EDMONTON, 5. August. Der Kanadier Richard Pound wird noch einige Monate die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) leiten. Doch im Februar 2002, wenn Pound das Amt abgibt, dürfte er sich aus der Führungsriege des Weltsports verabschieden. Dies deutet sich nach dem ersten Interview an, das er seit seiner Niederlage bei der IOC-Präsidentschaftswahl am 16. Juli gewährte. Der Zeitung "The Globe and Mail" sagte Pound: "Ich kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." Er könne nicht wieder in Verhandlungen mit IOC-Sponsoren und Fernsehsendern treten und sagen: "Hi, ich bin Dick Pound, ich repräsentiere das IOC. Die würden mir antworten: Entschuldigung, aber gab es da nicht ein paar Stimmen mehr für jemand anderen?" Resignation des IOC-RettersDer 59 Jahre alte Anwalt aus Montreal ist seit 1978 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Er gilt als Retter des IOC im Krisenwinter 1998/99. Doch wurde ihm sein Einsatz nicht, wie von ihm erhofft, vergolten: In Moskau wählte das IOC den Belgier Jacques Rogge zum Nachfolger von Juan Antonio Samaranch. Unter fünf Kandidaten kam Pound noch hinter seinem Intimfeind Kim Un Yong (Südkorea) auf Rang drei. Das schmerzte ihn so, dass er sofort alle Ämter niederlegte. Pound sagte nun, viele europäische IOC-Mitglieder, auf deren Unterstützung er gebaut habe, hätten sich spät von ihm abgewandt: "Sie sagten mir: Wir wissen, dass du der Beste für diesen Posten bist. Aber um sicherzugehen, dass Kim nicht gewinnt, müssen wir für einen anderen stimmen."Dem IOC-Präsidenten Rogge versicherte Pound vorige Woche, die Wada noch ein halbes Jahr zu leiten. Eine Entscheidung über seine Tätigkeit als Marketingchef wollte er bis September fällen. Dass er in "The Globe and Mail" nun aber Seitenhiebe verteilt, werten langjährige Weggefährten als Zeichen von Resignation - und als groben taktischen Fehler, der eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Rogge unmöglich mache. "Dick hat immer geglaubt, dass ihm die IOC-Mitglieder auf ewig dankbar sind, weil er diese wunderbaren, milliardenschweren Marketingverträge abgeschlossen hat", sagte das kanadische IOC-Mitglied Les McDonald. "Doch er hat sich getäuscht. Über die Verträge redet niemand mehr. Das wird einfach hingenommen als Selbstverständlichkeit." Samaranchs Ära "endete in einer Orgie der Selbstglorifizierung", sagte Pound. Der Spanier habe sich wohl schon 1995 gegen ihn entschieden. Damals hatte Pound auf der IOC-Session in Budapest verhindern wollen, dass Samaranch die Altersbeschränkung für IOC-Mitglieder von 75 auf 80 Jahre anhebt. Der Widerständler Pound scheiterte. Denn durch die Regeländerung sicherte sich Samaranch eine weitere Präsidentschaft. "Damals wird sich Samaranch gesagt haben: Was immer passiert, Pound darf nicht mein Nachfolger sein." Wäre der Bestechungsskandal um Salt Lake City nicht öffentlich geworden, hätte Samaranch womöglich das Alterslimit auf 85 Jahre angehoben und wäre noch immer IOC-Präsident, sagte Pound: "Denken Sie bloß nicht, dass er nicht mit diesem Gedanken gespielt hat."Als IOC-Chefermittler im Bestechungsskandal habe er sich mehr Feinde gemacht, sagte Pound. Nach der Beweislage hätte der stark belastete Kim eigentlich ausgeschlossen werden müssen. "Doch Samaranch gab sein Bestes, um ihn drin-zubehalten." Und damit Pound zu schaden. Später unterstützte Samaranch dann Rogges präsidiale Kandidatur. Pound bezeichnete sich als "ein bisschen naiv", weil er dennoch bis zum Wahltag daran glaubte, IOC-Präsident werden zu können. Erst auf der Busfahrt zur Verkündung des neuen IOC-Präsidenten sei ihm seine Niederlage bewusst geworden. Niemand habe ihm in die Augen geschaut, sagte Pound, der die Einsamkeit des Verlierers erleiden musste: "Ich habe mich in diesem Moment wie ein Ninja-Kämpfer gefühlt. Sie konnten mich einfach nicht mehr sehen."