Eine Hand ballt sich zur Faust, reckt sich mit einem Ruck gen Himmel. "Rot Front", ruft der Mann am Grab. Er ist nicht der Einzige. Ein anderer trägt zwar keine Uniform, aber er grüßt militärisch wie ein Offizier. Oder ein ehemaliger MfS-Offizier.Etwa 200 Menschen, die meisten von ihnen Männer, sind am Dienstagmorgen auf den Friedhof in Friedrichsfelde gekommen, um bei Erich Mielkes Beisetzung dabei zu sein. Sie halten rote Nelken in den Händen oder Rosen. Sie sind nahezu unter sich. In der Öffentlichkeit galt der Sonnabend als Termin für die Beisetzung des langjährigen Ministers für Staatssicherheit der DDR. Die alten Männer an Mielkes Grab wussten es besser. Einer hat es dem anderen erzählt. "Flüsterpropaganda" nennt es ein Trauergast. Die meisten kennen sich von früher. Es seien Weggefährten des Verstorbenen, aus dem Sport, dem Ministerium des Inneren und "natürlich auch aus dem MfS", sagt Wolfgang Schwanitz, ehemals zweiter Mann im Ministerium für Staatssicherheit. "Die, die dabei sein sollten, waren dabei." Ein anderer kommentiert die fast perfekte Geheimhaltung mit überlegenem Lächeln: "Wir sind eben alle noch miteinander verbunden." Unter den Trauergästen sind frühere Generäle, zum Beispiel der 88-jährige Karl Kleinjung, ehemals Generalleutnant der Stasi. Unter ihnen sind auch einstige Sportfunktionäre wie Günter Erbach und Rudi Hellmann. Beide wurden in diesem Jahr wegen Dopings im DDR-Sport zu Bewährungsstrafen in Höhe von zehn Monaten verurteilt. Die meisten Gäste sind Außenstehenden unbekannt. DDR-Prominenz ist nicht dabei. Der letzte DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz nicht, Armeegeneral Heinz Keßler nicht und auch nicht der frühere Chefagitator Karl-Eduard von Schnitzler. Keßler und Schnitzler seien krank, heißt es. Eigentlich sollte Mielke auf dem Platz vor der "Gedenkstätte der Sozialisten" gedacht werden, so hatte es sich der Verstorbene gewünscht. Aber die Friedhofsverwaltung hat eine Trauerfeier vor der Gedenkstätte verboten. "Aus Denkmalschutzgründen", wie es zur Begründung hieß. Kurt Wauer von der Kommunistischen Partei vermutet, dass andere Gründe dahinter stecken: "Die Diener des Imperialismus bestimmen, was gemacht wird." Wauer hatte im Juni 1994 eine Trauerfeier für Erich Honecker auf dem Friedhof in Friedrichsfelde organisiert. Die für den ehemaligen Stasi-Chef organisierten ehemalige MfS-Mitstreiter selbst.Die Trauerrede hält Willi Opitz. Opitz war einmal Dozent an der MfS-Hochschule in Potsdam. In der Feierhalle, in der er eine halbe Stunde lang spricht, ist kein Platz mehr frei. Bis zur Tür stehen die Trauergäste dicht gedrängt. Opitz steht vorn, gleich neben der Urne und der roten Fahne. Er lobt Mielkes Kampf für den Sozialismus. Sagt, Mielke habe von der ersten Stunde an zur DDR gestanden und für die DDR gearbeitet. Und Opitz hebt hervor, dass Mielke "allen Anfeindungen widerstand". Später wird Opitz von den Trauergästen für seine Rede gelobt. Mit Journalisten redet er nicht. "Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben."Klaus Feske vom "Solidaritätskomitee für Opfer politischer Verfolgung" hat während der Trauerrede in der dritten Reihe gesessen. Er kennt Mielke. Er hat ihn zwei Mal besucht, als er wegen der Polizistenmorde vom Bülowplatz im Gefängnis saß. Feske sagt, er habe Mielke "geachtet und geschätzt, als Spanienkämpfer und als Antifaschisten".Auf der grünen WieseWährend der Trauerzug zu Mielkes Grab zieht, spielt ein Trompeter das Lied vom "lustigen Rotgardistenblut". So hat es sich Mielke gewünscht. Mielkes Sohn Frank und Mielkes Ehefrau Gertrud gehen voran. Es ist ein anonymes Urnengrab. Es wird auch "grüne Wiese" genannt, weil es keine Grabsteine und keine Schilder mit Namen gibt. Etwa 500 Menschen sollen dort beerdigt sein. Als sich die Urne in die Erde senkt, sagt Opitz: "Du bleibst unvergessen." Kurz nach 11 Uhr ist die Feier vorbei. Die Trauergäste steigen in ihre Autos und fahren davon. Wenig später ist das Loch in der Erde zugeschüttet. Die Kränze liegen noch auf dem Rasen. Die meisten tragen Schleifen ohne Namen. Auf einer steht: "Wir danken dir".In den Abendstunden muss am Grab noch der polizeiliche Staatsschutz Ermittlungen aufnehmen. Unbekannte haben die Blumen zertreten. (sd., cd., hel.)BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Rote Nelken für den früheren Stasi-Chef: Erich Mielkes Sohn Frank am Urnengrab.

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