Welt im Spiegel" war eine zweiseitige Beilage, die von 1964 bis 1974 die satirische Zeitschrift "pardon" ergänzte. "pardon" selbst war ein interessanter Fall der westdeutschen Presse, zunächst recht ambitioniert, dann, als das Blatt unter stetig zunehmenden wirtschaftlichen Druck geriet, immer dürftiger; heute würde man darin wohl nur noch mit historischem Interesse lesen."Welt im Spiegel" (WimS) dagegen wirkt auf den Leser ganz erstaunlich frisch. Unter dem majestätischen Titelkopf mit einer gespiegelten Erdkugel, dem Untertitel "Die unabhängige Zeitung für eine saubere Welt" und dem Motto "pro bono, contra malum" (für das Gute, gegen das Schlechte) gab es feste Rubriken wie "Schnuffis Abenteuer", oder "Gut gesagt" ("Quäle keine Kuh zum Gaudi!/ Das tut nur der ärgste Raudi. Jawaharlal Nehru") und dazu freie Stücke wie den Bericht von einer Demonstration des "Freundeskreises für entschiedenen Kapitalismus", zu der sich seinerzeit Generaldirektor Fromms, seine Ehefrau, sein Kebsweib und der Mitinhaber des Sperlingkonzerns, Honorarkonsul Hebauf, versammelt hatten. Eine besondere Freude der drei Autoren Gernhardt, F. W. Bernstein und F. K. Waechter war der Bildungsaffe, dem sie reichlich Zucker gaben; wofür dieser auf das schönste hin und her turnt.Der Nachdruck, den Zweitausendeins gerade mal wieder herausgebracht hat (560 Seiten, 50 Mark) dokumentiert in einem Anhang die Welt im Hintergrund: Werbung dieser Jahre und Zeitungsausschnitte.Dort ist zu finden die Justizbeamtin, deren Lächeln dem der Mona Lisa gleicht; der rheinische Sozialangestellte, der "Adenauer" genannt wird ("Das einzige, was mich so richtig vom Bundeskanzler unterscheidet: Ich werde wohl keine Memoiren schreiben"); der Germanist, der über Heiner Müller die Magisterarbeit schreibt und nun ganz in die Heiner-Müller-Ausstattung geschlüpft ist, oder ein Gedicht, das Karl Gerold, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, zu Ostern 1969 seinen Lesern bot: "Ich fahre lange auf dem Mittelmeer,/ von dort kommt die Kultur Europens her,/ ich bin vermischt mit allem, was da lebt,/ das dort im Wind, wie in den Menschen schwebt,/ von dort her kommt mir dieses in den Sinn:/ entscheidend ist, daß ich ein Mensch und menschlich bin."Und so sehr Welt im Spiegel das westdeutsche Zeitaroma der späten Sechziger, frühen Siebziger atmete, so bemerkenswert ist, daß die meisten Pointen immer noch funktionieren. WimS war der Versuch, die unfreiwillige Komik der Medien zu überbieten, eine Komik, die aus der Anstrengung entsteht, eine jede Begebenheit zu größtmöglicher Bedeutung aufzupumpen. Diese Ranzigkeit hält man gerne für ein Spezifikum der sechziger Jahre. Die anhaltende komische Kraft der "Welt im Spiegel" deutet darauf hin, daß man sich da Illusionen macht. (sp.)

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