Bücher über Steuer-, Wirtschafts- und Sozialpolitik haben es schwer. Sie handeln von sperrigen Gegenständen, und nur Autoren von Format gelingt es, diese Materie in eine sprachliche Form zu bringen, die inhaltlich nicht unter Niveau liegt und trotzdem lesbar bleibt. Die taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann hat diese Doppelaufgabe in ihrem ebenso dichten wie elegant geschriebenen Buch mit dem Titel "Hurra, wir dürfen zahlen" glänzend gelöst. Der Untertitel umschreibt das zentrale Problem: "Der Selbstbetrug der Mittelschicht." Deutschland ist in zweifacher Hinsicht ein exotisches Land.Nach der weithin anerkannten Ideologie gibt es hierzulande keine "Unterschicht". Als der einstige SPD-Chef Kurt Beck das Wort in den Mund nahm, wurde er von den sozialdemokratischen Priestern der rot-grünen Hartz-IV-Religion scharf gerüffelt. Demnach gibt es nur Mittelschichten und ein paar Reiche. Und das macht das zweite Moment der deutschen Nachkriegsideologie im Zeichen der "nivellierten Mittelstandgesellschaft" (Helmut Schelsky) aus: "wir sind alle Mittelschicht, und die unterhalb sind selber schuld, dass sie nicht dazugehören". So krass sagen das zwar nur Hardliner wie Thilo Sarrazin, Hans-Olaf Henkel und andere Helden des Talk-Show-Gewerbes, aber der Gassenhauer gehört zur Mentalität des deutschen Mittelstandes.Die Jahre des Wirtschaftswunders gaben dem Selbstbetrug einen Hauch von Plausibilität: Damals kamen fast alle in den Besitz eines Autos, eines Kühlschranks und eines Fernsehers sowie in den Genuss einer Urlaubsreise ins Ausland. In dieser Phase prägte sich bei den deutschen Mittelschichten das Phantasma ins Bewusstsein, sie gehörten eigentlich schon fast zur Oberschicht. Fortan solidarisierten sie sich in jeder Situation mit den Interessen der wirklich Reichen ("weniger Staat, weniger Steuern") und pflegten ihre Ressentiments gegen die Unterschicht ("faul, arbeitsscheu, schmarotzerisch, deshalb mehr Kontrolle und Repression"). Die Regierungen - ob die konservativ-liberale, die rot-grüne oder die schwarz-rote - taten fortan alles, um die Mittelschichten in ihren Illusionen und Träumen einzulullen.Nach der offiziellen Statistik gehört ein Single, der monatlich 2964 Euro verdient - das Doppelte des Durchschnittseinkommens von 1482 Euro - zu den Reichen. Mental reagieren Singles ihre Steuerbelastung mit Ressentiments gegen die Unterschicht ab, wobei sie wie der mediale Guru Peter Sloterdijk vergessen, dass die indirekten Steuern (Mehrwert-, Tabak- und Energiesteuern) sehr viel mehr ausmachen als die direkten Einkommenssteuern.Der Mittelstand fühlt sich als gemolkene Kuh des Steuerstaates - durchaus zu Unrecht, außer in einer einzigen Hinsicht: Im Gesundheitswesen, aus dem sich die wirklich Besserverdienenden dank der unsäglichen Versicherungspflichtgrenzen längst ins Reservat der privaten Versicherungen verabschiedet haben, finanziert der Mittelstand mit seinen Kassenbeiträgen die Gesundheitskosten der Unterschicht wirklich mit. Im Rentensystem führt die nicht minder unsolidarische Beitragsbemessungsgrenze dazu, dass Geringverdiener mit kürzerer Lebenserwartung in ihrem Leben 30 000 Euro aufbringen, damit Spitzenverdiener mit höherer Lebenserwartung 100 000 Euro mehr aus dem abgeblich "solidarischen" Systemtopf herausholen können, als sie einbezahlt haben. Das sind Systeme mit regressiven (d. h. mit steigendem Einkommen sinkenden) Belastungen!Für die völlig verschrobene Selbstwahrnehmung des Mittelstandes sprechen die regelmäßigen Wutausbrüche gegen die Manager als "Abzocker." Natürlich haben die Bezüge der Nieten und Nullen in Nadelstreifen mit Leistungsgerechtigkeit nichts mehr zu tun. Aber die Bezüge der Manager machen rund 1,5 Prozent der Konzerngewinne aus. Die restlichen 98,5 Prozent der Profite fließen auf die Konten der richtig reichen Kapitaleigner, und darüber regt sich niemand auf. Unter der rot-grünen Regierung wurden zaghafte Widerworte gegen diese Zustände als "Klassenkampfparolen" denunziert und der damalige sozialdemokratische Minister und heutige FDP-Wahlkämpfer Clement brachte eine Broschüre auf den Markt mit dem Bild-Zeitungs-Titel: "Vorrang für die Anständigen. Gegen Missbrauch, ,Abzocke' und Selbstbedienung im Sozialstaat".Die regierungsamtliche Hetze gegen Arbeitslose und die Geschenke für die Reichen fanden ihren Höhepunkt in der Liturgie der Schröder-Fischer-Hartz-Religion: "Fördern und fordern". Diese zwiespältige Parole stürzte die SPD in den Abgrund und machte die BRD - so Ulrike Herrmann - zu "einer Steueroase für Reiche" mit riesigem Niedriglohnsektor. Die große Koalition bekräftigte diesen Kurs mit der Einführung der Abgeltungssteuer von 25 Prozent auf Kapitalerträge. Davon profitieren die Reichen ebenso wie von der irrsinnigen Staatsverschuldung: die Kosten für die Langzeitarbeitslosen sind mit 8 Prozent des Bundeshaushalts weniger als halb so hoch wie jene für die Zinsen aus dem Schuldendienst, die an die kapitalkräftige Bevölkerung fließen und deren Steuerlast verringern, wenn nicht kompensieren.Dem in bestem Sinn aufklärerischen Buch von Ulrike Herrmann sind möglichst viele Mittelschicht-Leser zu wünschen. Vielleicht geht diesen Verblendeten danach doch noch ein Licht auf.------------------------------Foto: Ulrike Herrmann: Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Westend, Frankfurt 2010. 223 S., 16.95 Euro.Foto: In der Zeit des Wirtschaftswunders durften die Deutschen noch an den unbegrenzten Wohlstand glauben.