PEKING. Der Name soll hier nicht genannt werden, aus Persönlichkeitsgründen. Vor einigen Wochen betrat ein erfahrener Sportler das Büro eines Bundestagsmitgliedes. Er war Sportsoldat der Bundeswehr gewesen, er hatte jahrelang trainiert, um erfolgreich zu sein, für ein Studium oder eine Ausbildung blieb kein Platz. Nun, nach dem Ende seiner Karriere, stand er vor der Frage, womit er künftig seinen Lebensunterhalt bestreiten würde. So bat er das Bundestagsmitglied um Hilfe; notfalls, sagte er, könne er als Fahrer eines Politikers arbeiten.Die Fitness des MinistersInsgesamt gehören in Deutschland derzeit 704 Athleten in 18 Sportfördergruppen der Bundeswehr an. 127 von ihnen waren oder sind in Peking aktiv, das entspricht fast einem Drittel des Olympiateams. Mit rund 25 Millionen Euro fördert das Bundesministerium der Verteidigung den Spitzensport in diesem Jahr. Vor einigen Tagen gab Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) in der chinesischen Hauptstadt eine Pressekonferenz. Stolz verwies er auf die Medaillengewinner aus der Bundeswehr. Er sagte: "Es geht um das Ansehen Deutschlands. Sportförderung ist wichtiger denn je." Kritik am System halte er für unangebracht, vielmehr seien die Athleten Vorbilder für die gesamte Bundeswehr. "Wir brauchen fitte Soldatinnen und Soldaten für die Auslandseinsätze." Für die Bundeswehr ist der Sport eine Art Öffentlichkeitsarbeit.Wolfgang Maennig kann dieser Argumentation nicht so recht folgen. Er wurde 1988 Olympiasieger im Rudern, inzwischen ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Auf einem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Berlin hatte er das Fördermodell der Bundeswehr hinterfragt. Damals saß auch Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB, auf dem Podium. In Peking sagt Vesper nun, angesprochen auf die Kritik: "Wir gehen sehr selbstbewusst mit unseren Soldaten um. Die Bundeswehr ist einer unserer größten Förderer, ohne sie könnten wir den Erfolg nicht zeigen. Die Meinung von Herrn Maennig ist eine absolute Einzelmeinung."Eine Einzelmeinung? Maennig bestätigt, dass sich nach der Diskussion Funktionäre und Politiker bei ihm bedankt hätten für seine offenen Worte. Er sagt, er habe nichts dagegen, dass die Bundeswehr Sportler fördert, ihm gehe es um deren Zukunft: "Die Bundeswehr muss dafür sorgen, dass der Übergang in das normale Leben leicht fällt." Zwei Drittel ihrer Arbeitszeit nutzen Sportsoldaten für Training und Wettkämpfe, ein Drittel für militärische Ausbildung. Eine Investition in die Zukunft sind diese Lehrgänge selten, kaum ein Athlet bleibt nach seiner Laufbahn in der Bundeswehr. Anders sieht es bei der Bundespolizei, beim Zoll, oder, wie neuerdings in Eisenhüttenstadt, bei der Feuerwehr aus, die ebenfalls Sportler fördern: Hier können Athleten eine Ausbildung absolvieren. Eine langfristige Tätigkeit ist wahrscheinlicher.Auch die Bundeswehr bietet ihren Athleten Fortbildungsmöglichkeiten an, nur werden diese viel zu selten wahrgenommen, glaubt Claudia Verdicchio, Sportsoldatin aus Freiburg, die in Peking als Schützin angetreten ist. Ihre Geschichte verdeutlicht das Dilemma der Förderung. Mit 19 stand sie vor der Entscheidung: Sie wollte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen. Ihr Trainer riet ihr zum Beitritt einer Sportfördergruppe, sonst könne sie Olympia abschreiben. Später unterbrach Verdicchio aus eigenem Antrieb ihre Zeit bei der Bundeswehr. Sie ließ sich zur Steuerfachangestellten ausbilden. "Nicht jeder ist so vernünftig", sagt sie. "Viele machen es sich leicht."Wissenschaftler Maennig hält Vorgänge wie diese für einen Irrglauben. Demnächst möchte er in einer Studie ermitteln, ob Sportsoldaten tatsächlich bessere Leistungen vollbringen als Athleten, die zugleich studieren oder eine Ausbildung leisten. Maennigs Vermutung: "Bei Sportlern, die ausschließlich trainieren und Wettkämpfe bestreiten, kann sich Lethargie einstellen. Andere, die studieren, trainieren oft effektiver." Er fordert: "Die Bundeswehr darf Fortbildung nicht nur anbieten - sie muss sie von den Sportlern abfordern."Zum Ende der Olympischen Spiele wird in Deutschland traditionell über die Sportförderung diskutiert. Derzeit zeigt sich eine Spaltung. Der DOSB hat seine Forderung durchgesetzt: Die Bundeswehr wird die Planstellen auf die Rekordzahl 824 heben, um in der Medaillenhatz konkurrenzfähig zu bleiben. Der Bund der Steuerzahler hingegen vermisst Transparenz. Wird Deutschland von einem Staatssport dominiert, wenn weit mehr als 1 000 Athleten in Uniformen stecken? Ist dieses Modell, das Ende der sechziger Jahre während des Kalten Krieges geschaffen und von totalitären Systemen wie der Sowjetunion und China auf die Spitze getrieben wurde, noch zeitgemäß? Sind Steuerausgaben in dieser Höhe angebracht, im Zeitalter des systematischen Dopings?Fragen über Fragen, die eine prüfende Debatte entfacht haben. Dagmar Freitag, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, will beim Verteidigungsminister ihre Bedenken anbringen. "Wir haben die Verpflichtung, nicht nur an Medaillen zu denken", sagt die Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). "Sportförderung darf keine Einbahnstraße sein." Freitag will ermitteln lassen, welche Berufswege die Sportsoldaten in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben. Ihr Kollege im Sportausschuss des Bundestages, Winfried Hermann von den Grünen, plädiert dafür, Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende mehr zu berücksichtigen.Der Vorwurf des DirektorsAuch außerhalb der Politik scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Michael Ilgner, Geschäftsführer der Deutschen Sporthilfe, sagt, dass seine Stiftung die Förderung nach den Spielen intensiver auf Studenten ausrichten möchte. Helmut Digel, Direktor des Sportinstituts der Universität Tübingen, wirft indes den Hochschulen vor, zu wenig für den Spitzensport zu leisten. In einem Punkt sind sich alle einig: Der Staat müsse von der privaten Wirtschaft entlastet werden. Bis es so weit ist, springt die Bundeswehr ein. "Der Spitzensport, den wir fördern, hat unmittelbare Auswirkung auf den Breitensport", sagt Minister Jung. Skispringen oder Biathlon kann er nicht gemeint haben.------------------------------"Viele machen es sich leicht." Claudia Verdicchio, Sportsoldatin aus Freiburg------------------------------Foto: Elfte Disziplin: Tarnen im Gelände - der Berliner Zehnkämpfer André Niklaus während seines Grundwehrdienstes bei der Sportfördergruppe.