Wer Arnold Stadler ist, kann vermutlich nicht einmal Arnold Stadler sagen, wenn er erkenne dich selbst einen Funken Philosophie in sich trägt. In seiner Dankrede zum Erhalt des Büchner-Preises gab Stadler am Wochenende zu verstehen, er sei auch nur ein Mensch, der leidet, wenn auch nicht zu sehr. Das glaubt man gleich. Für die Feuilletons, die nach Bildung und Neigung zum großen Teil von der Literatur leben, ist Stadler aber noch immer eine große und irgendwie unangenehme Frage. Wer die Beiträge zur Verleihung des Büchner-Preises liest, gewinnt den Eindruck, der Autor sei, aus Versehen oder Ungeschick, ins Bild gelaufen wie ein Tourist oder ein Tier auf dem Feld, von der Seite, und da stehe er nun Aug in Aug mit dem Fachpublikum und keiner wisse, weiter wohin.Unglücklicherweise hat Stadler selbst in seiner Dankrede den Eindruck des Daher- oder Hineingelaufenen verstärkt, indem er hartnäckig und desorientiert von der Heimat zu reden nicht mehr aufhörte. Neben seinem Bett erblicke er jeden Morgen die Welt auf dem Tisch, sagt Stadler, und gleich denkt man, oh je, das Bett muss aber weit von der Welt sein. Natürlich ist von Stadlers Bett die Welt so weit und so nah wie von jedem anderen auch. Stadler spielt nur mit der in der Tat provinziellen Vorstellung, der Ort Meßkirch, von wo er stamme, sei halt weit weg und von dort komme ein Mann wie aus dem Gebirg und aus der Vergangenheit als ein Seher in die Welt.Das weltläufige Feuilleton sieht das nicht anders. Messkirch, überhaupt die Gegend zwischen dem von Stadler bemühten Hotzenwald und dem Bodensee sind dort nicht auch zu Hause Heidegger, Walser, Jünger, also Autoren, deren langsamem, von fernen Höhen schweifenden Blick man in den Zentren der Weltläufigkeit misstraut? Ist nicht auch Stadler so ein Katholik, hat er nicht, wie Heidegger schon, anfangs Theologie studiert, sogar in Rom? "Erbarmen!", sagt Stadler in seiner Rede auch, "der Mensch leidet, und wir sehen zu."Das wäre wohl schön, wenn der Katholizismus eine literarische Stimme in der Welt hätte. Aber Stadler macht die Position des Katholizismus, die in der Tat nur aus der Peripherie formuliert werden kann, zur Folklore herunter, und die Literaturkritik folgt in ihrem Urteil gern. Peter Hamm hat in seiner Laudatio gesagt, Stadlers Bücher seien "urkomisch und zugleich todtraurig." Da hat er etwas gesehen. Sein Urteil zeigt Stadler in einer Art umgekehrter Christologie als einen vom Kreuz gerutschten Schmerzensmann. Stadlers Position ist nur ein sentimentaler Reflex auf die Geschichte von Jesus, von der alles ausging. Diese Geschichte war traurig und eine gute Sache zugleich.