HAMBURG. Ende der Siebzigerjahre gerieten viele Frauen in Deutschland in Rage. Alice Schwarzer hatte gerade "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" geschrieben. Die Frauen haderten sowohl mit ihrer Lage in der Gesellschaft als auch mit dem vorherrschenden Männertyp. So wurde die variationsarme Sexualität des Mannes allgemein beklagt. Nina Hagen nahm in diesem Zusammenhang eine geharnischte Platte auf. "Ich bin nicht deine Fickmaschine" sang sie unter anderem. Genauer gesagt, sang sie nicht, sie kreischte, dass das Vinyl zitterte. Andere Frauen beschrifteten Mauern oder schrieben zornige Texte. Für die Praxis des Graffitisprühens warb die heute vergessene Ina Deter in dem Lied "Neue Männer braucht das Land". Es war eine Zeit, in der Studenten am freien Wochenende politische Pamphlete entwarfen, in der Frauen sich besorgt fragten, ob es eigentlich statthaft sei, sich mit einem Rock hübsch zu machen. "Objekt" zu sein, galt als der Ausbund von Unfreiheit. Und kein fortschrittlicher Mann durfte es in jenen Jahren wagen, sich der Verhütungsfrage zu entziehen.Eine Hamburger Studentin schrieb über all dies ein Buch. Svende Merians autobiografischer Roman "Der Tod des Märchenprinzen" erzählt von ihrer ungünstig verlaufenden Liebe zu einem "Politmacker" und von männlicher Dominanz im Allgemeinen sowie in linken Kreisen im Besonderen. Die Beziehung scheiterte, und Merian kommentierte dies in zeittypischer Weise. Sie kaufte eine Sprühdose und beschriftete das Fenster des Ex-Geliebten mit den Worten "Auch hier wohnt ein Frauenfeind." Dann machte sie sich an den Roman. Das Foto mit dem besprühten Fenster diente praktischerweise als Covermotiv.Viele Literaturfreunde, die heute über vierzig sind - und bei Weitem nicht nur Frauen - erinnern sich gut an das Buch aus dem Buntbuch Verlag, das sich zu einem Bestseller der linken Szene entwickelte und schließlich als Taschenbuch bei Rowohlt herauskam. Genau dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen ist der Roman kürzlich erneut aufgelegt worden, mit dem Kritiker Hellmuth Karasek als Herausgeber.Svende Merian, 55, die einstmals wütende, ja militante Verfasserin des Romans, sitzt auf einer Bank im Schlosspark von Hamburg-Bergedorf. Sie freut sich, als am Flüsschen eine Entenfamilie vorbeizieht. Irgendwann schaut jeder Mensch mit Rührung auf Entenfamilien. Merian - kurze blonde Haare, helle Wimpern, gelassener Gesamteindruck -, bietet sich als Führerin durch ihren Stadtteil an und legt los mit Erklärungen. Erst wirkt sie ernst, dann zeigt sich, sie kann glucksend lachen, auch über sich selbst. Sie trägt nichts besonders Modisches, was im Hamburg von heute einer Verweigerung gleichkommt: Fleecejacke, Turnschuhe, an der Hand ein baumwollener Beutel. Es ist leicht vorstellbar, dass Svende Merian in Uni-Frauengruppen aktiv war und gegen Franz Josef Strauß demonstriert hat. Ihr Roman, der "Märchenprinz", ist zum Fixstern ihres Lebens geworden, ob sie will oder nicht. "Mir ist nur wichtig, dass die Leute den Roman heute vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund lesen, dass sie für diesen Hintergrund Interesse aufbringen", sagt sie. Es gab auch Leser, die ihn als "Polit-Porno" konsumiert haben, darauf könne sie sehr gut verzichten.Hellmuth Karasek erinnert sich"Der Tod des Märchenprinzen" entstand zur Zeit der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Bürgerinitiativen, der endlosen Diskussionen über Klassenkampf und Geschlechterfragen. Svende Merian, damals 24 Jahre alt, gab der Hauptfigur ihres Buches den eigenen Vornamen. Svende verliebt sich in Arne, den sie per Kontaktanzeige kennengelernt hat. Arne, Autonomer und Taz-Leser, ist zärtlich im Bett, hat aber zur Frauenfrage "nur Scheiße im Kopf". Svende bleibt trotzdem mit ihm zusammen, "dem Schwein", wie sie ihn nennt. Arne ist nicht verliebt, und er will auch keine Beziehung. In der kurzen Phase ihrer Bekanntschaft zeigte er kaum Interesse an Svendes Verhütungs-Temperaturkurve und wenig Engagement bei Problemdiskussionen. Er erhält mehrere Tadel in Briefform und zuletzt das Manuskript des "Märchenprinzen". Darin ist auch viel von der gemeinsam Zeit im Bett die Rede, die zunächst schön war und dann naturgemäß nicht mehr so schön. Arne scheint von der Autorin im Überschwang des Berichtens ein wenig zum Machoschwein stilisiert worden zu sein - er ist nun mal nicht verliebt, darüber hinaus aber nur ein wenig langsam im Denken.Als das Buch erscheint, wird Svende Merian nach und nach ziemlich berühmt. Es seien fast eine Dreiviertelmillion Exemplare verkauft worden, hat die Autorin selbst errechnet. Ihr ist der eine, der einzige glückliche Wurf gelungen, auf den sich manch eine Schriftstellerkarriere beschränkt. So sieht es Hellmuth Karasek, der in seiner Wohnung in Harvestehude mit Vergnügen Auskunft zum Thema gibt. "Das traf den Zeitgeist genau auf den Punkt, auch in der Sprache", sagt er. Und wirklich, die Zeit der lila Latzhosen ist vielleicht nie so lebendig geworden wie in diesem "Trauerroman". So nennt Karasek das Buch. Nicht mehr als eine unglückliche Liebe ereignet sich in diesem Buch, aber die Autorin entwirft ein Sittengemälde ihrer Zeit, entworfen in der damals in ihrem Milieu gängigen Jugendsprache, die im wesentlichen aus harschem Politjargon bestand - wie etwa: "Sexuelle Unterdrückung ist kein Nebenwiderspruch".Karasek, Literaturkritiker und Freund der Frauen, fallen zum "Märchenprinzen" auf Anhieb zwei Dinge ein: Als er die Autorin zur Zeit ihres großen Erfolgs einmal persönlich traf, habe er sie "sehr attraktiv" gefunden. "Sie hatte so etwas Friesisches, Flachsblondes, sehr naiv, sehr frech war sie, das hat mir außerordentlich gefallen." Der Frauenfreund in Karasek hat meist das erste und eigentlich auch das letzte Wort zu allen Fragen des Lebens. Gerade hat er ein Buch über Frauen im Allgemeinen und seine persönliche éducation sentimentale geschrieben. Zweitens bemerkt er, dass er den Roman seinerzeit sehr offen und sehr rührselig gefunden habe, und insgesamt höchst aufschlussreich. Karasek sitzt in seiner Bibliothek vor einem Tisch mit mindestens sechs aufgeschlagenen Tages- und Wochenzeitungen. Er ist vermutlich über nahezu alles auf der Welt informiert. "Was macht denn die Svende Merian jetzt so?", fragt er.Sie ist noch in Hamburg, sie lebt allein in Bergedorf. Nach dem ersten Roman schrieb sie weitere Bücher, mit weit geringerer Resonanz. Sie gab Märchen heraus, sie war ein, zwei Jahre in Florenz, sie las immer wieder in Schulen aus dem "Märchenprinzen", und hat in den vergangenen Jahren unter anderem ein Literaturcafé für Kinder organisiert. Jetzt engagiert sie sich auf kommunaler Ebene für Bildungsfragen. Seit Neuestem führt sie unter ihrem Namen auch ein Blog, sie äußert sich dort zum politischen Geschehen und stellt gerade ein "Best of Märchenprinz" ein, jeden Tag ein Abschnitt. Aus Bergedorf käme sie nicht oft heraus, sagt sie, sie fährt nicht gerne S-Bahn, sie habe hier alles, was sie braucht. Den Bäcker mit der bevorzugten Brotsorte, das Antiquariat, das Schloss und den Park, den Buchladen in der Alten Holstenstraße."Wollen wir in den Buchladen gehen?", fragt Svende Merian. Dort erzählt die Buchhändlerin, wie groß der Wirbel um Svendes "Märchenprinzen" gewesen sei. "Fast jeder, der hereinkam, schien das Buch zu kaufen, das war toll." An der Kasse liegt heute ein Stapel Bücher der Fernsehmoderatorin Sonya Kraus, der Titel lautet "Baustelle Body". Die Zeiten müssen sich seit damals sehr geändert haben. Die Buchhändlerin ist wunderbarerweise noch dieselbe. Svende Merian ist im Grunde auch noch dieselbe, nur dass sie seit mehr als zehn Jahren SPD-Mitglied ist und die Revolution gegen politische Basisarbeit eingetauscht hat.Ja, es war eine andere Zeit damals, sagt Hellmuth Karasek. Diese Diskutiererei! Er kennt das noch aus seiner Zeit als Dozent an der Uni. "Man brauchte sich damals nicht vorzubereiten als Lehrender. Entweder meldeten sich Studenten zum Rauchen, oder sie wollten über Guatemala diskutieren", sagt Karasek. Vor allem Frauen hätten damals ihre Ansprüche angemeldet, und zwar sehr zu Recht. Das sagt er heute. Ob man das als Mann damals nicht nervtötend fand? Karaseks Gesicht nimmt jetzt den Achtung-Anekdote-Ausdruck an, den man auch aus dem "Literarischen Quartett" kennt. Billy Wilder habe ihm einmal etwas sehr Witziges erzählt. Es ging dabei um Frauen und deren Angewohnheit, durch Ansprüche zu stören. Er, Wilder, träumte von einer Erfindung. "Ein Bett, das sich dreht, sobald der Beischlaf vorbei ist, und die Frau verschwinden lässt. Stattdessen kommen aus dem Keller drei Kartenpartner hoch, mit Whiskeyflaschen und Zigarren." Dieser "wahnsinnigen männlichen Vereinfachung" habe sich der "Märchenprinz" in den Weg gestellt. "Nehmen Sie das Thema Pille. Der Feminismus hat aus der Pille großen Nutzen gezogen, aber sie hat die Frauen in den Augen der Männer auch verfügbar gemacht. Svende Merian gehört zu den Autorinnen, die damals sagten, ihr Lieben, so haben wir nicht gewettet, wir sind deswegen nicht verfügbar", sagt Karasek.Scham und SelbstbehauptungBereits seit den frühen Siebzigerjahren war in der Literatur eine neue Form weiblicher Selbstbehauptung entstanden. Stilbildend war Karin Strucks autobiografischer Bericht "Klassenliebe" aus dem Jahr 1973. Die Autorinnen der neuen Innerlichkeit schilderten private Geschichten, in denen sich aber zugleich die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegelten. Verena Stefan ("Häutungen") und Anja Meulenbelt ("Die Scham ist vorbei") wurden viel gelesen, beide beschrieben nicht zuletzt ihren Weg in die lesbische Liebe. Svende Merian verstieß im "Märchenprinzen" bald gegen verschiedene feministische Mode-Überzeugungen, vor allem, indem sie offenbar gerne Sex mit Männern hatte. Dem bürgerlichen Lager wiederum gefiel der Polit-Jargon nicht, und viele Gleichgesinnte ihres eigenen Milieus feindeten sie aus Neid auf den Erfolg an. Svende Merian erinnert sich gut an die Feindseligkeit, die ihr aus vielen Ecken entgegenschlug. "Ich habe doch nur ein Buch geschrieben", sagt sie heute, immer noch verwundert. Ein Buch, das trotz aller Kritik vielleicht deshalb so erfolgreich wurde, weil es den uralten Konflikt zwischen Pflicht und Neigung im linken Mainstream der Zeit ansiedelte. Denn nicht zuletzt kämpft hier die Pflicht zur politischen Korrektheit mit der Sehnsucht nach Weltflucht in der Liebe.Dass man sich das Privatleben durch weltanschaulich-ideologische Skrupel erschwert, werden junge Menschen der Gegenwart kaum nachvollziehen können. Um sich die Kluft zwischen damals und heute zu vergegenwärtigen, ist es aufschlussreich, die letzte Shell-Studie zur Jugend aus dem Jahr 2006 zu betrachten. Der Befragung zufolge sind folgende Werte heute für die Jugend relevant: Toll aussehen - 91 Prozent, Karriere machen - 83 Prozent, Technik - 78 Prozent. Markenkleidung tragen - 77 Prozent, Treue - 77 Prozent. Ganz hinten steht der Wunsch, die Politik mitzugestalten, nicht einmal dreißig Prozent der Jugendlichen erscheint das lohnenswert.Folgt man dem etwas boshaften Impuls, Svende Merian zur Klage über die Jugend von heute anzustiften, bleibt die Wirkung aus. "Die Jungen profitieren ja heute von den Errungenschaften, für die wir damals gekämpft haben",, erklärt sie. Sie hätten es gerade in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit sehr viel leichter. Weiß sie denn, was die Jugend heute schreibt, hat sie Charlotte Roches "Feuchtgebiete" gelesen, auch ein Buch, in dem es um sexuelle Identität geht? "Nein, das Thema interessiert mich heute nicht mehr so. Sexualität ist in jungen Jahren existenziell, heute interessieren mich andere Dinge", sagt Svende Merian.Hellmuth Karasek, der die Wirren der sexuellen Revolution als junger Mann erlebt hat und in seinem jüngsten Buch verblüfft, berauscht oder auch entsetzt davon berichtet, hat die gegenwärtige Jugend in Form seines jüngsten Sohnes vor Augen, der Ende zwanzig ist. Der lebe "ganz nach dem Muster der bürgerlichen Beziehung. Sowas nehmen die sich heute richtig vor." Vielleicht sei das auch die bessere Lösung. Gerade die Sechziger- und Siebzigerjahre, gerade die große Offenheit habe doch auch zu vielen Verletzungen geführt. "Sehen Sie sich doch den Rainer Langhans an, mit seiner Uschi Obermaier, das war doch ein ganz armes Schwein", sagt Karasek, der im Übrigen der Meinung ist - seine Frau hört das allerdings nicht gerne -, dass "in den Beziehungen von Menschen kein Glück angelegt ist".Möglicherweise sieht Arne das auch so, der Held des "Märchenprinzen", der sich nicht zum Märchenprinz eignete. Svende Merian hat in der Zwischenzeit einmal von ihm gehört, über eine Bekannte. Er soll sich in der Vergangenheit häufiger in ein Kloster zurückgezogen haben.------------------------------Foto: Selbstverständlich wurde eine solche Botschaft seinerzeit in feministischem Lila aufgesprüht. Was Svende Merian ihrem verflossenen "Politmacker" zu sagen hatte, kam danach als Originalfotografie auf das Cover ihres ersten Buches.Foto: Svende Merian, 55, engagiert sich heute für die SPD in der Kommunalpolitik.