BERLIN. Plötzlich war Stille im Saal. Um 18.25 Uhr drohte am Mittwochabend im Bundestags-Sportausschuss eine klare Frage das selbstgefällige Gebäude des Eigenlobs zu zerstören. Die Frage lautete, wie weit der olympische Sport mit der Umsetzung des vom Weltantidopingcode abgeleiteten Nationalen Antidopingcodes (NADC) sei. Wird die aktuelle Fassung dieses Codes ab 1. Januar 2009 in die Regelwerke aller 33 deutschen olympischen Fachverbände implementiert sein? Oder sind weitere Hiobsbotschaften zu erwarten? Wie aus dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der den NADC erst im Frühjahr 2009 übernehmen wird, oder dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB) mit seinem Fall Florian Busch, der von manchen Abgeordneten als "skandalös" bezeichnet wurde.Eine einfache Frage. Es antwortete der ehemalige Staatssekretär Göttrik Wewer, Geschäftsführer der Dopingagentur Nada: "Wir haben keine genaue Zahl, es wird aber etliche Verbände geben, die das nicht punktgenau schaffen." Es war an Bernhard Schwank, Leistungssportdirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), eine Antwort zu geben. Er sagte mit leicht brüchiger Stimme: "Die Frage können wir erst nach einer speziellen Abfrage aller Verbände beantworten."Vier Wochen vor dem Inkrafttreten des neuen NADC hat niemand im organisierten Sport einen Überblick, wie viele Verbände regelkonform agieren. Oder anders formuliert: In wie vielen Verbänden sich potenzielle Regelbrecher wie der für die Berliner Eisbären spielende Florian Busch in den nächsten Monaten davon stehlen können, weil die Satzungen nicht angepasst sind.Die Verbände machen dafür die Nada, vor allem aber den DOSB verantwortlich, der eigentlich als Service-Agentur agieren sollte. Tatsächlich aber fungiert der DOSB mit dem Bundesinnenministerium (BMI) als eine Art Direktorium, deren Anweisungen Folge zu leisten ist. DOSB-Funktionäre wie Generaldirektor Michael Vesper loben sich vor dem Sportausschuss für erstklassige Arbeit bei den Olympischen Spielen - kritisiert werden immer die Fachverbände, was dort Ärger auslöst. Was genau die BMI-Ministerialen mit dem DOSB in Sachen Sportförderung aushecken, ist ebenso intransparent wie die so genannten Zielvereinbarungen, die mit den Verbänden abgeschlossen werden.Leitfaden wird vermisstDas ist einer der großen Konflikte im Spitzensport. Bei einem Sportrechts-Forum kürzlich in Leipzig machten Vertreter der Verbände Eishockey, Boxen, Badminton, Bob- und Schlittensport sowie Taekwondo ihrem Unmut Luft. "Ich vermisse eine Art Leitfaden und Hilfestellung für die kleineren Verbände", sagt der Taekwondo-Rechtswart Thomas Blanke, ein Anwalt. Etliche andere Verbandsvertreter wollen nicht zitiert werden - aus Angst vor der Reaktion der Allianz DOSB/BMI. Die Taekwondo-Union rettet sich über die Zeit bis zum Verbandstag im März, in dem sie Individualverträge mit ihren Athleten abschließt. "Wir sind brav. Wir setzen das durch", sagt Thomas Blanke.DOSB-Direktor Schwank blieb trotz Nachfrage auch am Donnerstag Zahlen über säumige Verbände schuldig. Nada-Justiziarin Anja Berninger widerspricht den Beschwerden der Verbände, sie seien zu spät über den NADC informiert worden. "Wir haben ihnen bereits im November 2007 gesagt: Bereitet alles vor, legt eure Mitgliederversammlungen ans Jahresende 2008 oder führt so genannte Präsidiumssatzungen ein. Und wir werden den Verbänden diese Woche einen neuen Muster-Antidopingcode zur Verfügung stellen."Rückendeckung erhält der DOSB von Clemens Prokop, dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. "Eigentlich müsste seit dem Fall Krabbe jeder Verband wissen, worum es geht", erklärt Prokop. Diejenigen, die jetzt sagen, sie haben das nicht geschafft, die müssen sich schon fragen lassen, warum." Die Kompetenz in einer so dynamischen Frage wie der Dopinggesetzgebung dürfe nicht bei Verbandstagen, sondern müsse bei Präsidien oder Verbandsräten liegen. So hat es der Leichtathletikverband gelöst.Das Problem dürfte mehr als ein Drittel aller olympischen Dachverbände betreffen: Die Sportförderung aus öffentlichen Kassen ist ab Januar 2009 in Gefahr. Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMI, erklärte im Sportausschuss: "Die Zuwendungsbescheide sind eindeutig. Sie schließen die Implementierung des Nada-Codes ein, so dass bei Verstößen die Förderung zurückgenommen oder gar nicht erst erteilt werden kann."------------------------------Foto: Getrieben von natürlichem Testosteron: Daniel Manz (l.) belegte bei den Olympischen Spielen den fünften Platz.