Mittwoch, 2. Mai 1945: "Aus unserer Wohnung schallt muntere Musik. Es herrscht Hochbetrieb. " Die Rote Armee hat ihren Vormarsch in Berlin unterbrochen und wieder einmal das Wohnzimmer der Tagebuchschreiberin erobert, gestürmt durch die nicht abschließbare Hintertür. Auch im Nebenzimmer Russenbesuch, vorgestellt als "-tsch -tsch -tsch Soundso, Major. (Sie haben eine spezielle Art, ihre Vaters- und Familiennamen zu vertuscheln, sind alle bemüht, ihre Identität zu verkleistern . ) " Es gab in den Tagen des April und Mai 1945 Gründe für die sowjetischen Soldaten, ihre Identität nicht leichtfertig preiszugeben. Warum, das hat eine Berlinerin 1945 in ihren Aufzeichnungen genau festgehalten. Ihr Bericht "Eine Frau in Berlin", in diesem Frühjahr bei Eichborn wieder aufgelegt und seither auf der Spiegel-Bestsellerliste, ist eine rücksichtslos ehrliche Beschreibung der sexuellen Gewalt, der Frauen von Seiten der Sowjetsoldaten ausgesetzt waren - vom brutalen Überfall in Kellerflur und Wohnung bis hin zu weniger direkten Formen der Einschüchterung und Erpressung. Um sich vor weiteren Vergewaltigungen zu schützen, begibt sich die Autorin selbst unter den Schutz des Majors, der ihr am 2. Mai begegnet und sich als sanft herausstellt.Es gab auch gute Gründe, die Identität der Verfasserin nicht preiszugeben, als ihr Text zuerst 1954 in den USA, dann 1959 auf Deutsch erschien. Über die massenhaften Vergewaltigungen durch Rotarmisten haben Frauen zwar im Frühling und Frühsommer 1945 untereinander frei geredet - das Tagebuch bezeugt das - sie waren aber kein Thema für die Öffentlichkeit, schon gar nicht, nachdem die Männer aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Auch der Freund der Tagebuchschreiberin, Gerd genannt, zeigt nach seiner Rückkehr das Unverständnis der Männer für das, was die Frauen in der Zwischenzeit erlebt haben. Die Sprachlosigkeit zwischen den beiden weist voraus auf das öffentliche Beschweigen der Nachkriegszeit."Anonyma" gab der Eichborn Verlag als Verfasserin an. Es sei der Wunsch der - mittlerweile verstorbenen - Verfasserin, dass ihr Name ungenannt bleibe. "Schon aus diesem Grund verbieten sich Spekulationen über ihre Identität", heißt es auf dem Schutzumschlag, und die Vorbemerkung sagt: "Ihre Person ist ohnehin belanglos, da hier kein interessanter Einzelfall geschildert wird, sondern ein graues Massenschicksal ungezählter Frauen. " Als Rechteinhaberin wird Hannelore Marek genannt, die Witwe von Kurt W. Marek. Er hatte den Text in den fünfziger Jahren herausgebracht und war, wie er im Nachwort erklärt, ein Freund der Autorin.Spekulationen über deren Identität hat nun wohl jeder Leser des höchst eindrücklichen Textes angestellt. Denn diese Frau, die das bittere Schicksal ihrer Geschlechtsgenossinnen teilt, ist zugleich auch ein Sonderfall und sieht sich so: Sie weiß genug über Russland und spricht genug Russisch, um im Moment der Eroberung zur Dolmetscherin, ja Parlamentärin einer Hausgemeinschaft zu werden, eine exponierte, heikle Situation. Und sie ist zugleich eine begnadete Schreiberin, die Erlebtes und Gehörtes in starke Bilder fassen und den Zusammenbruch einer Geschlechterordnung reflektieren kann - den deutschen Männern ist die Männlichkeit geraubt worden vom männlichen Feind. Den Frauen bleibt die Opferrolle. Wer war diese ungewöhnliche Frau, fragt sich der Leser.Der Literaturredakteur Jens Bisky hat in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung in einer aufwändigen und sorgfältigen Recherche die Identität der Anonyma enthüllt, soweit dies möglich ist. Ausgehend von der Zuschrift einer Freundin der "Anonyma" konnte er diese identifizieren. Es handelt sich um die Journalistin Marta Hillers, geboren 1911 in Krefeld, nach Auslandsaufenthalten zurückgekehrt ins Deutschland der NS-Zeit, tätig für Zeitungen und Zeitschriften. Sie war vermutlich kein NSDAP-Mitglied, wohl aber "Kleinpropagandistin des Dritten Reiches", die an Broschüren zur Erziehung der deutschen Jugend mitgearbeitet hatte. Mit seinen Recherchen hat Bisky der Verfasserin eines Textes, der Zehntausende Leser bewegt hat, ein Gesicht und eine Vergangenheit gegeben. Durfte er das?Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der Anderen Bibliothek im Eichborn Verlag und damit auch dieses Textes, reagierte am Mittwoch heftig: "Wenn es investigativer Journalismus ist, Namen und Adresse einer vergewaltigten Frau auszukundschaften und gegen ihren Willen zu veröffentlichen, dann kann man Jens Bisky und der Süddeutschen Zeitung zu diesem Triumph nur gratulieren. " Er spricht von "Wasserträgern" der Postmoderne, denen "Rücksicht auf Personen, die in weniger angenehmen Zeiten gelebt haben", fremd sei.Enzensbergers Vorwürfe wären verständlich, handelte es sich um ein rein literarisches Werk. Es handelt sich aber - der Verlag wirbt ja selbst damit - auch um ein "authentisches", ein historisches Dokument. Als historisches Dokument aber ist der Text wertlos, solange man über seine Herkunft nur weiß, was uns der Eichborn Verlag wissen lässt. Wer hat dem Text seine jetzige Fassung gegeben? Von "Schulheften" und "Kritzelzetteln" ist die Rede, dann von einem 121-seitigen Typoskript der Autorin. "Dabei wurden aus Stichworten Sätze. Angedeutetes wurde verdeutlicht, Erinnertes eingefügt", heißt es in der Vorbemerkung - was mag Kurt Marek da beigetragen oder geändert haben? Immerhin war der Mann, zu dessen bekannten Werken der Wissenschaftsroman "Götter, Gräber und Gelehrte" gehört (veröffentlicht 1949 unter dem Pseudonym C. W. Ceram) und zu den unbekannteren die Kriegserzählung "Wir hielten Narvik" (1941), ein Spezialist für die Montage und Literarisierung von Zeugnissen. Das ist eine legitime Frage, die verstärkt wird durch die Veränderungen im Text seit der ersten Ausgabe. Der Absatz, in dem die Autorin erzählt, dass sie ihre Notizen für ihren Freund abgetippt habe, ist entfallen. Wieso?Auch Enzensberger kann die Fragen nach der Entstehungsgeschichte nicht beantworten. Der Berliner Zeitung sagte er gestern, ihm habe nur die Satzvorlage der Marek-Witwe vorgelegen. Die vorangehenden Originale kennt er nicht. Er habe sich auf das Wort von Hannelore Marek verlassen. Wer Textphilologie als "Privatdetektiv" betreiben wolle, möge dies tun - "meine Aufgabe als Verleger ist es nicht". Anstatt die Herkunft des Textes zu prüfen, haben Enzensberger und sein Verlag dessen Rätselhaftigkeit inszeniert, mit großem Erfolg. Derselbe Mann, der Spekulationen um die Identität der Verfasserin ablehnt, mutmaßte im Juni im hessischen Rundfunk: "Wenn ich eine Vermutung wagen darf: Ich glaube, es muss vielleicht jemand sein, der überwintert hat in der Nazizeit irgendwo doch im Medienbereich. " Das wissen wir nun wohl etwas genauer.Anonyma: Eine Frau in Berlin.Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis zum 22. Juni 1945. Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003. 297 S. , 19,90 Euro.AKG Berlinerinnen und Besatzer, im Mai 1945.