Stunden Lesen mit Übungen. Die Zweitkläßler, die am Nachmittag unterrichtet wurden, brauchten nur noch 14 Stunden zur Schule zu gehen, mittwochs gar nicht. Religion, Lesen, Religion, Lesen Nur eine Stunde war vollständig den "Zahlenübungen" vorbehalten, sonnabends wurden diese mit "Gesang" kombiniert.Wieviele Kinder zu Valentin - der 1864 in der Schulstube starb - kamen, ist nicht überliefert. Erstmals eine Zahl genannt wird 1878 mit 54 Schulkindern. 1893 waren es 120, die sich allesamt vor Lehrer Dühring in die Bänke quetschten. Petrus auf dem Meere Mit dem Schulneubau 1896 war offensichtlich die Zeit des Dorfschullehrerleins auf Lebenszeit vorbei. Allein von 1897 bis 1906 wechselten sechs Lehrer. 1904, trotz weiter gestiegener Schülerzahl, blieb sogar die zweite Lehrerstelle für ein halbes Jahr unbesetzt. Und im Frühjahr 1906 muß der Unterricht drei Wochen lang ganz ausgefallen sein, weil überhaupt kein Lehrer mehr da war. Zu dieser Zeit betrug das Jahreseinkommen eines ausgebildeten Volksschullehrers 1 100 Mark.1908 gingen in Senzig 186 Kinder zum Unterricht. Erneut wurde eine neues Gebäudes notwendig, das 1910 gleich neben der alten Gemeindeschule errichtet wurde. Im Altbau fiel nun ein Raum ausschließlich für gottesdienstliche Zwecke ab. Übrigens für alle Gläubigen in Senzig, da damals wie heute kein Kirchenbau im Ort existierte. So erklärt sich das Taufbecken, das 1911 auf den Teppich und neben Kruzifix, zwei Leuchter und eine Altardecke gestellt wurde. Der damalige Gemeindevorsteher Friedrich Massante, dessen Vorfahren unter Karl dem Großen aus Frankreich eingewandert waren und dessen Anwesen am Dorfanger heute zusehens verfällt, stiftete das Bild "Petrus auf dem Meere".Im ersten Weltkrieg konnte der Schulbetrieb nur mühsam aufrecht erhalten werden. Alle Lehrkräfte, mittlerweile waren es vier, waren an der Front. Vertreten wurden sie durch Kollegen aus KW. Im März 1933 wurde in der Schule erstmals elektrisch Licht angeknipst. Vier Jahre später trat mit Fräulein Hörich die erste Frau vor die Schüler. Doch die unterrichtete nur einen Sommer. Ihre Nachfolgerin kam aus Wildau. Zumindest ihr Name muß den Knirpsen Respekt eingeflößt haben: Theodora Hurttig.Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist nichts überliefert. Dieter Stibbe, der in seinem Elternhaus unweit der Schule geboren wurde und auch heute noch dort wohnt, wurde 1943 eingeschult. Unterricht in Schichten An "uralte Männer" kann er sich erinnern, die häufig den Rohrstock tanzen ließen. Und an die Bomben, die eigentlich die Funkstation auf dem Berliner Berg treffen sollten, aber in KW und Zernsdorf niederfielen. "Beim Alarm mußten alle in den Keller der Schule." Er aber sei schnell nach Hause gelaufen.Nach dem Krieg hatte der kleine Dieter vor- und nachmittags Unterricht, "weil viele Flüchtlingskinder dazu kamen." Er ging nicht mehr in die Volks-, sondern in die Grundschule. Der Schichtbetrieb konnte erst Ende der 50er Jahre abgeschafft werden, indem Wohnungen von Lehrern zu Klassenräumen umgebaut wurden.Trotz des Aufstiegs zur "Zentralschule" und später zur "Oberschule" mußten noch bis 1971 die Klassenräume mit Kachelöfen geheizt werden. Und erst 1982 erreichte Direktor Heinz Globig nach langen Verhandlungen mit dem Kreisschulrat, daß das Plumpsklo auf dem Hof abgerissen und dafür ein moderner Sanitärtrakt hingestellt wurde. Bei der längst fälligen Modernisierung mußte mit List vorgegangen werden. Neubauten galten damals als Investition und waren bei der DDR-Regierung zu beantragen. Die Aussicht auf Genehmigung war äußerst gering, so Globig in seinen niedergeschriebenen Erinnerungen. Also machte man den Neubau auf dem Papier zur Rekonstruktion, ließ lediglich eine Grundmauer vom Plumpsklo stehen und bekam das Geld vom Kreis.Völlig unzumutbar blieb noch bis Mitte der 80er Jahre der Turnunterricht. Der fand in der stillgelegten Dorfschmiede, heute Autohaus Japke, statt. Zum Freundschaftspreis von 800 Mark zog die PGH Bau Senzig Betonestrich über den festgestampften Lehmfußboden. Das Geld hatten die Schüler sich durch Altstoffsammeln erarbeitet. Auch Thomas Japke trat noch selbst in den eiskalten Gemäuern seiner Vorfahren zu Leibesübungen an. Erkältete Blasen "Weil wir zum Pullern nach draußen in die Büsche gehen mußten", so Japke, seien vom Dorfarzt Dr. Pludra unverhältnismäßig viel Blasenkatarrhe bei den Senziger Kindern diagnostiziert worden. Später sei auch die Hygiene-Inspektion nicht mehr bereit gewesen, die Ausnahmegenehmigung für den Turnraum zu verlängern, so Globig.Einen stichhaltigen Grund zur Veränderung lieferte die Regierung. Per Dekret sollte es nämlich nur noch zehnklassige Oberschulen geben. Wegen Platznot konnte bis dahin nur bis zur 8. Klasse unterrichtet werden. So bekam Senzig 1985 eine Turnhalle und den Schulanbau.Was die Schule nie haben wollte, aber doch bekam, war ein Name. Um "Otto Grabowski" sollten in den 70er Jahren Lehrer und Schüler kämpfen. Doch Globig konnte mit dem antifaschistischen Widerstandskämpfer aus Wildau in Senzig nichts anfangen und lehnte ab. Eine KWer Schule gewann dann "Otto Grabowski" im Einzelkampf. Und "Franz Naumann" - Senziger, Teilnehmer am Kieler Matrosenaufstand nach dem Ersten Weltkrieg und Kommunist - hatte Ragow schon weggeschnappt. Doch wegen Schülermangels dort wurde der Name 1984 schullos. Und 1986 der namenlosen Schule in Senzig übergeholfen. Ganz ohne Kampf.Nun ist die Schule wieder Grundschule. Nicht nur von Eltern besonders geschätzt "wird die fast familiäre Atmosphäre in ländlicher Gegend", so Schulleiterin Sabine Kaszynski. Jeder kennt jeden im Ort. Noch nie sei auch nur ein Fahrrad vom Schulhof verschwunden. Bis Klassenstufe sechs unterrichten acht Lehrerinnen derzeit 135 Schüler. Vorteilhaft sind die relativ kleinen Gruppen. "So packen die meisten den Übergang zu höheren Schulen recht gut", so die 40jährige. Wie ihr Neffe Martin, der jetzt ein Gymnasium in KW besucht und im Senziger Schulhaus noch als Zweitplatzierter einer Kreismathematikolympiade verewigt ist. Schülerzahl steigt Durch anhaltende Bautätigkeit im Ort rechnet Kaszynski für die kommenden Jahre mit einem weiteren Anstieg der Schülerzahl. Schon jetzt bemüht sie sich "mit guten Aussichten" um die Rückgabe des alten Schulhauses von 1896. Das wurde mit dem Auszug der oberen Klassen 1991 an das Bildungswerk der Volkshochschule vermietet. Gruppenarbeit, wie Tanz und Musik, soll demnächst darin stattfinden. Dringend notwendige Reparaturen am Dach und an den Fenstern könnten durch Fördermittel aus dem Topf "Dorferneuerung" realisiert werden.Kaszynskis Prognose könnte Aufgehen. Unter den 20 Erstkläßlern sind immerhin acht "Zugezogene" aus Berlin. Nicht nur denen wird bei aufkommender Langeweile im Unterricht willkommene Ablenkung geboten. Direkt vor den Fenstern der Klassenräume weiden auf wieder abgezirkelten Wiesen Kühe mit ihren Kälbern. Wie vor 100 Jahren. +++