Madrid ist die Stadt der Dachterrassen. Irgendwo gibt es immer eine Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen. Was für ein Panorama! Nun ist nicht immer Sonnenschein über Madrid, gerade gab es ein heftiges Unwetter. Dennoch lässt sich die spanische Hauptstadt jetzt ganz gut von Nahem betrachten: Denn Madrid kommt nach Berlin.Zwischen der drittgrößten Metropole Europas (Madrid) und der zweitgrößten (Berlin) - beide Städte haben übrigens einen Bären im Wappen - gibt es seit 20 Jahren eine Partnerschaft. Madrid nimmt diese Beziehung ernst und hat sogar einen "Berlin Park" mit Mauerfotos. Überhaupt wissen die Spanier sehr viel über uns. Und Berlin? Immerhin gibt es jetzt "Made in MAD", das einwöchige Kulturfestival, das unbedingt aus dem Massenangebot der hiesigen Festivals hervorgehoben werden muss. Denn es ist belangvoll, mehr von Madrid zu erfahren und zu verstehen.Madrid ist lebendig: Das Gay-Viertel Chueca oder die Trendmeile Fuencarral, die Independentlabel, Designershops, Theater, Museen, die On- und Off-Szene, alles ist, will man es erkunden, eine Herausforderung. An jeder Ecke Lebensart. Hier sind sogar die Tapas Avantgarde. Am Plaza Neptuno etwa kreiert Sternekoch Paco Roncero die "Molekularküche" - er zerlegt also Tapas in ihre Bestandteile, um sie dann neu zusammenzusetzen. Keine Frage, diese Stadt geizt nicht mit Sinnesreizen.Madrid ist ganz anders als das ebenfalls schöne Barcelona - darauf legen die Madrilenen großen Wert. Es gibt da eine fühlbare Konkurrenz, denn sie sagen: Barcelona sei nur ein Bluff, Madrid aber das Original. Barcelona habe zwar eine nationale Identität, Madrid aber eine internationale - denn hier lebe eine wahrhaftige Community mit Menschen aus Nord, Süd, Ost und West. Doch im Schmelztiegel der "Big Immigration" lebt auch die Generacion de Mileuristas: der 1000-Euro-Verdiener. Mit diesem Niedriglohn müssen oft junge Akademiker und Künstler versuchen, bei sehr teuren Mieten mit ihrem Lohn hinzukommen. Und weil am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist (das kennt man auch in Berlin!), müssen die Mileuristas erfinderisch sein - und sie sind es.Madrid ist also die Stadt, in der man sich findet und erfindet. Sie zieht junge Menschen an, ohne dem Jugendwahn zu verfallen. Alte, zeitgenössische, moderne Kunst - all dies versammelt sich hier.Ein gutes Beispiel dafür ist das Caixa Forum: Das ehemalige Elektrizitätswerk hat die Bank La Caixa zu einem großen Kulturzentrum ausgebaut, ohne elitäre Hintergedanken - eine Art Mix aus Haus der Kulturen der Welt, Goethe Institut und Volkshochschule. In Madrid ist es ein Selbstverständnis, dass Sparkassen zehn Prozent des Gewinns für soziale oder kulturelle Projekte abführen...Derart liebevoll gehätschelt kann Madrid als kreatives Labor der Gegenwart und Zukunft gedeihen, ohne die Vergangenheit zu vernachlässigen: Das Kunstmuseum Reina Sofia, in dem Pablo Picassos "Guernica" ausladend hängt, zeigt auch Salvador Dalí, René Magritte, Man Ray, Dora Maar, Max Ernst und Joan Miró. Dabei ist es noch nicht mal das Museum del Prado, wo u.a. Bosch, Dürer, Velazquez, Tizian und El Greco zu bewundern sind. Wie gesagt, für Madrids Kunstszene braucht man Kondition.Nun importiert das Madrider Ministerium für Kultur und Touristik erstmal das Appetithäppchen "Made in MAD" nach Berlin, in der Hoffnung auf späteren Hunger. Unmöglich alles zu zeigen, denn Madrid ist so vieles. Also gibt es Schaufenster: Im Instituto Cervantes porträtieren Kurz- und Spielfilme das Leben im Alltag (29./30. 9.). Die Widersprüche einer Stadt untersucht, ja röntgt geradezu die Theatergruppe Metatarso in der Volksbühne. In ihrem Stück "Madrid Laberinto XXI" (30. 9./1. 10.) wird um privates Glück gekämpft oder um das einfache Bestehen. Ebenfalls in der Volksbühne (2. 10.) gastiert die Compañía Siglo de Oro mit "Das Leben ist ein Traum" - einer apokalyptischen Darstellung des Prinzen Segismundo, dem "spanischen Hamlet" - gelobt als eines der "wunderbarsten Dramatikexperimente". Auch das bekannte Nuevo Ballett Español improvisiert originell mit klassischen Vorlagen: in diesem Fall mit Flamenco-Figuren (29. 9., Admiralspalast).Über den Flamenco hinweg setzt sich - das gehört bei Musikern zum guten Ton - Pitingo: Er nähert sich mit spanischem Soul seinen Idolen Marvin Gaye und Stevie Wonder (1. 10., Volksbühne). Der Musiker Antonio Carmona dagegen bettet seine Lyrik - etwa in einer Ode an die Frauen und Mütter - zwischen Candela und Rock (30. 9., Kesselhaus). Als "Bollwerk der Musik" gelten das "Orchester und der Chor der autonomen Region Madrid", die seit 25 Jahren mit Gästen (u.a. aus Kuba, Indien oder Senegal) arbeiten. Das Konzerthaus ist für sie eine würdige Aufführungsstätte (2.10.).Das Festival endet mit der "Gala de Clausura", dem fulminanten Finale im E-Werk (4. 10.), das nocheinmal alle Künstler präsentiert. Bei diesem Überblick entfaltet sich ein Panorama - ganz so, als würde man auf einer Dachterrasse stehen. Irgendwo in Madrid.------------------------------Made in MAD vom 29. September bis 4. Oktober an diesen OrtenInstituto Cervantes Rosenstr. 18-19 --25 76 180 Admiralspalast Friedrichstr. 101 --47 99 74 99 Kesselhaus Schönhauser Allee 36 --44 31 51 51 Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz --24 06 57 77 Konzerthaus am Gendarmenmarkt --20 30 92 378 E-Werk Mauerstr.78-80 --20 07 56 56------------------------------Foto: Sie sind die Hauptattraktion des berühmten Nuevo Ballett Español: die beiden Solisten Rojas & Rodriguez (29. 9., 20 Uhr, Admiralspalast).