BERLIN. Die Solarindustrie steht weltweit vor einem Umbruch. Die Preise für Photovoltaik-anlagen sind dieses Jahr so drastisch gesunken, dass in der Branche kein Stein auf dem anderen bleibt. Es zeigt sich: Je billiger Photovoltaik wird, desto härter trifft es die deutschen Hersteller. Die Abwanderung nach Asien beschleunigt sich.Über einen Preissturz in bis dato ungekanntem Ausmaß herrscht inzwischen kein Zweifel mehr. Reyad Fezzani, Chef der Solarsparte des Energieriesen BP, sagt: "Dieses Jahr ist der Preisverfall am Solarmarkt extrem. Schon jetzt liegen die Preise für Solarmodule mindestens ein Drittel niedriger als vor einem Jahr, zum Teil sogar 40 Prozent." Auch BP habe seine Preise um 30 bis 40 Prozent im Jahresvergleich gesenkt.Im Tal der TränenLange rissen die Kunden der Industrie die Solaranlagen aus den Händen. Das ist vorbei. Fezzani schätzt: "Voriges Jahr wurden weltweit Photovoltaikmodule mit einer Leistung von fünf Gigawatt verkauft. Dieses Jahr erwarten wir eine Stagnation oder sogar ein Absinken um bis zu 15 Prozent." Das hat ein gewaltiges Überangebot zur Folge."Die Solarindustrie durchschreitet ein Tal der Tränen, die Marktbereinigung ist in vollem Gange", heißt es in einer Analyse der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Insbesondere die Kappung der Subventionen in Spanien habe die Produzenten schwer getroffen. 2008 wurden dort etwa 2,7 Gigawatt an Solaranlagen installiert, dieses Jahr wird es nicht einmal ein Fünftel sein.Gleichzeitig ist die Produktion in die Höhe geschossen: Auf rund acht Gigawatt weltweit schätzt sie die LBBW. Nun werden die Anlagen regelrecht verramscht. So bietet die Osnabrücker SolarTechnics eine Komplettanlage fürs Dach - inklusive Montage - für 2 800 Euro pro Kilowatt Leistung an. Anfing dieses Jahres waren noch Preise von mehr als 4 000 Euro üblich.Für den Kleininvestor tut sich eine Goldgrube auf dem eigenen Dach auf. Denn der Staat garantiert für 20 Jahre die Abnahme des Solarstroms zum Festpreis (bei kleinen Dachanlagen gibt es 43 Cent pro Kilowattstunde). 2008 waren aufgrund der Modulknappheit und hoher Preise kaum mehr als sechs Prozent Rendite drin. Über zwölf Prozent Verzinsung, staatlich garantiert auf 20 Jahre, könnten nun in guten Lagen möglich sein, heißt es in der Branche.Bislang reagieren die Deutschen erstaunlich zurückhaltend. So schätzt BP-Solar-Chef Fezzani, dass der Markt dieses Jahr in Deutschland nur mäßig zulegen wird auf 1,8 bis 2,2 Gigawatt neu installierter Leistung. 2008 waren es nach Schätzung des Branchenverbandes BSW 1,5 Gigawatt. Der Jahresanfang verlief trotz niedriger Preise schleppend.Die großen der Branche blasen nun zur PR-Offensive, um das Geschäft in der Hauptsaison Sommer anzuheizen. Q-Cells, der größte Solarzellenhersteller der Welt aus Bitterfeld, will zusammen mit einigen Modulproduzenten sogar erstmals Fernsehwerbung für Solaranlagen aus Deutschland schalten (Slogan: "Energized by Q-Cells").Das ist bitter nötig. Denn es zeichnet sich ab, dass der Preissturz die Abwanderung der Solarindustrie nach Asien beschleunigt. Rund ein Drittel aller weltweit verkauften Solarzellen kamen 2008 aus China, nur noch 18,5 Prozent aus Deutschland. Dieses Jahr dürfte sich die Schere noch weiter öffnen. Kein Wunder: Laut den Marktforschern von Photon Consulting kostet es zum Beispiel die Bonner Solarworld 1,40 Dollar pro Watt Leistung, aus dem Vorprodukt Wafer ein fertiges Solarmodul zu bauen. Beim chinesischen Konkurrenten Suntech fallen nur 77 Cent an. "Wenn die Entwicklung so weitergeht, bekommt die europäische Solarindustrie bald massive Probleme", urteilt Analyst Wolfgang Seeliger von der LBBW.Asiatische Markenprodukte können inzwischen laut vielen Tests mit den deutschen mithalten. So lässt ausgerechnet Q-Cells Module mit einer Leistung von etwa 100 Megawatt von der chinesischen Solarfun herstellen. Q-Cells baut damit unter anderem in Deutschland in Eigenregie Solarparks. Derartige Kooperationen nehmen stark zu, aber auch die direkte Verschiebung der Produktion. Q-Cells und der US-Riese First Solar bauen Fabriken in Malaysia.Auch BP-Solar hat einen Großteil der Produktion zu Partnern nach Asien verlagert. Geringe Kosten kombiniert mit Garantien und dem Markennamen von BP sollen den Erfolg bringen. "Unsere Stärke ist, dass wir der günstigste Anbieter am Markt sind, wenn man sich einmal die Gesamtkosten über den Lebenszyklus einer Solaranlage anschaut", sagt Fezzani, der allerdings derzeit mit Image-Problemen zu kämpfen hat, nachdem eine alte BP-Solaranlage Feuer gefangen hatte.Der Preisverfall hat auch sein Gutes: Er macht Solar deutlich schneller konkurrenzfähig. So schätzen die LBBW-Analysten, dass im Jahr 2020 CO2 günstiger mit neuen Solaranlagen eingespart werden kann als mit der Kohlendioxidabscheidung in Kohlekraftwerken. Auch Reyad Fezzani sagt: "Mittelfristig sieht es besser aus, und langfristig wird der Markt regelrecht explodieren. Schon 2010 wird ein viel besseres Jahr, 2011 vermutlich erst recht."------------------------------Zu viele Fabriken, übervolle LagerDie Produktion von Solarmodulen hat sich innerhalb von drei Jahren fast verfünffacht. Und es kommen weiter immer neue Kapazitäten hinzu.Der Boom in Spanien im Jahr 2008 räumte die Lager leer, die Preise waren hoch. Das bestärkte viele Hersteller im Vorhaben, noch mehr zu investieren.Katzenjammer ist nun angesagt, nachdem Spanien die Subventionen zusammengestrichen hat. Die Preise sind eingebrochen, die Lager quellen über.------------------------------Grafik (2): Weltweite Solarmodulproduktion; Lagerbestand an Solarmodulen (2006-2011)------------------------------Foto: Überangebot und Preissturz: Solarmodul-Montage am früheren Truppenübungsplatz Lieberose bei Cottbus.