CHEMNITZ. Ein süßer Geruch von frisch gebackenem Kuchen liegt in der Luft. Auf einer Anrichte stehen mehrere Kochtöpfe und Schüsseln sowie eine Mikrowelle. Gleich daneben wird ein Backofen vorgeheizt für das nächste Blech mit Keksen. Was wie die Standardausrüstung einer haushaltsüblichen Küche aussieht, ist in Wirklichkeit ein Prüflabor. Doch es ist nicht irgendein Labor, es ist ein Prüfinstitut, das im Auftrag der Stiftung Warentest arbeitet und an diesem Tag die Alltagstauglichkeit von Gas- und Elektroherden testet.Im nächsten Raum zieht eine Maschine einen Staubsauger bis zu 10 000 Mal über eine spezielle Rüttelstrecke und simuliert damit das Rollen über Türschwellen und Stoßen an Türrahmen. Ein Zimmer weiter werden Stahlkugeln von unten in einen Rasenmäher geschossen. Die Kugeln ersetzen kleine Steine, die Hobbygärtnern an den Kopf fliegen könnten, wäre das Gehäuse der Maschine falsch konzipiert.Anonymer EinkaufWo sich das Labor genau befindet, ist streng geheim. Bekannt werden darf einzig und allein, dass sich die Tester irgendwo in Sachsen befinden, wo sie in ausgefeilten Prüfverfahren neben Haushaltsgeräten und Gartengeräten auch Lebensmittel, Elektroartikel und Spielwaren untersuchen. "Unsere in Auftrag gegebenen Tests werden von 100 unabhängigen Prüflaboren durchgeführt, die unbedingt anonym bleiben müssen", sagt Holger Brackemann, Leiter der Abteilung Untersuchungen bei der Stiftung Warentest in Berlin. Alle Labore müssen vor dem ersten Auftrag eine Neutralitätserklärung abgeben. Auf diese Weise stellt die Stiftung sicher, dass Firmen, deren Produkte gerade getestet werden, nicht in Versuchung kommen, beauftragte Institute zu beeinflussen oder gar zu bestechen. Mit dem sächsischen Prüfinstitut arbeitete die Stiftung Warentest schon zu DDR-Zeiten zusammen. Bereits 1988 spezialisierte sich der einst volkseigene Betrieb auf die Prüfung von westlichen Markenprodukten wie Waschmaschinen und Bügeleisen - weit ab von den kapitalistischen Firmenzentralen jenseits der Mauer.Anonymität ist schon beim Erwerb der Test-Waren gefragt. "Wir kaufen die Produkte anonym ein und zwar dort, wo alle hingehen - in Groß- oder Baumärkten", erzählt Brackemann. Ganz gleich, ob es sich um Staubsauger, Energiesparlampen, Kaffeemaschinen oder Flachbildfernseher handelt: Die Test-Einkäufer sind unauffällig und zahlen immer in bar, niemals mit Kreditkarte, um keine Kundendaten von sich preisgeben zu müssen, die eventuell Rückschlüsse auf den Arbeitgeber Stiftung Warentest geben könnten.Dennoch wird Transparenz bei den Testern groß geschrieben. "Das ist uns sehr wichtig. Daher erhalten die Unternehmen vorher Informationen darüber, dass wir eines ihrer Produkte testen werden. Innerhalb eines Fachbeirats aus Anbietern, Verbrauchern sowie Verbänden erarbeiten wir dann ein Testprogramm", sagt Brackemann. Dazu zählen die Funktion, Handhabung und Haltbarkeit eines Produktes. Noch vor der Veröffentlichung der Ergebnisse informiert die Stiftung Warentest die jeweiligen Firmen über die Messergebnisse, damit sie sich dazu äußern können. Zu Gesicht bekommen sie aber nur die Daten ohne die bekannten Schulnoten. Auch die Ergebnisse der Wettbewerber sind tabu. Die später in der Zeitschrift Test veröffentlichten Bewertungen von "sehr gut" bis "mangelhaft" kommen erst nach der kompletten Auswertung hinzu.Gegründet wurde die Stiftung Warentest vor 45 Jahren. Am 4. Dezember 1964 verabschiedete der damalige Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker die erste Satzung der Stiftung. Von der neuen Verbraucherinstitution war der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) einst ganz und gar nicht begeistert. Er hielt den Verbraucher "durch Werbung in ausreichendem Maße unterrichtet". Und so fielen die Reaktionen auf die ersten Testurteile entsprechend harsch aus, weil die Stiftung Warentest einer getesteten Skibindung die Note "mangelhaft" gegeben hatte. Doch die Stiftung blieb standhaft und gewann das Gerichtsverfahren durch alle Instanzen. Und das ist bis heute auch so geblieben. "Wir sind in 45 Jahren seit Bestehen der Stiftung noch nie rechtskräftig zu Schadenersatz gegenüber Unternehmen verurteilt worden", berichtet Brackemann. Ganz fehlerfrei verlief die Geschichte dennoch nicht. So musste im September 2002 eine ganze Ausgabe der Zeitschrift Finanztest zurückgerufen werden, als sich beim Test von Riester-Finanzprodukten ein Rechenfehler herausgestellt hatte. "Das war natürlich der Super-Gau", erzählt Hubertus Primus, Geschäftsführer der Stiftung.Spektakuläre Fälle mit FolgenFür großes Aufsehen hatten die Berliner Tester zudem gesorgt, als sie das neue Preissystem der Deutschen Bahn heftig kritisierten, das unter dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn im Dezember 2002 eingeführt worden war. Aufgrund der breiten Kritik der Verbraucherschützer wurden daraufhin große Teile der Preisreform zurückgenommen und unter anderem die alte Bahncard 50 wieder eingeführt. Furore machte außerdem der "mangelhaft" ausgefallene Test von Cremes der Schauspielerin Uschi Glas, die bei einigen Probanden Pickel im Gesicht hervorgerufen hatten.Für einigen Groll unter Fußballfans sorgten die Berliner Tester bei einer Untersuchung deutscher Stadien im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006. "Bei diesem Test haben wir es uns mit fast allen verscherzt", sagt Primus. Es gab damals für einige Stadien ein "mangelhaft", was die Sicherheit im Panikfall angeht. "Das war eine heiße und heikle Geschichte", erinnert er sich. Allerdings wurden bis heute klammheimlich viele der Stolperfallen in den Stadien beseitigt.In dem sächsischen Labor ist inzwischen das nächste Blech mit Keksen fertig. Sogleich werden sie unter speziellem Licht analysiert, der Bräunungsgrad wird mit einer Kamera festgehalten, um festzustellen, ob der Herd gleichmäßig Hitze abgibt. Für den Test müssen pro Tag mehrere Dutzend Kekse gebacken werden, die von den Labormitarbeitern zunächst gern verspeist werden. Doch nach dem dritten Testtag stehen den meisten die Kekse bis zum Hals. Dann werden die Reste an die Fische im nahe gelegenen Teich verfüttert.------------------------------Foto: Ob Staubsauger oder Kinderwagen - die Testergebnisse der Stiftung helfen bei der Kaufentscheidung.