Es herrscht Nervosität in der Redaktion der serbischen Tageszeitung "Vesti". Es scheint, als habe sich die Welt seit Donnerstagabend so verändert, dass die Redakteure von "Vesti" nichts mehr sagen können. Seit 1992 erscheint das Blatt im Nidda-Verlag in Bad Vilbel bei Frankfurt/Main. Verlagsgründer und Besitzer der größten serbischen Tageszeitung in Deutschland ist Dusan Vidakovic. Noch am Don-nerstagabend sagte er ein Interview für Freitagvormittag zu, doch da wollte der "Verlagspräsident", wie sich Vidakovic selbst nennt, den Sturz von Slobodan Milosevic wohl noch nicht wahrhaben. Herr Vidakovic sei nicht da und habe Termine, lässt die Sekretärin zum vereinbarten Termin telefonisch wissen. Andere Gesprächspartner von "Vesti" sind verunsichert. Ein Redakteur namens Popovic bricht das Telefonat nach einer Frage über Milosevic ab. Die Sekretärin verspricht, ein Herr Pavlovic werde zurückrufen. Auch wenn sich die Zeitung als politisch unabhängig bezeichnet, berichtete sie freundlich über das mittlerweile gestürzte Belgrader Regime. Während des Bosnienkrieges ergriff sie Partei für den radikalen serbischen Führer Radovan Karadzic. Über Kriegsverbrechen an den bosnischen Muslimen berichtete sie nicht, eine Auslieferung von Milosevic an das Haager Kriegsverbrechertribunal hält man für falsch. Kyrillische Schrift für SerbenDie Entwicklung der Tageszeitung, die in serbisch-kyrillischer und teilweise in lateinischer Schrift erscheint, spiegelt das Jahrzehnt auf dem Balkan wider. Als 1992 die UN-Sanktionen über Jugoslawien verhängt wurden, konnten auch keine jugoslawischen Zeitungen und Magazine in Deutschland gekauft werden. Deshalb baute Zoran Cadez, ein ehemaliger Redakteur der Belgrader Abendzeitung "vecernje novosti", mit Hilfe von Vidakovic, einem serbischen Bauunternehmer aus Frankfurt, den Nidda-Verlag auf. Schnell fand "Vesti" seine Leserschaft - zum Großteil jugoslawische Exilanten. Dass die Leserschaft serbisch sein sollte, symbolisierte die kyrillische Schrift, die von kroatischen oder bosniakischen Ausländern in Deutschland nicht gerne gelesen wird. Mehr als 50 000 Exemplare von "Vesti" sollen bundesweit täglich erhältlich sein. In Berlin beispielsweise liegt sie an vielen Kiosken und Bahnhöfen aus. An der Berichterstattung von "Vesti" kam auch der Auslandskorrespondent der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug, Svetislav Maksovic, nicht vorbei. "Ich lese sie täglich, denn sie ist zu einer wichtigen Informationsquelle geworden", sagt Maksovic, der seit dem Umsturz in Belgrad nicht mehr neidisch auf die unzensierte Arbeit seiner Kollegen bei "Vesti" blicken muss. Die ehemals Milosevic-treue staatliche Nachrichtenagentur ließ verlautbaren, dass sie nur noch nach professionellen Kriterien berichten würde. Seit Freitagmorgen schickt Maksovic Meldungen von Reaktionen deutscher Politiker nach Belgrad. Noch vor wenigen Tagen hätte man ihn dafür entlassen oder gar wegen Verbreitung feindlicher Propaganda angeklagt. Während für die serbischen Medien im Land selbst die Stunde der Befreiung und Freude gekommen zu sein scheint, verhalten sich die "Vesti"-Macher ruhig. Redakteur Pavlovic wollte sich auch nach erneuter Anfrage über die Lage in Serbien nicht äußern. Brav wird jedoch in der Freitagsausgabe über die Demonstranten und den Sturm auf das serbische Parlament berichtet. "Es ist eben die Zeit der Wendehälse", sagt Dusan Reljic. Der Journalist arbeitete mehr als 20 Jahre in Jugoslawien und ist heute für das Europäische Medien-Institut Düsseldorf tätig. Jetzt wollen alle immer schon gegen Milosevic gewesen sein, meint Reljic. Die "Vesti"-Macher würden ihr Image als "Jein-Sager" schnell abschütteln, ist die serbische Redakteurin Ljiljana Vojnovic, die für den Berliner Multi-Kulti-Sender arbeitet, überzeugt. "Nie war ,Vesti ganz für die Opposition und nie ganz gegen Milosevic." Mit dieser Position konnte der Bauunternehmer Vidakovic sein Blatt erfolgreich verkaufen. Drei Jahre nach der Gründung des Verlages vertrieb Vidakovic eine eigene Ausgabe von "Vesti" in den USA und Kanada. Mittlerweile ist die Zeitung in 19 Ländern erhältlich. 1997 etablierte er zusätzlich die freitags erscheinende Wochenzeitung "oko", in der auch härtere Töne angeschlagen werden. Hier behauptet eine Journalistin in der letzten Septemberausgabe, dass nicht zuletzt Deutschland Jugoslawien zerschlagen und somit den Krieg und die ethnischen Säuberungen verursacht hätte. Eine Meinung, die von vielen in Serbien geteilt wird. Keine aktualisierte AusgabeWohl auch vom Chefredakteur der Tageszeitung, Alexander Vidakovic, der von seinem Vater Dusan - dem "Verlagspräsidenten" - auf den Posten gehievt wurde. Diese Entscheidung wurde von vielen Kollegen heimlich kritisiert. Hauptsächlich werde die Zeitung zwar in Belgrad gemacht. Doch die Journalisten, obwohl vor Ort, könnten die Situation nicht richtig einschätzen, meint eine Kollegin, die nicht genannt werden möchte. So erschien am Freitag nicht einmal eine aktualisierte Ausgabe der Zeitung. Zurzeit arbeitet Vidakovic an einer australischen "Vesti"-Version. Doch wenn die Opposition in Serbien die Macht übernimmt, werden viele Exilanten wieder in ihr Land zurückkehren. Gerade sie waren hungrig nach Berichten aus der Heimat und kauften "Vesti". Wenn sie wieder daheim sind, werden sie "Vesti" nicht mehr brauchen.Nachrichten aus Belgrad // Die Tageszeitung "Vesti" (Nachrichten) und das Wochenblatt "oko" (Auge) verfügen über ein eigenes Korrespondentennetz. Vertretungen gibt es unter anderem in Belgrad, New York, Wien und Paris.Die Auflage von "Vesti" beträgt nach eigenen Angaben mehr als 50 000 Exemplare. Allerdings haben nur 300 Leser die Zeitung abonniert. Täglich sollen etwa 41 000 Exemplare verkauft werden. Die Daten sind jedoch nicht IVW-bestätigt.Auch im Netz ist die größte serbische Tageszeitung in Deutschland vertreten: www. vesti. de VESTI/BERLINER ZEITUNG In der Freitagausgabe berichtete "Vesti" über den Umsturz.