Ein Vater sollte nicht mehr mit seiner 10jährigen Tochter baden", sagt die 13jährige Christine. Mit elf anderen Achtklässlern sitzt sie im Park vor der Tempelhofer Hugo-Gaudig-Oberschule: Evangelischer Religionsunterricht in der sechsten Stunde, Thema ist sexueller Mißbrauch. Die Lehrerin Gisela Westpfahl will den Blick ihrer Schüler für verfängliche Situationen schärfen. Die Kinder sind bunt zusammengewürfelt aus den Klassen 8a und 8c. "In diesem Alter geht noch die Hälfte der Schüler zum Religionsunterricht", sagt Westphal. "Das dünnt sich in den oberen Klassen immer mehr aus."Das bestätigt auch der Schuldirektor Günther Rolles. Weniger als ein Drittel seiner 419 Realschüler nehmen am freiwilligen katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teil. Zwei Stunden pro Woche beschäftigen sich die Schüler weniger mit der Bibel als mit weltlichen Themen: Sexualität, Krieg, Freundschaft, Filme oder auch mal andere Religionen stehen auf dem Lehrplan. "Die Situation des Religionsunterrichtes in Berlin ist seit vielen Jahren unerträglich", sagt Rolles. "Die Zahl der teilnehmenden Schüler nimmt ständig ab." Als problematisch bezeichnet der Direktor auch die Situation der übrigen Schüler. "Die sind die meiste Zeit ohne Aufsicht." Die Alternative zum Religionsunterricht ist Freistunde oder Förderunterricht. Rolles plädiert deshalb dafür, Religion als Wahlpflichtfach einzuführen. Die nichtinteressierten Schüler könnten dann Ethik oder Lebenskunde besuchen. Auch der katholische Religionslehrer Bernd J. Overhage befürwortet die Einführung des Religionsunterrichts als Wahlpflichtfach, "dann würden mehr Schüler am Unterricht teilnehmen". Nur sieben Achtklässler hören ihm zu, als er über die Fluchtgeschichte eines jüdischen Mädchens in der NS-Zeit vorliest. Kichernd rutschen sie nach einer Weile ungeduldig auf den Stühlen. Sie sind vor allem auf Wunsch ihrer Eltern hier. Nur eine Schülerin sagt: "Das ist doch mein Glaube." Im protestantischen Parallelunterricht ist vor allem zu hören: "Mir macht Reli Spaß."