Gut zwei Jahrzehnte nach dem damaligen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow hat sich nun auch die taz für die Verbreitung einer KGB-Verschwörungstheorie entschuldigt. Am 18. Februar 1987 veröffentlichte die linksalternative Tageszeitung ein ganzseitiges Interview, in dem der aus Ost-Berlin stammende Biologe Jakob Segal Ungeheuerliches behauptete: Demnach sei das HI-Virus, das die tödliche Immunschwächekrankheit Aids auslöse, in einem US-Forschungslabor entwickelt worden. In ihrer Wochenend-Ausgabe räumte die taz nun ein, dass man mit dem Interview seinerzeit "einer Art globaler Verschwörung sowjetischer und DDR-Geheimdienstkreise" aufgesessen sei. Allerdings habe die Redaktion, so versichert die taz, dies damals nicht gewusst.Die Welt hingegen weiß es spätestens seit 1990. Der KGB-Überläufer Oleg Gordievsky hatte damals in einem Buch erstmals über die Desinformationsoperation des sowjetischen Geheimdienstes berichtet, mit der die Schuld an der in den Achtzigerjahren ausgebrochenen Aids-Epidemie dem Pentagon in die Schuhe geschoben werden sollte.Codename "Infektion"Zwei Jahre später, 1992, enthüllten zwei Stasi-Offiziere der für Desinformation zuständigen Abteilung X der Auslandsspionageeinheit HVA in der FAZ, dass auch Mielkes Geheimdienst unter den Codenamen "Infektion" und "Vorwärts II" kräftig daran mitzuwirken versuchte, die krude Aids-Pentagon-Story in die Welt hinauszutragen. Später wurde das sogar durch KGB-Dokumente untermauert. Und der Spiegel wusste 2002 zu berichten, dass sich Gorbatschow bereits im August 1987 schriftlich bei US-Diplomaten für die Kampagne seines Geheimdienstes entschuldigt hatte. Gleichzeitig stoppte er damals alle entsprechenden Aktivitäten des KGB.Die taz aber schwieg all die Jahre hindurch. Dabei war es diese Zeitung, die 1987 mit dem Segal-Interview die KGB-Mär zumindest in der Bundesrepublik unters Volk gebracht hatte. Die Aids-Pentagon-These habe damals wie eine Bombe eingeschlagen, erinnert sich heute der damalige taz-Redakteur Kuno Kruse. Besonders in der linken Szene habe Aids von da an nicht nur einen Namen, sondern vor allem einen Verursacher gehabt - die USA.Der in Ost-Berlin lebende emeritierte Professor Jakob Segal hatte in dem Interview behauptet, das HI-Virus sei sehr wahrscheinlich in einem Forschungslabor in Fort Detrick (US-Bundesstaat Maryland) entwickelt worden und außer Kontrolle geraten. Fort Detrick war mindestens bis 1973 das zentrale Laboratorium des Pentagons für die Entwicklung biologischer Waffen. Segal behauptete nun, dass in dem Militärlabor Mitte der Siebzigerjahre Menschenexperimente an Strafgefangenen vorgenommen worden seien, darunter auch mit einem künstlich hergestellten Virus, das sich später als Aids-Erreger entpuppt habe. "Nachdem den Gefangenen das neu hergestellte Virus injiziert worden war und sie, wegen der noch unbekannt langen Inkubationszeit, keine Krankheitszeichen aufwiesen", habe man die Testteilnehmer - und mit ihnen das HI-Virus - in die Freiheit entlassen, schrieb Segal in einem 50-seitigen Report, der die Grundlage des Interviews für die taz war. In der DDR übrigens konnte Segal - wie sich nach der Wende herausstellte - diese Story nicht verbreiten. Die SED-Führung hatte ihm aus Sorge um die Beziehungen zu den USA ein Veröffentlichungs- und Forschungsverbot erteilt.Das Interview mit Segal hatte der Ost-Berliner Schriftsteller Stefan Heym geführt. Heym und Segal waren seit Jahrzehnten eng miteinander befreundet. Segal wurde offenbar vom KGB benutzt oder zumindest instrumentalisiert, indem man ihn mit vermeintlichen Fakten zu der Aids-Story fütterte. Das geht auch aus KGB-Dokumenten hervor, die ein weiterer Überläufer 1999 veröffentlichte.Heyms Ruf als Dissident und aufrechter Publizist trug wohl dazu bei, dass die taz das Interview veröffentlichte, ohne seine gewagten Thesen zuvor auf Plausibilität zu prüfen. Besorgt hatte den Text der damalige taz-Feuilletonredakteur Arno Widmann, wie Heym ein Wissenschafts-Laie. Widmann ist heute Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau. In der taz begründete er nun sein damaliges Handeln damit, dass Heym, den er in Berlin-Grünau besuchte, ihn vor die Wahl gestellt habe: Er könne das Manuskript mitnehmen und ohne weitere Prüfung drucken oder es ablehnen. Damals habe er entschieden, es sei "besser, einen Heym im Original im Blatt zu haben als keinen Heym", so Widmann im Rückblick. Außerdem sei es Aufgabe einer Zeitung, Debatten zu organisieren. Und dazu gehöre auch, interessante Thesen öffentlich zu machen."Das ist Quatsch"Die taz zitiert dazu auch den heutigen Stern-Reporter Kuno Kruse, in dessen Themenbereich damals in der Zeitung die Aids-Epidemie fiel. Kruse sagt, er habe seinerzeit von einer Veröffentlichung des Interviews abgeraten. "Das ist Quatsch", habe er zu Widmann gesagt. Allerdings gab Kruse 1987 selbst ein Buch mit dem Titel "Aids - Erreger aus dem Genlabor?" heraus, in dem auch Segals These eine Rolle spielt.Unklar bleibt in dem taz-Artikel, ob das Interview von 1987 Ergebnis einer Stasi-Operation war oder nicht. Die Zeitung schreibt lediglich, es habe in die Strategie der HVA gepasst, die KGB-Mär zu verbreiten. Dokumente, die auf eine direkte Verwicklung des MfS in das Zustandekommen des taz-Interviews und auf Stasi-Kontakte von Segal und Heym hinweisen, sind jedenfalls bislang nicht aufgetaucht. Auch der frühere HVA-Offizier Günther Bohnsack, der in der HVA-Desinformationsabteilung X unter anderem für die Aids-Story zuständig war, wollte in der gestrigen taz nur vermuten, dass Stefan Heym seinerzeit irgendwie "auch ein Spieler am großen Tisch der Geheimdienste" gewesen sei.Der Ex-tazler Kuno Kruse zieht aus heutiger Sicht das Fazit: "Die taz trägt Mitverantwortung für all die Folgen, die die Verwirrung um die Segal-These mit sich brachte." Ein Eingeständnis, immerhin, auf das die Leser dieser Zeitung 23 Jahre warten mussten.------------------------------Unklar bleibt, ob der Artikel von 1987 Ergebnis einer Stasi-Operation war.Foto: Ein Aids-Kranker in einem Hospital in Papua-Neuguinea. Das Virus stamme aus US-Laboren, lautete eine Verschwörungstheorie des KGB.