SCHÖNEBERG. Güven hat eine große Klappe. Wer fremd im Kiez ist, den provoziert der 14-Jährige schon mal mit lautstarken Sprüchen. Die Steinmetzstraße ist Güvens Revier. Dort versucht er, trotz seiner schmächtigen Jungengestalt den Macho herauszukehren. Jetzt hat er eine neue Seite an sich entdeckt: Güven Ablak ist Künstler geworden. Er hat Leinwand aus Glaswolle bemalt und besprayt, Lampiongestelle gebastelt und sie mit seinen Bildern bezogen. Seine sechs Leuchten hängen noch bis zum kommenden Sonntag hoch über der Steinmetzstraße, gemeinsam mit rund 300 anderen Lichtobjekten - Street Art aus dem Schöneberger Norden.Junge Migranten prägen das BildDie "Steinmetz", Fußgängerzone zwischen der Bülow- und der Goebenstraße, war noch nie ein einfaches Pflaster. Libanesisch-palästinensische und kurdische Großfamilie prägen die Straße. Die hat den Ruf eines Ortes, an den keiner gerne geht, wenn er nicht muss. Wo junge Migranten, oft ohne ausreichende Sprachkenntnisse und Schulausbildung, dominieren. "Jetzt ist die Straße dabei, ihr Loser-Image abzustreifen", sagt Hamad Nasser. Denn seit einigen Jahren kümmert sich das Quartiersmanagement Schöneberger Norden verstärkt um die Steinmetzstraße, auch mit Aktionen im öffentlichen Raum.Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler leitet den Nachbarschaftstreff Steinmetzstraße 65. Gemeinsam mit Sofia Camargo, einer brasilianischen Malerin, die bereits in ihrem Geburtsland mit Straßenkindern Kunstaktionen durchführte, und ihrem Mann Thomas E. Klasen, einem deutschen Installationskünstler, hat Nasser das Projekt "Lichtgalerie" entwickelt: Ein leerer Laden, von der Wohnungsbaugesellschaft WIR zur Verfügung gestellt, wurde zum Atelier. Und die, die die Straße als ihren Raum betrachten, wurden Künstler. "Es sind Kinder ab fünf Jahren gekommen, aber auch junge Männer bis 20 Jahre", sagt Sofia Camargo. Wer wollte, konnte mitmachen, gekostet hat das nichts. "Da erschienen schon manchmal Jungs, die erst den kleinen Gettogangster raushängen ließen", sagt Camargo. Doch vielen habe es gefallen, mit Farbe und Spraydose zu hantieren. "Sie haben Erfolgserlebnisse bekommen, ihre Kreativität entdeckt."Wie der 16-jährige Ahmad Miari. Der Zehntklässler aus einer siebenköpfigen libanesisch-palästinensischen Familie, der im nächsten Schuljahr an ein Gymnasium wechseln wird, will Bauingenieur werden. Durch den Nachbarschaftstreff ist er auf die Kunstaktion aufmerksam geworden. Er hat ein Graffito gestaltet. "Nach Motiven von Caspar David Friedrich", sagt er. Einen Lampion hat Ahmad allerdings nicht damit bezogen: "Basteln ist doch was für kleine Kinder", meint er. Er hat die Leinwand seiner Lehrerin gegeben. Das passte gerade, denn eine Bildermappe im Fach Kunsterziehung war fällig."Wie eine Bummelpromenade"Seit Ende November strahlt die Steinmetzstraße, wenn die Dunkelheit hereinbricht. "Das ist richtig schön", sagt Anwohner Sameh El-Behouti (29). "Fast wie eine Bummelpromenade." Das findet auch Martina Schätzle, die mit ihrer zwölfjährigen Tochter Cleo in das Atelier der Lichtgalerie gekommen ist. Mutter und Tochter wohnen im schicken Winterfeldtkiez, in die "Steinmetz" führt sie sonst nichts. Doch Cleo, die einen Kunstkurs bei Sofia Camargo besucht, wollte unbedingt eine Leuchte zum Projekt beisteuern. Die hängt jetzt zwischen denen von Güven, Gamze, Serengül und den anderen Jugendlichen aus dem Kiez. Leider seien etliche Lampen in der Silvesternacht von Randalierern zerschossen worden, sagt Thomas E. Klasen. "Wir haben sie trotzdem hängen gelassen. Die Jungs sollen sehen, was Vandalismus für Folgen hat."Am kommenden Sonntag werden die Leuchten abgenommen. Jeder, der mitgemacht hat, kann seine Laterne oder seine Leinwand dann mit nach Hause nehmen. Die "Steinmetz" wird wieder wie immer aussehen. Doch nicht für lange, hofft Nasser. Denn er hat schon eine Idee für ein neues Kunstprojekt: "Im Sommer wollen wir dort einen Skulpturenpark errichten", sagt er. Auch Ahmad und Güven wollen wieder mitmachen.------------------------------Schöneberger NordenDas Quartiersgebiet Schöneberger Norden ist 80 Hektar groß und hat rund 17 000 Bewohner. Im Kulmer Kiez im Osten leben vor allem Migranten und Ärmere. Zu dem Gebiet gehört auch das Quartier um die Steinmetzstraße.Bereits seit 1998 gibt es den Präventionsrat Schöneberger Norden, der vom Bezirk gegründet wurde. 1999 wurde das Quartiersmanagement eingerichtet. 2004 bezeichnete die Polizei den Schöneberger Norden als Problemkiez. Dort gibt es u. a. eine Prostitutions- und Drogenszene (Kurfürstenstraße) und viele Migranten. Von diesen sind bis zu 40 Prozent arbeitslos.Aktionen wurden in der Steinmetzstraße schon mehrere gestartet - von gemeinsamer Hofbegrünung bis zum Bewegungssport. Die Kiezoase Schöneberg, Träger des Nachbarschaftstreffs Steinmetzstraße, erhielt 2005 den Berliner Integrationspreis für Beratung und Aktivierung von Eltern.------------------------------Grafik: Noch bis zum Sonntag gibt es die Kunstaktion in der Steinmetzstraße.------------------------------Foto: Es ward Licht: Sofia Camargo, Ahmad Miari und Thomas E. Klasen auf der Hebebühne, von der aus 300 Leuchten an der Steinmetzstraße montiert wurden.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.