BERLIN. Wie aufregend. Kaum ist sie aus San Francisco angekommen, kaum hat sie den Jetlag leidlich überwunden, da bekommt ihr Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis. Helen Berggruen freut sich, sie ist nicht so skeptisch wie viele andere Amerikaner. Zum Feiern habe sie trotzdem keine Zeit, sagt sie. Am Sonntag wird ihre Ausstellung in Berlin eröffnet, in der Stadt, mit der sie und ihre Familie so eng verbunden sind. Und noch hängen die Bilder nicht perfekt.Sie ist mit der Bahn nach Wannsee gefahren, um in der Galerie Mutter Fourage, mitten auf einem malerischen Kunsthof an der Chausseestraße gelegen, die von der Spedition gebrachten Bilder auszupacken. Ohne Komplikationen ist die Fahrt mit der vielgescholtene S-Bahn in den Süden Berlins verlaufen, fröhlich wie ein Kind sagt die 64-jährige Kalifornierin: "Ich habe die Berliner Herbstbäume vorbeifliegen sehen. Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit, alles kulminiert, bis zu dem Punkt, wo die Natur scheinbar stirbt."Heinz Berggruens amerikanische Tochter ist klein und zierlich, das gerade geschnittene braune Haar flattert weich um ihren Kopf. Denkfalten auf der Stirn und Lachfalten um Augen und Mund verraten eine etwas grüblerische, zugleich aber unkomplizierte Natur. Sie hat das offene freundliche Gesicht und auch die lebhaften Gesten ihres Vaters.Heinz Berggruen ist in Berlin eine Legende. Im Jahr 1996 brachte der jüdische Sammler, Kunsthändler und enge Freund Picassos seine kostbare Sammlung "Picasso und seine Zeit" in die alte Heimat zurück. Das war eine Sensation für Berlin, das durch die Nazis seine jüdischen Eliten, damit auch die Kunstmäzene verloren hatte. Berggruen gründete zusammen mit den Staatlichen Museen das Museum seines Namens. Der Westliche Stülerbau in Charlottenburg hat seitdem Millionen Besucher aus aller Welt angezogen.Nicht nur für Berlin, auch für die Familie Berggruens war dessen folgenreiche Entscheidung spektakulär. Aus Berlin hatte er in der Nazizeit mit seinen Eltern fliehen müssen. Die späte Rückkehr des verlorenen Sohnes war als Aussöhnung mit Deutschland zu verstehen. Noch vor seinem Tod 2007 im Alter von 93 Jahren hat der Sammler der Stadt seine Kollektion überschrieben."Natürlich hat er alles mit uns besprochen", erinnert sich Helen Berggruen an die frühen Neunziger. "Unser Vater traf keine einsamen Entscheidungen, bei ihm musste immer alles demokratisch durchdebattiert werden, sozusagen am Runden Tisch." Sie war damals unendlich stolz auf seine großzügige Geste, mit der er, der Verjagte, vergeben konnte. "Er war, als hätte er seine Jugend zurückbekommen, so vital, wie er sich im Berliner Kulturleben bewegte." Nicht schlecht habe sie damals gestaunt über ihren alten Herrn, als er auf einmal wieder mit dem Schreiben begann, als er Artikel und Bücher verfasste, sogar seine Biografie. "Wir trafen uns dann oft in Berlin", berichtet Helen Berggruen. "Und jedes Mal erzählte er von der Fan-Post, wie er es nannte: Briefe von Berlinern, die er täglich erhielt. Das Schönste: mit ihm durchs Museum und durch die Straßen zu gehen. Die Leute sprachen ihn einfach an."Die Tochter redet, als wäre er noch da. Das Museum Berggruen nahe dem Schloss Charlottenburg wird derzeit erweitert, die Familie gibt noch mehr Bilder aus dem privaten Nachlass dazu. Berggruens Erbe lebt. Die beiden jüngeren Brüder aus Berggruens zweiter Ehe, Nicolas und Olivier, sind in Berlin aktiv, nicht nur beim Museumsausbau der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nicolas Berggruen hat das legendäre Café Moskau in der Karl-Marx-Allee gekauft und soeben denkmalschutzgerecht sanieren lassen. Bald wird Berlin damit einen weiteren Ausstellungsort haben, einen Platz für Gegenwartskunst.Was immer die vier Berggruen-Kinder tun, die Kunst hat sie im Griff. Die beiden jüngeren Söhne sammeln, der älteste Sohn John ist in San Francisco Galerist. Allein Berggruens Tochter schafft selber Kunst und gibt in ihren Bildern leidenschaftlich wieder, was sie antreibt und was ihr zugleich zu schaffen macht. Vor allem eines: das atemlose Tempo unserer Zeit, die alles möglich macht, einen aber zu nichts mehr kommen lässt.Helen Berggruen atmet auf: Die Bilderkisten sind unbeschädigt in Berlin-Wannsee angekommen. Die Malerin hat wegen des weiten Transportwegs aus Kalifornien und aus dem Südwesten Frankreichs, wo sie auf dem Land ein zweites Atelier hat, nur solche Formate gewählt, die unter den Arm passen, und die großen zu Hause gelassen. Auf den Leinwänden strudeln die Farben; alles ist Tempo, die blauen und dunkelgrauen Wolkenbänke, die Feuerrädersonnen und kreisrunden Strohballen auf den Feldern, der Wind, der die Zypressen und die schweren farbsatten Blüten der Vorgartengewächse biegt. Helen Berggruen will beim Betrachter eine "Aufnahme mit allen Sinnen" erreichen, "einen zeitlosen, aber charakteristischen Moment".Ihre Lehrer sind, das ist nicht zu übersehen, van Gogh und Matisse, diese Maler liebte auch ihr Vater über alles. Sie malt expressiv, mit intensiven, oft erdigen Farben, und zugleich atmosphärisch. Das Bild einer südfranzösischen Landschaft gibt eine Szene wieder, die es, so glaubt Helen Berggruen, schon vor hundert Jahren so gegeben hat: ein Dorf, sein Kirchturm, ein Zypressenwäldchen, Wiese und Feld. Statt des Lastwagens gab es da vielleicht ein Ochsengespann, später einen Traktor. Allein der Truck verweist auf heute.In ihren Landschaften gibt es kaum Figuren. Trotzdem sind die Menschen aus diesen kleinen hölzernen Vorstadthäusern von Iowa City oder aus den südfranzösischen Dörfern irgendwie anwesend. Sie sind eben nur mal kurz weg und gleich zurück. Die Felder sind gut bestellt, die Häuser in Ordnung, die Blumen gut gegossen, alles gedeiht.Ihr Vater, erinnert sich die Malerin, sah die Bilder zum ersten Mal, als er in den späten Siebzigern nach San Francisco kam, zur Hochzeit ihres Bruders John. Sie durfte in dem Restaurant, in dem sie als Kellnerin ihre Brötchen verdiente, ausstellen. Zur Eröffnung spielte sie dann auch noch Cello. Das muss eine große Überraschung für Heinz Berggruen, damals ein erfolgreicher Pariser Kunsthändler, gewesen sein, denn er hatte nach der Scheidung von Helens und Johns Mutter und dem Weggang nach Paris die zwei Kinder nur selten gesehen. "Er war gerührt und sagte, das Malen sei wohl meine Bestimmung", erzählt die Tochter. "Natürlich hat er auch gesehen, dass ich keine Trend-Kunst mache, die den Kunstmarkt aufmischt. Damals taten das die Pop-Art-Leute, die Minimalisten und Konzeptualisten." Sie sagt, es gehe ihr beim Malen um das Schöne, das Liebens-und Bewahrenswerte.Das Künstlerleben birgt große finanzielle Risiken. Heinz Berggruen wusste das nur allzugut. Und doch riet er der Tochter zum professionellen Malen. "Er war wohl auch froh, dass ich mit der Schauspielerei, dem unsteten Dasein als fahrende Komödiantin aufhörte", sagt sie und berichtet vom entsetzten Gesicht ihres Vaters, als sie Jahre zuvor, es war 1971, bei ihm in Frankreich auftauchte. Sie gehörte damals zur Truppe von Robert Wilson beim Festival in Nancy. "Mit Wilson zu arbeiten, in dieser surrealen, aufbrechenden Theaterwelt zu sein, war für mich wie zum Mond fliegen", schwärmt sie noch immer.Der Vater aber sei skeptisch gewesen. "Wilsons Stil war seine Sache nicht, er liebte die Malerei der Klassischen Moderne, Wilsons Inszenierungen befremdeten ihn eher." Indes hatte Heinz Berggruens zweite Frau Bettina, gebürtige Berlinerin und selber Schauspielerin, ein Gespür dafür, was die Arbeit mit Wilson für die junge Helen bedeutete. "Bettina nannte mich damals neckend ,Helen im Glück', in Abwandlung von ,Hans im Glück'. Wie recht sie hatte."Malerin zu sein, das wollte sie ohne väterliche Finanzhilfe alleine schaffen. Unabhängigkeit war und ist für Helen Berggruen ein hohes Gut. Nach und nach fanden sich Sammler, bald auch bis heute treue Galerien. Noch etliche Jahre verdiente sie ihr Geld mit Kellnern. Das machte ihr nichts aus, sie hatte zuvor auch schon - neben der Theaterarbeit - auf dem Bau gearbeitet, gemauert, Steine geschleppt und Eisen gebogen. Kaum vorstellbar bei dieser zierlichen Statur. "Das war die Zeit, in der Frauen sich auch in Männerberufen emanzipieren wollten", erklärt Helen Berggruen ihre Zähigkeit. Mitte der Siebziger ist sie dann auch noch allein mit dem Rucksack durch Indien getrampt.Was haben damals die Eltern dazu gesagt? "Ich habe es einfach verschwiegen." Der Vater war weit weg in Frankreich, die kränkliche Mutter blieb unwissend. Nur ihr Bruder John wusste von den kühnen Unternehmungen. Er war es dann auch, der später, als sie sich ganz für die Malerei entschieden hatte, ihre Bilder in seiner neuen Galerie in San Francisco ausstellte. Allmählich konnte sie vom Malen leben. Eine Freundin überließ ihr dann ein altes Haus in Napa Valley, im kalifornischen Weinanbaugebiet. Es wurde zum Atelier und zum Lebensmittelpunkt.Von dort aus aber begann die intensive Suche nach den europäischen Wurzeln. "Das wurde immer stärker, weil mich die Amerikanisierung der Welt so befremdete." Anders als ihre Familie mütterlicherseits, die schon Ende des 19. Jahrhunderts aus Breslau in die Staaten eingewanderte, ist sie, genau wie ihr Vater, nicht religiös. Und doch empfindet sie die jüdische Herkunft stark. Es werde, sagt sie, so viel über Emigration gesprochen, aber selten darüber, was es für die nächste und übernächste Generation der Migranten bedeute."Ich habe gut verstanden, wieso Vater zurückgegangen ist nach Europa und auch wieder nach Berlin. Die Identifizierung mit der Kultur ist übergroß. Trotz Vertreibung, trotz Holocaust." Nachkriegskinder aber suchen wohl freier nach dem Wurzelgrund. Der Schmerz der Erinnerungen, den die Verjagten tragen, drückt sie nicht. Helen Berggruen sieht sich als Kosmopolitin und ist darin ihren in Paris geborenen Brüdern Nicolas und Olivier, für sie noch immer "die Little Boys", ähnlich. "Wir leben da und dort, und am Ende zieht es alle nach Berlin." Jetzt sind auch ihre Bilder hier. Und das ist das Normalste der Welt.------------------------------"Wir leben da und dort, und am Ende zieht es alle nach Berlin." Helen BerggruenFoto: Auspacken in der Galerie Mutter Fourage: Helen Berggruen hat für ihre Ausstellung eher kleine Bilder ausgewählt, die lassen sich besser transportieren.