Die Ehre schien wieder hergestellt, der Makel abgewaschen. Heinrich Lübke, zwischen 1966 und 1969 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, hatte nicht seine Vergangenheit als angeblicher "KZ-Baumeister" von der Karriereleiter stürzen lassen, sondern eine üble Stasiintrige. So machte es jedenfalls ein 1992 erschlenenes Buch glauben, und so schrieb es auch die Bundesanwaitschaft in der Anklageschrift gegen den "Ober-Spion" der DDR, Markus Wolf: Die der Weltöffentlichkeit Im Jahre 1967 von der DDR präsentierten Unterlagen, die eine Beteiligung Lübkes am Bau von Konzentrationslagern belegen sollten, hatte die Stasi gefälscht.Die CDU wollte es jetzt genau wissen und gab vor Monaten der Gauck-Behörde das "Dossier Lübke" in Auftrag, um den Ex-Bundespräsidenten ein für allemal von Schuld reinzuwaschen. Geliefert haben die Archivverwalter aus der Normannenstraße bereits vor einigen Wochen nach Bonn. Daß sich die CDU bislang nicht regt, mag mit den aufgefundenen Unterlagen über Lübke zu tun haben. Diese nämlich scheinen noch eindeutiger als die bislang bekannten zu belegen, daß Heinrich Lübke sehr wohl wissentlich und tatkräftig an der Konzipierung und dem Aufbau von Arbeits- und Konzentrationslagern In Deutschland beteiligt war.99 DokumenteInsgesamt 99 Dokumente hatte die Stasi-Abteiiung Agitation 1966/6 7 zu Lübke zusammengetragen. Die Unterlagen stammten aus den verschiedensten Quellen: So fanden sich Dokumente in den Staatsarchiven von Magdeburg, Schwerin und Leipzig, aber auch Im Bestand Buchenwald des Dornburger Archiv-Depots sowie in den Firmenakten des VEB Kaliwerke Bernburg.Die Dokumente geben -- so geht es aus einer Übersicht der Stasi-Abteilung Agitation vom 28. Juli 1969 hervor -- Auskunft über Lübkes Werdegang in der Nazi-Zeit. Da Ist zunächst seine Tätigkeit als Vorstandsmitglied in der Sledlungsgesellschaft Bauernland Berlin AG. Diese Karriere wurde im März 1934 jäh unterbrochen -- Heinrich Lübke und sein Bruder Fritz hatten sich in der Kasse der Gesellschaft selbst bedient und fiktive Geschäfte mit einer Scheinfirma Witreu abgeschlossen. Der spätere CDU-Politiker kam aber noch einmal mit einem blauen Auge davon: Am 19. November 1935 amnestlerte ihn die Strafkammer 24 beim Landgericht Berlin. Haftentschädigung erhielt er Jedoch nicht, weil sich seine Unschuld nach Überzeugung des Gerichts nicht erwiesen habe.Auf Lübkes Aufstieg im Ingenieurbüro Schlempp, das zum sogenannten Baustab von Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer gehörte, hatte das Intermezzo hinter Gittern jedoch keine Auswirkungen. 1939 tauchte Lübkes Name ganz vorn in einer Liste des Firmenchefs Schlempp auf, der Speer Personen melden mußte, die "mit der Bearbeitung der von Herrn Generalinspektor an mich übertragenen Bauaufgaben für die Rüstungslndustrie beschäftigt sind". Lübke "ist für vordringliche Aufgaben im Reichsinteresse eingesetzt".Tatsächlich hatte Lübke 1941 wichtige Aufgaben in der Heimat zu erfüllen. Seine Firma Schlempp hatte die Bauleitung auf dem Raketenversuchsgelände Peenemünde. Lübke selbst leitete ausweislich der Unterlagen "in Peenemünde und an anderen Stellen ca. 46 Baustellen". Bei der Bearbeitung sand berwac~iung des Arbeitseinsatzes in Peenemünde habe sich Lübke alsv ertrauenswttrdig erwiesen, notierte die Gestapo.Die Zuverlässigkeit der Schlempp-Leute wurde belohnt. Als am 1. März 1944 auf Anordnung des Reichsministers für Rüstung der ,Jägerstab" gebildet wird, der mit weitreichenden Volimachten die Krlegsproduktion forcieren soll, ist das Ingenieurbüro Schlempp dabei. Ab Juni 1944, als Firmenchef Schlempp ins Protektorat Böhmen und Mähren abkommandiert wird, vertritt Lübke allein die Firma im "Jägerstab".Produktion unter Tage Als Mitglied im "Jägerstab" mußte sieb Lübke ab Mai 1944 vestärkt mit der Verlagerung der Krlegsproduktion In den Solvayhall-Werken beschäftigen. Unter dem Tarnnamen ~Leopard" entstand ein unterirdischer Produktionskomplex in Thüringen. Die Fäden hierfür liefen bei Lübke zusammen, der sich beispielsweise für den Einsatz von belgischen Zwangsarbeitern und französischen Kriegsgefangenen in den Solvayhall-Werken einsetzte.Am 4. September 1944 erschien Lübke persönlich vor Ort, um sich vom Fortgang des Projektes "Leopard" ein Bild zu machen.Lager für KZ-Häftlinge Die "Besprechungs-Niederschrift" hält unter Punkt 1 die Festlegungen zum "Wohnlager Leau" fest, eine verlogene Umschreibung für ein Außenlager des KZ Buchenwald. In der Besprechung, an der neben Lübke noch weitere Ingenieure des Büros Schlempp teilnahmen, wird festgelegt, "daß das Lager unterteilt wird für a) 1 000 KZ-Männer, b) 1 000 KZFrauen, c) 500 Ausländer".Die Arbeiten an den Baracken sollen beschleunigt werden, da die kalte Jahreszeit naht" und die "KZ-Häftlinge" bis dahin in Zelten untergebracht waren. "80 Prozent der KZ-Häftlinge leiden unter starkem Durchfall", wird in der Besprechung fürsorglich angemerkt.Schon wenige Monate später ist das Lager Leau fertig. Das Ingenieurbüro Schlempp kann Vollzug melden: "Die KZ-Häftlinge, die bisher unter Tage untergebracht wurden, wohnen seit dem 22. Dezember 1944 in dem Lager Leau über Tage."Die Lebensbedingungen für die Häftlinge hatten sich damit aber kaum verbessert. In einem Bericht des für das KZ Buchenwald zuständi~en 55-Standortarztes von Weimar, Schidlausky, vom 17. März 1945 heißt es, daß "die Zahl der Toten im Außenlager Leau ... unverhältnismäßig hoch" sei. Die Arbeit dort sei sehr schwer, viele Häftlinge kämen wochenlang nicht aus den Schächten ans Tageslicht. Zudem bewiesen Sektionen den chronischen Hungerzustand der Häftlinge. Zuständig für die Verpflegung, so heißt es in dem Bericht, sei das Ingenieurbüro Schlempp.In die Planung noch eines weiteren KZ soll Lübke nach der Aktenlage einbezogen gewesen sein. So berichtet die Stasi vom "Vorentwurf zur Erstellung eines KZ-Lagers für 2 000 Häftlinge der Firma KALAG". Mehrere Bauzeichnungen hiervon trügen die Unterschrift Lübkes, heißt es in der Übersicht.Wirkungslose Gegenwehr Einige der aufgefundenen Dokumente zu Lübkes Tätigkeit im Ingenieurbüro Schlempp wurden am 14. November 1966 auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin internationalen Medien vorgestellt. Diese Pressekonferenz war Bestandteil einer von der SED generalstabsmäßlg geplanten Kampagne, die Journalisten-Besuche In den KZ-Gedenkstätten Leau und Neu-Staßfurt ebenso vorsah wie die Initlierung von Strafanzeigen ehemaliger französischer Häftlinge gegen Lübke. Die Bonner Gegenwehr, die auf die These der gefälschten Dokumente setzte, verhallte wirkungslos. Zumal der "Stern" 1967 einige der Lübke belastenden Dokumente aus der DDR veröffentlichte, gekoppelt mit einem Gutachten des bedeutenden amerikanischen Schriftsachverständigen J. Howard Haring, der die Identität von Lübkes Unterschriften unter den KZ-Bauplänen zweifelsfrei feststellte.Geheimes Schreiben Gegen die These der gefälschten Unterlagen spricht auch ein Schreiben des Stasi-Offlziers Halle an seinen Chef Erich Mielke vom 15. Dezember 1966. In dem streng vertraulich eingestuften Papier schlägt Halle die Prüfung der Originaldokumente über Lübke in der Schweiz vor. Halle versichert seinem Minister: Diese Dokumente "sind in ihrer Echtheit über jeglichen Zweifel erhaben und bergen insofern keine politischen Gefahren".Eine Lübke-Unterschrift aber wurde von der Stasi tatsächlich manipuliert. Der Grund ist banal: Albert Norden bemängelte in Vorbereitung der Pressekonferenz 1966, daß eine Unterschrift Lübkes unter der Bauzeichnung einer KZ-Baracke nicht deutlich genug zu erkennen war. Durch die Vergrößerung für die Schautafeln war sie nur noch mit Mühe leserlich. Oberst Halle, der von selten des MfS die Lübke-Kampagne betreute, nahm sich Nordens Kritik zu Herzen -- und ließ den Namensaug einfach nachziehen.Juli 1965: Bundespräsident Lübke (Mitte) auf der Rennbahn in Düsseldorf. Links Außenminister Schröder, rechts Frau Lübke.