BERLIN, 31. März. Die Tschekisten von der "Arbeitsgruppe Minister (AGM/S)" im Ministerium für Staatssicherheit der DDR waren nervös: Anläßlich des 20. Jahrestages der DDR-Gründung im Oktober 1969 hatte sich Erich Mielke persönlich angesagt, um sich ein Bild von der Schlagkraft seiner Spezialeinheit zu machen. Diese hatte sich auch eine besondere Demonstration ihrer technischen Fertigkeiten ausgedacht: Ein Wartburg sollte vor den Augen des hohen Gastes in Fahrt gesetzt und bei Tempo 20 "durch elektrischen Kontakt gesprengt werden".Die Vorstellung wurde akribisch vorbereitet: Auf einer eigens für diesen Anlaß gezimmerten Tribüne installierten die Techniker der AGM/S eine Zündanlage für das Auto in Form eines Armaturenbrettes, mit der Minister Mielke den Wartburg auf seine letzte Fahrt schicken sollte. Vorab hatten sie zehnmal die Fernbedienung des Wartburg-Anlassers geprobt, da man um die Tükken des DDR-Automobilbaus wußte. Dennoch waren die Stasi-Techniker aufgeregt: "Alle beteiligten Genossen stellten sich die Frage: Wird s klappen?" erinnert sich Jahre später ein MfS-Offizier in einem Aufsatz an den denkwürdigen Tag. "Aber als der Genosse Minister startete, der Wartburg sich in Bewegung setzte, nach Sekunden in Flammen aufging, hatten wir Freudentränen in den Augen, weil sich die Mühe gelohnt hatte."Im "Operationsgebiet" Die bizarre Episode findet sich in einem Dokumentenberg von mehr als 4 000 Seiten, die von der Gauck-Behörde im Archiv der Stasi-Hauptverwaltung XXII entdeckt worden sind. Die Dokumente der AGM/S, darunter Jahrespläne, Ausbildungsunterlagen und Befehle, die von 1964 bis in die Zeit kurz nach der Wende in der DDR reichen, belegen erstmalig den von MfS-Generälen stets zurückgewiesenen Verdacht, die Stasi habe eigene "Spezialkämpfer" für Mord- und Terroranschläge im sogenannten Operationsgebiet, der Bundesrepublik, ausgebildet.Die von hochrangigen MfS-Offizieren über Jahrzehnte akribisch geführten Akten dokumentieren, daß Stasi-Spezialkämpfer seit Mitte der sechziger Jahre dafür ausgebildet wurden, einzeln oder als Terrorkommandos Mordanschläge sowie Brand- und Sprengstoffattentate in der Bundesrepublik zu verüben und dies nicht nur im Kriegsfall. Mit ihren "tschekistischen Kampfaktionen" sollten sie ausdrücklich auch unter normalen "relativ friedlichen Bedingungen" eine "Beschädigung oder Lahmlegung" wichtiger Einrichtungen der Bundesrepublik herbeiführen und für eine "zielgerichtete Liquidierung" von Verrätern und "führenden Personen" sorgen. "Die Spezialkämpfer sollten, wie es heißt, auch in Zeiten einer "fortschreitenden Tendenz der internationalen Entspannung" aktiv werden. Als ein positives Beispiel von Anschlägen gegen "Einrichtungen des Imperialismus" beschreibt das MfS in einem Papier den Sprengstoffanschlag gegen den Sender Radio Free Europe in München im Februar 1981.Zu den "Angriffsobjekten" der Stasi-Terrorgruppen gehörten neben Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien und militärischen Anlagen auch Verkehrs- und Versorgungseinrichtungen wie etwa Eisenbahnstrecken, Kraftwerke und Trinkwasserbetriebe. In Ballungszentren sollten der Verwaltungsapparat, Fernseh- und Hörfunkstudios, Archive und Datenbänke angegriffen werden. Dabei sollten "die tschekistischen Einzelkämpfer und Einsatzgruppen" speziell in Friedenszeiten "in besonderem Maße die Szene der Terror- und Gewaltverbrechen" in der Bundesrepublik nutzen, "um mit dieser Tarnung und Abdeckung ihre Kampfaufgaben vorzubereiten und durchzuführen", heißt es in einem Papier der "AGM/S" von 1982. Mitte der achtziger Jahre wuchs der Minister Mielke direkt unterstellten Arbeitsgruppe eine weitere Aufgabe zu: die Terrorkommandos sollten sich an den "politisch-operativen Sicherungsaufgaben" im Inland, also in der DDR, beteiligen. Die Stasi-Spezialkämpfer wurden vor allem zur "Verhinderung und Bekämpfung demonstrativ-provokatorischer Handlungen, Zusammenrottungen und Rowdytum" eingesetzt. 1986 verzeichnete die Stasi "Sicherungseinsätze" zum Jahrestag der DDR, bei der Eröffnung der Staatsoper in Berlin, bei Aktionen an der Grenze und bei einem Empfang in der Botschaft der UdSSR. Schöne StundenDie Gründung der Spezialeinheit geht auf einen Befehl Erich Mielkes vom 21. Januar 1964 zurück, mit dem die Stasi in die Lage versetzt werden sollte, "unter allen Bedingungen aktive Maßnahmen gegen den Feind und sein Hinterland erfolgreich durchführen zu können". Insgesamt wurden zwischen 1962 und 1985 fast 3 500 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und IM "spezifisch ausgebildet". Gut die Hälfte davon waren Stasi-IM, die in den DDR-Streitkräften dienten. Der Rest wurde in speziellen Diensteinheiten mehrerer Stasi-Bezirksverwaltungen zusammengefaßt. Im Jahre 1985 bezifferte AGM/S-Chef General Stöcker das "real verfügbare Kräftepotential mit einsatzgerechtem Ausbildungsstand" auf insgesamt 1 044 Spezialkämpfer.Die Ausbildung dieser Terrorkommandos wurde bis Ende der achtziger Jahre optimiert, wie aus den Ausbildungsunterlagen der Stasi für die Spezialkämpfer hervorgeht. Sie wurden im Ausüben von Sprengstoff- und Giftanschlägen ebenso geschult wie in der "Kampf-Schießausbildung" und im "tödlichen Nahkampf". Das "Liquidieren" von Personen zählte zu den Grundaufgaben der Stasi-Kämpfer. Damit ist "die physische Vernichtung von Einzelpersonen und Personengruppen" gemeint, erläutert ein MfS-Papier von 1973. "Erreichbar" sei "das Liquidieren" durch "Erschießen, Erstechen, Verbrennen, Zersprengen, Strangulieren, Erschlagen, Vergiften oder Erstikken", heißt es in dem Dokument. In verschiedenen Ausbildungsobjekten in der DDR trainierten daher die Stasi-Kämpfer vor allem den "tödlichen Nahkampf". Die Stasi-Guerilla übte den Angriff mit und ohne Waffen auf die "empfindlichsten Stellen des Körpers und des Kopfes". An Spezialpuppen wurde etwa der Angriff mit Stichwaffen aus verschiedenen Stichrichtungen trainiert. Empfohlen wird die Verletzung von "Schädeldach, Augen, Geschlechtsorganen, Schläfen- und Halsschlagader". "Auf die Methode der lautlosen Annäherung und des lautlosen Tötens ist besonderer Wert zu legen", heißt es in den Ausbildungsrichtlinien.Am Rande dieser Ausbildungslager inszenierte die Stasi für Ausbilder und Kämpfer der Terrorkommandos ein fröhliches MfS-Familienleben. Am Frauentag, 1. Mai, 7. Oktober und anderen Festtagen fanden sich die Trainingsteilnehmer mit ihren Frauen und Kindern abends zum "gemütlichen Beisammensein bei Musik und Tanz im Objekt" ein. Die Kinder wurden dabei mit "Eierlaufen, Sackhüpfen, Topfschlagen und Luftgewehrschießen (für die größeren Kinder)" belustigt. "Es waren für Erwachsene und Kinder schöne Stunden gemeinsamen Erlebens und bleibende Erinnerung", heißt es in einer Chronik der Stasi-Kämpfer.Für die Tötungstechnik der "Einsatzgruppen" war eine eigene Abteilung, der "Dienstbereich 2" der AGM/S, zuständig. Laut einer vom Leiter Stöcker 1984 bestätigten und in den kommenden Jahren fortgeschriebenen Aufgabenbeschreibung war der Dienstbereich für die "Bereitstellung ausgewählter aufgabenbezogener operativ-technischer Einsatz- und Kampfmittel" verantwortlich. In "ständiger schöpferischer Auswertung" der Beschlüsse der SED und der stasi-internen Befehle und "unter Berücksichtigung der modernsten internationalen wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse" entwikkelten und erprobten die Genossen neue, geheimdiensttaugliche Spezialwaffen für den geheimen Einsatz in West-Deutschland, außerdem Spreng-, Brand- und chemische Kampfmittel sowie elektronische und Funkausrüstung. Die Bandbreite reichte dabei von der Anfertigung von Schalldämpfern für Handfeuerwaffen, der Konstruktion und Erprobung unauffälliger Koffer mit eingebauter Maschinenpistole, der "Anwendung von Aerosolen und Gasen, Giften und Narkotika" bis zur Ausbildung im Umgang mit radioaktiven Kampfstoffen. Lapidar wird unter der Überschrift "Radiologische Mittel" auch die "Anwendung von Kernminen", also atomarer Sprengsätze, aufgelistet. Für kleinere Sprengaufgaben entwickelten die Techniker Mielkes "Sprengtextilien". Zu Probezwecken wurden zum Beispiel sechs Paar explosive Socken angefertigt.In detaillierten, langfristigen Ausbildungs- und Unterrichtsplänen wurden den Mitarbeitern der AGM/S jedoch nicht nur technische Kenntnisse wie die Öffnung eines "Buntbartschlosses" westlicher Bauart, die "Sprengung einer Stahlbrücke" oder Methoden der "illegalen Lagerung von Waffen und Munition" in der Bundesrepublik vermittelt. Großer Wert wurde auch auf die systematische Vermittlung eines "unerschütterlichen" Feindbildes und die ideologische Festigung der Spezialkräfte gelegt, um sie zur selbständigen und verläßlichen Arbeit im "Operationsgebiet" Bundesrepublik zu befähigen. In einer "Einschätzung" aus dem Jahr 1979 konstatierte die Leitung der "Einsatzgruppen" befriedigt, daß die Kämpfer fähig zur Selbstkritik seien. "Die Mottos ,Meine Hand für mein Produkt und ,Jeder liefert jedem Qualität " seien "noch stärker in den Mittelpunkt der Tätigkeit gerückt".Ausbildung für das AuslandDie AGM/S exportierte ihre Kenntnisse und Fähigkeiten auch in befreundete Länder. So wird für das Jahr 1981 über die Ausbildung von 220 Kadern zu Einzelkämpfern/Gruppenführern zur "Bekämpfung konterrevolutionärer Elemente und Stützpunkte" berichtet. In eigener Zuständigkeit oder in Kooperation mit anderen MfS-Dienststellen unterrichtete die Sondertruppe Mielkes laut einer Aufstellung unter anderem Kader des ANC aus Südafrika, der Swapo aus Namibia, Abgesandte aus Mozambique, Kongo, der PLO/El Fatah, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes in Nicaragua und der KP Honduras. Unter Federführung der HVA Markus Wolfs wurden die AGM/S-Spezialagenten auch in Auslandsvertretungen der DDR in Spannungsgebieten eingesetzt, unter anderem in Pakistan, Irak, Syrien, Ägypten, Afghanistan, aber auch in Spanien.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.