Hohes Fieber, Blutungen und Lähmungserscheinungen beim Borstenvieh - so sieht der Alptraum jedes Schweinehalters aus. Denn die Symptome deuten darauf hin, dass sich die Tiere mit der Klassischen Schweinepest angesteckt haben. Diese Viruserkrankung ist zwar für Menschen völlig ungefährlich, gehört aber zu den gefürchtetsten und wirtschaftlich verheerendsten Tierseuchen überhaupt. Ein Heilmittel gibt es nicht, viele Schweine sterben an der Krankheit. Und selbst die überlebenden Tiere eines betroffenen Betriebes sowie sämtliche Schweine im Umkreis von einem Kilometer werden oft vorsorglich getötet, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Allein 1997 kostete ein einziger großer Schweinepest-Ausbruch in den Niederlanden mehr als zwölf Millionen Tiere das Leben.Wissenschaftler suchen daher mit Hochdruck nach Methoden, der Seuche auf tierfreundliche und wirtschaftliche Weise Herr zu werden. Deshalb haben Forscher in diesem Monat ein internationales Projekt gestartet, bei dem sie in den nächsten vier Jahren einen neuen Impfstoff zur Marktreife bringen und Strategien für seinen Einsatz entwickeln wollen. Rund drei Millionen Euro steckt die EU in das Vorhaben, an dem sich das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Ostseeinsel Riems, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und 15 weitere Einrichtungen aus aller Welt beteiligen.Die Forscher interessieren sich dabei nicht nur für krankheitsgeplagte Hausschweine, sondern auch für deren wilde Verwandte. Denn Jürgen Teuffert und seine Kollegen vom Institut für Epidemiologie des FLI im brandenburgischen Wusterhausen/Dosse haben in langjähriger Detektivarbeit festgestellt, dass die von Jägern auch Schwarzkittel genannten Tiere für die Verbreitung der Seuche eine wichtige Rolle spielen. Bei sechzig Prozent aller Schweinepest-Ausbrüche in Landwirtschaftsbetrieben wird der Erreger demnach aus einem Wildschweinbestand eingeschleppt. Es kann dazu schon genügen, dass der Bauer mit dem Traktor über eine Wiese fährt, auf der vorher infiziertes Schwarzwild unterwegs war.Sobald in einer Region kranke Wildschweine auftauchen, sind deshalb Tiermediziner und Landwirte alarmiert. "In früheren Jahrzehnten war die Gefahr oft schnell wieder vorbei", sagt Hans-Hermann Thulke vom UFZ. Denn der Erreger raffte die infizierten Schwarzkittel in so rasantem Tempo dahin, dass er bald keine neuen Opfer mehr fand und sich damit selbst vernichtete.Seit einigen Jahren aber beobachten Wissenschaftler europaweit immer mehr Fälle, in denen das Virus nicht von selbst wieder verschwindet. Stattdessen nistet es sich dauerhaft im Wildschweinbestand ein und lässt die Seuche immer wieder neu aufflammen.Wieso aber verläuft das Krankheitsgeschehen heutzutage anders als früher? Diesem Rätsel sind Hans-Hermann Thulke und seine Kollegen mithilfe von Computermodellrechnungen nachgegangen. Auf ihren Bildschirmen wandern virtuelle Wildschweine durch Landschaften mit guten und schlechten Lebensbedingungen. Computer-Frischlinge kommen zur Welt und wachsen heran, pflanzen sich fort und sterben schließlich. Und manchmal infizieren sie sich mit der Schweinepest."Die Seuchenspezialisten vom FLI haben uns die Grundlage für die Simulation des Krankheitsgeschehens geliefert", sagt Hans-Hermann Thulke. Zu den Informationen gehörten etwa die Inkubationszeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit und die Frist, wie lange ein Tier Erreger ausscheidet, die seine Artgenossen befallen können. Diese Daten haben die UFZ-Forscher in ihre Modelle eingebaut. Damit berechnet der Computer wochengenau das wahrscheinliche Schicksal jedes einzelnen virtuellen Schweins. So lässt sich beobachten, unter welchen Bedingungen sich die Viren hartnäckig in der virtuellen Schweinewelt halten, statt wieder zu verschwinden.Demnach braucht der Erreger zum langfristigen Überleben vor allem eine günstige Mischung von unterschiedlich fitten Wildschweinen. "Neben den Todeskandidaten muss es auch genügend Tiere geben, die wieder gesund werden und dann immun gegen die Krankheit sind", sagt der Leipziger Forscher. Denn nur diese werfen reichlich Nachwuchs und liefern dem Virus so immer wieder neue Opfer. Das allein genügt aber auch nicht, zeigen die Simulationen. Schließlich werden im Winter keine Frischlinge geboren. Wenn dann alle Schweine entweder verendet oder immun geworden sind und dem Erreger genügend Abwehrkräfte entgegensetzen, braucht er noch eine dritte Gruppe von Wildschweinen, die monatelang kränkeln, dabei Viren ausscheiden und so wieder andere Artgenossen anstecken. Mithilfe solcher chronisch kranken Tiere kann das Virus überwintern, bis die nächste Generation von potenziellen Opfern zur Welt kommt.Vor einigen Jahrzehnten hat der Erreger also offenbar zu stark unter den Schwarzkitteln gewütet. Er hat nicht genügend immune und chronisch kranke Tiere übriggelassen, um selbst überleben zu können. Warum aber schafft er das heute? Weniger aggressiv ist er nicht geworden, zeigen Untersuchungen des FLI. Doch heutige Wildschweine widerstehen dem Virus besser als ihre Artgenossen in früheren Jahrzehnten. "Das könnte an der veränderten Landnutzung und am Klimawandel liegen", sagt Hans-Hermann Thulke. So macht der zunehmende Anbau von Mais und anderen Energiepflanzen viele Regionen zum Schlaraffenland für Schwarzwild. Zugleich zehren die milder werdenden Winter weniger an den Kräften der Tiere. Ein kräftiges, wohlgenährtes Schwein aber kann dem Erreger mehr Abwehrkräfte entgegensetzen - und sichert ihm so das Überleben.Diesen Teufelskreis kann man mit einem hochwirksamen Impfstoff durchbrechen. "Er schützt die Tiere schon nach wenigen Tagen vor der Krankheit und verhindert die Vermehrung der Viren in ihrem Körper", berichtet Martin Beer, der am FLI das Institut für Virusdiagnostik leitet. Mit diesem Impfstoff präparierte Köder legen Jäger derzeit in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz aus, weil der Erreger dort seit Anfang des Jahres mehrfach bei Wildschweinen nachgewiesen wurde.Bei Hausschweinen wirkt die Impfung genauso gut. Doch sie hat einen Haken. Die geimpften Tiere lassen sich nicht mehr von tatsächlich infizierten Artgenossen unterscheiden, weil beide die gleichen Antikörper gegen den Schweinepest-Erreger bilden. Das hat mehrere Nachteile. Zum einen ist das erneute Einschleppen des Erregers in einen geimpften Bestand nicht nachweisbar. Zum anderen darf das Fleisch der geimpften Hausschweine nach EU-Recht nicht vermarktet werden. Beer: "Wir brauchen deshalb dringend einen neuen Impfstoff, bei dem diese Probleme nicht auftreten."In den vergangenen vier Jahren haben er und seine Kollegen sich intensiv mit der Entwicklung eines solchen Impfstoffs beschäftigt. Sie verwendeten dazu ein mit dem Schweinepestvirus nahe verwandtes Rindervirus als Basis. Aus dem Erbgut dieses Erregers der Bovinen Virusdiarrhoe haben sie die Erbinformation für ein bestimmtes Eiweiß entfernt und stattdessen das entsprechende Gen des Schweinepestvirus eingebaut. Wird ein Schwein mit einem solchen veränderten Virus geimpft, entwickelt es schützende Antikörper, die gegen das vom Impfvirus produzierte Schweinepest-Eiweiß gerichtet sind. Andere Schweinepest-spezifische Antikörper, die sonst bei Infektionen mit der Krankheit auftreten, werden nach der Impfung nicht mehr gebildet. Auf diese Weise lassen sich die geimpften von den tatsächlich infizierten Schweinen unterscheiden."Grundsätzlich funktioniert die Methode schon sehr gut", sagt Martin Beer. Der markierte Impfstoff biete einen ebenso guten Schutz wie das bisher beste Präparat auf dem Markt. Da es sich um einen gentechnisch veränderten Impfstoff handelt, muss er allerdings ein besonders strenges Zulassungsverfahren der Europäischen Arzneimittelagentur in London durchlaufen. Die dazu nötigen umfangreichen Tests planen die Mitarbeiter des gerade gestarteten EU-Projekts für die nächsten vier Jahre.Die UFZ-Forscher werden nun mit ihrem Computermodell verschiedene Impfstrategien simulieren, kündigt Hans-Hermann Thulke an: "Dabei wollen wir herausfinden, wann, wie oft und in welchem Umkreis um einen entdeckten Infektionsherd man impfen sollte." Die Antworten auf diese Fragen könnten künftig zahlreichen Schweinen das Leben retten - und Landwirten eine Menge Geld sparen.------------------------------"Früher hat das Virus kaum einen Winter überlebt. Heute ist das anders - das könnte am Klimawandel liegen." Hans-Hermann Thulke, Umweltforschungszentrum Leipzig------------------------------Foto: Wildschweine stecken das im Stall lebende Borstenvieh leicht mit der Schweinepest an. Um die Hausschweine künftig besser vor den gefährlichen Erregern schützen zu können, untersuchen Wissenschaftler nun, wie die Krankheit vom Wald in den Stall gelangt.