Zwei Texte "in eigener Sache", die unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Editorial des SZ-Magazins vom Freitag hat Chefredakteur Christian Kämmerling den Abdruck gefälschter Interviews bedauert und das Magazin als Opfer der Kummerschen Fälschungspraktiken dargestellt. "Uns ist das Schlimmste passiert, was einem Magazin zustoßen kann." Der zweite, am Samstag in der "Süddeutschen Zeitung" gedruckte Text "in eigener Sache" legt nahe, dass Kämmerling und sein Chefredakteurs-Kollege Ulf Poschardt in diesem Fall mehr als nur Opfer sind.Auf zwei vollen Seiten schildert die SZ in dieser Dokumentation ("Ein Mann und sein ganz besonderer Draht"), wie der Schweizer Autor Tom Kummer über Jahre gefälschte Texte und Interviews im Magazin der SZ unterbringen konnte. Eine schlechte Figur machen darin vor allem die beiden Chefredakteure des SZ-Magazins - neben dem 46-jährigen Kämmerling ist das der 33-jährige Ulf Poschardt. Beide hatten seit Jahren immer wieder deutliche Hinweise auf die unsaubere Arbeitsweise von Kummer erhalten, denen sie jedoch nicht nachgingen.Einmalige Form der AufklärungSZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz kam offenbar zu der Überzeugung, dass das Magazin nicht in der Lage - oder willens - sein würde, den Skandal selbst aufzuklären. Weil, wie die SZ-Chefredaktion am Samstag schrieb, die Veröffentlichung nicht nur das von der "Süddeutschen Zeitung" unabhängige Magazin tangiere, sondern auch dem Ansehen des Mutterblattes schade, kam es zu der einmaligen Form der Aufklärung. "So umfassend wie nötig, ohne falsche Rücksichtnahme, möglichst objektiv und distanziert" wollte die SZ über die eigene Beilage berichten, und sie hat ihr Versprechen eingelöst: Wohl noch nie hat eine deutsche Publikation eigene Fehler und Versäumnisse derart ausführlich, offen und distanziert beschrieben. Die SZ setzt damit einen neuen Standard, was innere Pressefreiheit und die kritische Selbstbetrachtung des eigenen Verlagshauses betrifft.Die Dokumentation knüpft an eine in den USA gepflegte Tradition an, wonach in solchen Fällen das Vertrauen der Leser nicht mit Unschuldsbeteuerungen, sondern nur mit rücksichtsloser Aufklärung zurückgewonnen werden kann. Jeder nicht zugegebene, selbst aufgeklärte Fehler sei bereits ein neuer, hat Max Frankel, ehemaliger Chefredakteur der "New York Times", dieses Prinzip einmal erklärt. Als die "Washington Post" einen Pulitzerpreis für eine frei erfundene Geschichte über ein angeblich heroinabhängiges Kind zurückgeben musste, gab der damalige Chefredakteur Ben Bradlee die Devise aus, man werde die Sache so gründlich aufarbeiten, dass jeder, der sich künftig damit befasse, der eigenen Darstellung kein wesentliches Detail mehr hinzufügen könne. Der Ombudsmann der "Post" recherchierte tagelang, befragte nahezu 50 Personen und verschwieg nicht, welch wenig schmeichelhafte Rolle der damalige Lokalchef und Watergate-Enthüller Bob Woodward bei diesem Fall spielte. Fortan war klar, dass Woodward nie mehr Chefredakteur der "Post" werden konnte. Am weitesten ging im vergangenen Jahr wohl die "Los Angeles Times". Als sie kritisiert wurde, weil sie die Grenze zwischen Redaktion und Verlag aufgehoben und sich mit den Betreibern eines Sportzentrums die Werbeeinnahmen einer redaktionellen Beilage über das Zentrum geteilt hatte, schilderte sie in einer eigenen Beilage, wie es dazu kommen konnte - auf vierzehn Seiten. Nicht nachgehaktIn ihrer Dokumentation zeigt nun die Süddeutsche Zeitung, dass die beiden Magazinchefs, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, den Fälscherverdacht seit Jahren kennen mussten und es immer wieder Anlass gegeben hat, Kummer damit zu konfrontieren. So erwähnt die SZ die bereits in der "Berliner Zeitung" veröffentlichten Vorwürfe ehemaliger Redaktionsmitglieder, wonach der Fälschungsverdacht seit Jahren im Magazin kursierte. In einem Punkt werden die Vorwürfe jedoch auch korrigiert: Einige der Kummer-Texte, die jetzt als Fälschungen gelten, erschienen noch in der Amtszeit von Andreas Lebert, der bis Mitte 1996 Chefredakteur des Magazins war.Selbst Poschardt schrieb bereits im Februar 1997 seinem Korrespondenten Tom Kummer in Los Angeles, der Redaktion seien "Gerüchte zu Ohren gekommen", dass ein Interview Kummers für den "Stern" angefochten worden sei, und nun auch die SZ-Interviews untersucht werden sollten. "Nachdenklich hat uns gestimmt, dass du Courtney Love von Lucky Luke reden lässt, wo Lucky Luke doch gar nicht in den USA gedruckt wird." Poschardt versichert Kummer jedoch, er stehe voll hinter ihm - "auch und gerne gegen den Widerstand der Redaktion".Zwar gibt er seiner Hoffnung Ausdruck, dass doch sicher für alle Interviews Bandmitschnitte vorhanden seien. Doch obwohl Kummer dies nicht bestätigt und in einer drei Zeilen langen Antwort-Mail nur schreibt, er wisse nichts von Problemen, ist der Fall für die Chefredaktion des SZ-Magazins erledigt. Im April 1999 wird die Zusammenarbeit mit Kummer dann doch eingestellt. Kummer, so hatte eine Leserin herausgefunden, hatte der Gesellschaftsdame Ivana Trump philosophische Äußerungen in den Mund gelegt, die er aus einem Andy-Warhol-Buch entnommen hatte. Poschardt schreibt in seinem Kündigungsbrief an Kummer: "Als Freund frage ich Dich, welche Art von Verachtung Du nicht nur für das journalistische Ethos, sondern auch für die mit Dir befreundeten Kollegen hast." Poschardts Enttäuschung klingt ehrlich und spricht für seine Version, mit Kummers Montagetechnik keineswegs vertraut gewesen zu sein. Kummer indes erwidert, er habe das Gefühl gehabt, dass die Magazinredakteure die Fälschung als solche erkannt hätten. "Ivana Trump zitiert Warhol. Das muss euch eigentlich schon beim ersten Lesen meines Manuskripts klar geworden sein." Ist der Fall Kummer also ein Betriebsunfall? Das Ergebnis einer Art von Journalismus, in der sich Autor und Redakteur schlicht nicht über die Grenzen verständigt hatten? Statt nun endlich von Kummer Aufklärung über all die bereits gedruckten Texte und Interviews zu fordern, schreibt Poschardt in seinem Kündigungsbrief von 1999 nur, eigentlich interessiere ihn die Antwort nicht mehr. "Es ist ab jetzt nur mehr Dein Problem." Nun, da Kummers Fälschungen auch Poschardts und Kämmerlings Problem sind, sagt dieser Satz viel über die Haltung der Magazinchefs aus. So wie sie den Verdacht und die Gerüchte über Kummers fragwürdiges Verständnis von Journalismus lange Zeit ignorierten, so wollten sie, als sich der Verdacht bestätigte, gar nicht wissen, wie viel Kummer gefälscht hat.Personaldebatte unvermeidlichGeradezu kurios wirkt es dann, dass Kämmerling und Poschardt in all den Jahren nur einmal energisch gegen Kummer vorgegangen sind. Dies geschah nicht etwa wegen all der Verdachtsmomente, sondern weil Kummer 1997 der Konkurrenz vom "Zeit"-Magazin ein Interview schickte. Kämmerling erklärte sogar die Zusammenarbeit für beendet. Erst als Kummer dem Zeit-Magazin absagt und den SZ-Leuten verspricht, dies komme nicht mehr vor, will Kämmerling "die Sache vergessen und bald mal ein gemeinsames Bier trinken!" Ulf Poschardt wird in der SZ mit dem Satz zitiert: "Rückblickend kann ich nur sagen, hätten wir uns damals doch mehr Fragen gestellt und hätten wir unsere Leser informiert." Angesichts der Fehler und Versäumnisse, die die SZ-Reporter Annette Ramelsberger und Klaus Ott dokumentieren, wird nun jene Personaldebatte einsetzen müssen, die die Gesellschafter des Süddeutschen Verlages vergangene Woche nicht führen wollten. Nach allem, was bislang bekannt geworden ist und vor allem nach der Dokumentation in eigener Sache bleiben dem Verlag eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Chefredaktion des SZ-Magazins wird ein journalistisch versiertes Korrektiv vor die Nase gesetzt, um eine ähnliche Missachtung journalistischer Standards künftig zu verhindern. Oder die Spitze wird ganz erneuert.Siehe auch Seite 3: Tom Kummer und die MythenSÜDDEUTSCHER VERLAG Streit zwischen SZ und SZ-Magazin // In einer gemeinsamen Erklärung vom Sonnabend werfen die SZ-Magazin-Chefredakteure Christian Kämmerling und Ulf Poschardt der "Süddeutschen Zeitung" vor, in ihrem Text zum Fall Kummer einseitig und parteiisch berichtet zu haben. "Zitate wurden verdreht beziehungsweise unautorisiert abgedruckt", heißt es. "Entlastende Zeugen wurden nicht befragt und entscheidende Zusammenhänge außer Acht gelassen. " Die Süddeutsche Zeitung wehrt sich gegen diese Vorwürfe aus dem eigenen Magazin: Der Leiter der "SZ"-Medienredaktion, Alexander Gorkow, sagte: "Die Autoren sind über alle Zweifel erhaben. Sie arbeiten unsentimental und leidenschaftslos. " Gorkow zeigte sich "amüsiert" darüber, "gerade von dieser Seite zum jetzigen Zeitpunkt Hinweise über den korrekten Umgang mit Zeugen, Zitaten und Zusammenhängen zu erhalten".SÜDDEUTSCHE ZEITUNG/BERLINER ZEITUNG Die Wochenendausgabe der "SZ": Zwei Seiten über den Fall Kummer.TEUTOPRESS SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz. Er ließ den Fall Tom Kummer im eigenen Blatt aufklären.