Es war eine unserer letzten persönlichen Begegnungen, 1997 in Chemnitz, im Schauspielhaus, nach der Premiere von Goethes Schauspiel für Liebende "Stella". Er versuchte mir zu erklären, dass er die Inszenierung wohl nicht ganz verstanden habe, aber dass er den "jungen Menschen", also den Regisseur zwar für ein wenig verrückt, aber mordsmäßig begabt halte. Der junge Mensch war, noch von Gerhard Meyer selber engagiert, seit der Wende als Schauspieler in Chemnitz beschäftigt, und er fing an, sich erfolgreich als Regisseur zu erproben: Michael Thalheimer.Gerhard Meyer, 1915 in Chemnitz geboren, war immer gern Schauspieler (wofür er als Intendant immer weniger Zeit fand), er war mit Bedacht und Sorgfalt Regisseur (die "Russen" hat er besonders gemocht: Schatrow, Wampilow, Rostschin), aber mit Leidenschaft war er Talente-Entdecker und -Förderer, und stets war er der "Vater" seiner Ensembles (als Intendant in Potsdam 1957-1966, danach bis 1990 in Karl-Marx-Stadt).Gerhard Meyer hat seine "Kinder" mit Strenge, vor allem aber mit Liebe "erzogen", und sie haben ihm diese Liebe wiedergegeben. Er hatte das Glück, als Anfänger selber die besten Lehrer gehabt zu haben, als Assistent von Wolfgang Langhoff und Wolfgang Heinz am Deutschen Theater anfangs der 50er-Jahre, als Mitarbeiter von Heinz an der Wiener "Neuen Scala", sie waren ihm Vorbild in mancherlei Hinsicht: menschlich, politisch, künstlerisch. Im Leben wie auf der Bühne verband er die Sehnsucht nach denkbaren Utopien mit kritischer Befragung der Realität und aktivem Engagement für vernünftige Veränderungen, das heißt Vermenschlichung einer von ihm als selbstverständlich vorausgesetzten sozialistischen Gesellschaft. Dabei halfen ihm künstlerische Kreativität und ein sehr eigener Humor. Ein Widerstandskämpfer war er nach eigenem Bekunden nie, aber er war auch kein Befehlsempfänger, im Zweifelsfall folgte er seinem künstlerischen Gewissen. Als Erzkomödiant, der er bis zuletzt war, kannte er viele Tricks.Humanismus war ihm nicht Parole, sondern Alltag, Praxis, auch im Umgang mit Menschen. Die volle Verantwortung übernehmend, schickte er den alkoholgefährdeten, ebenfalls mordsmäßig begabten Schauspieler/Regisseur Siegfried Höchst erst zum Entzug, dann holte er ihn an sein Haus und schenkte ihm, sich, seinem Publikum und dem gesamten DDR-Theater einige der schönsten, anrührendsten Momente einer so realistischen wie menschlichen Theater-Kunst. Das war 1980 zur Wiedereröffnung des zuvor durch einen Brand zerstörten Schauspielhauses (dass der Brand die Uraufführung von Volker Brauns "Tinka" absichtsvoll verhindern sollte, hat Meyer allerdings nie bestätigt): In Gerhard Meyers Inszenierung von Wampilows "Entenjagd" spielte Höchst auf subtilste, zugleich erschütterndste Weise einen "Trinker", in Siegfried Höchsts Inszenierung von Albert Wendts "Dachdecker" spielte Meyer einen philosophischen Schornsteinfeger. Die Therapie funktionierte, solange der "Vater" die schützende Hand über den gefährdeten Künstler hielt. 1986 überlässt Meyer dem von den Kulturbehörden misstrauisch beäugten Außenseiter Frank Castorf die Regie für Heiner Müllers "Der Bau", im vollen Bewusstsein des Risikos und in vollstem Vertrauen in das Talent und die menschliche wie politische Integrität (so wie er sie verstand) des jungen "Wirrkopfs". Auch da wusste er, was er tat, und wieder hatte er den richtigen "Riecher" für ein wirkliches Talent.Zur Liebe zu seinen "Kindern" gehörten nicht nur Vertrauen und eine schützende Hand, dazu gehörte auch eine Förderung, die "brutalstmögliche" Forderung einschloss, und ebenso die Fähigkeit loszulassen, wenn die Kinder flügge wurden, reif für größere Aufgaben.Durch die Schule Gerhard Meyers, den wir den großen Ermöglicher nennen sollten, gingen Legionen von Schauspielern, die später in der Hauptstadt, an Theatern, auch bei Film und Fernsehen, zu Ruhm (und entsprechenden Gagen) kamen. Ich nenne eine kleine Auswahl und bitte alle Nichtgenannten um Nachsicht: Jutta Wachowiak und Christian Grashof, Michael Gwisdek und Jörg Gudzuhn, Peter Sodann und Gerd Preusche (der auch nicht mehr lebt), Gabriele Heinz und Cornelia Schmaus, zuletzt Ulrich Mühe und Corinna Harfouch und und und .Hätte es in der DDR Umfragen gegeben, den Beliebtheitsgrad führender Theaterleute zu messen, so wie es heute die Medien mit Politikern tun, Gerhard Meyer hätte die Liste mit Abstand angeführt. Wenn heute im Chemnitzer Opernhaus Stadt und Theater mit einer würdigen Trauerfeier Abschied nehmen von ihrem am 21. Juni verstorbenen ehemaligen Generalintendanten, werden unter den Trauergästen auch viele sein, denen er einmal und in einer für sie wichtigen Etappe "Vater" war, und sie werden seiner in Achtung und Dankbarkeit gedenken. So kann eine Trauerfeier auch zum "Klassentreffen" werden, und Gerhard Meyer hätte seine Freude dran gehabt.Martin Linzer ist seit 1953 Theaterkritiker beim Fachblatt "Theater der Zeit".Foto: ARCHIV BERLINER ZEITUNG Im Zweifelsfall folgte Gerhard Meyer seinem künstlerischen Gewissen.