BERLIN. Bernd Ullrich hat geglaubt, es sei besser zu schweigen. Der Schiedsrichter und sein Partner Frank Lemme haben dem Europäischen Handball-Verband (EHF) den Skandal aus dem Jahr 2006 nicht gemeldet: den Fund von 50 000 Dollar in ihrem Gepäck nach dem Europacup-Finale zwischen Medwedi Tschechow und BM Valladolid samt einem vorangegangenen Manipulationsversuch. "Wir haben ja nichts in der Hand gehabt", sagt Ullrich. "Wir hatten überhaupt keine Beweise. Wir haben dann einfach entschieden, dass es für unsere Karriere besser ist, wenn wir es für uns behalten. Weil wir eben Angst hatten, dass wir auf der Strecke bleiben." Pause. "Wie es jetzt eigentlich auch passiert ist." Die EHF hat Lemme/Ullrich für fünf Jahre gesperrt.Die Urteilsbegründung versetzt die Branche in Aufruhr, und sie zeigt, dass der Handball sein Manipulationsproblem noch längst nicht in den Griff bekommen hat. Die EHF hat das Duo nicht bestraft, weil sie es der Bestechlichkeit überführt hätte. Sie hat die Behauptung der Schiedsrichter, sie könnten sich das Geld im Gepäck nicht erklären, nie widerlegen können - so dubios diese Behauptung auch ist. Die EHF hat das Spiel von damals untersucht und keinen Anhaltspunkt für eine Manipulation gefunden. Sie wirft Lemme und Ullrich nur vor, dass sie den Vorfall einst nicht bei der EHF angezeigt und jetzt beim Versuch der Lösung des Falles unzureichend kooperiert haben. Reiner Witte, Präsident der Handball-Bundesliga und von Beruf Jurist, rügt, die Sperre sei "völlig unangemessen"."Ich möchte mich nicht äußern"Schließlich habe es drei Fälle gegeben, in denen Schiedsrichter der EHF Manipulationsversuche gemeldet hätten, die EHF aber nicht reagiert habe. Gerd Butzeck berichtet, er habe den EHF-Generalsekretär Michael Wiederer auf einen Bestechungsversuch aus dem Jahr 2004 hingewiesen, damals und kürzlich noch einmal - ohne Erfolg: "Es ist nichts passiert." Wiederer sagt: "Ich möchte mich zu dem, was Herr Butzeck sagt, nicht äußern." Die EHF-Justiziarin Monika Flixeder teilt mit, sie könne sich nicht erinnern, dass die Rechtsinstanzen ihres Verbandes vor der Causa Lemme/Ullrich je "mit einem einzigen Fall beschäftigt gewesen wären". Das klingt einigermaßen mysteriös.Liga-Präsident Witte wüsste gern, wer in der EHF für diese Versäumnisse verantwortlich ist. Er fragt: "Bekommen diejenigen jetzt auch für fünf Jahre Berufsverbot?" Er fordert, die EHF müsse im Innern transparent werden, wenn sie nach außen hart urteile. Er vermutet, Lemme/Ullrich hätten geschwiegen, eben weil sie gewusst hätten, dass die EHF auf Meldungen ohnehin nicht reagiert: "Wenn das System in sich schlüssig gewesen wäre, dann könnte ich das alles verstehen." So aber, findet Witte, "passt das Urteil nicht in die Landschaft".Mit dieser Einschätzung hat er Recht. In einer perfekten Handballwelt, mit klaren Regeln, lauteren Verbänden und kluger Rechtsprechung wäre eine Fünf-Jahres-Sperre für einen nicht gemeldeten Bestechungsversuch vertretbar. Inmitten von mauschelnden, überforderten, lavierenden Funktionären aber wirkt die Bestrafung von Lemme/Ullrich wie der Versuch, Entschlossenheit zu demonstrieren, wo keine ist. Witte vermutet: "Vielleicht wollten die ein Exempel statuieren." Ullrich sagt, er habe schon nach der Vier-Jahres-Sperre der EHF gegen den korrupten ukrainischen Referee Walentin Wakula vor einer Woche geahnt, "dass die da irgendwelche Zeichen setzen wollen". Die Strafe gegen ihn und Lemme habe ihn nun aber trotzdem "in dieser Höhe überrascht".An diesem Wochenende wollen Lemme und Ullrich mit Peter Rauchfuß, dem Schiedsrichterchef des Deutschen Handball-Bundes (DHB), besprechen, ob sie gegen das Urteil Einspruch einlegen. Liga-Chef Witte hielte das für Erfolg versprechend: "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Strafmaß reduziert wird." Blieben Lemme, 46, und Ullrich, 47 aber international gesperrt, dann wäre ihre Karriere wohl auch in der Bundesliga vorbei. "Über so was", sagt DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier, "setzt man sich, glaube ich, nicht hinweg."------------------------------Foto: Geld im Gepäck: Die Schiedsrichter Bernd Ullrich (l.) und Frank Lemme sind für fünf Jahre gesperrt worden und stehen vor dem Ende ihrer Karriere.