BERLIN, im Juli. Es soll Menschen geben, die sich beim Kauf von Toilettenpapier so sehr schämen, dass sie die verpackten Rollen im Geschäft unter anderen Einkäufen verbergen und anschließend versuchen, sie möglichst ungesehen nach Hause zu schmuggeln. Andere umhüllen das aufgewickelte Papier mit einem gehäkelten Überzug und stellen es stolz auf die Hutablage ihres Wagens, neben den Wackeldackel. Die Fahrer hätten nichts herzuzeigen, wenn es Hans Klenk nicht gegeben hätte. Oder den Amerikaner Arthur Scott. Oder den Briten W.C. Alcock. Sie alle gelten als die Erfinder der Klopapierrolle.Ein Gutenberg der HygieneDer schwäbische Unternehmer Hans Klenk wickelte im Jahr 1928 - vor 75 Jahren - zum ersten Mal lange Papierstreifen auf eine Rolle. Damit führte der ehemalige Banker in Europa ein, was die Firma Scott um 1890 in Amerika bereits vorgemacht hatte. Die amerikanische Papierfabrik hatte sich damals noch gescheut, den eigenen Namen auf das als anrüchig empfundene Produkt zu drucken. Auch der Brite W.C. Alcock, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Alternative zu den bis dahin üblichen Zeitungsschnipseln erfand, nannte diese schamvoll Papierlockenwickler. Klenk hatte keine derartigen Bedenken und gründete 1928 sein Werk im schwäbischen Ludwigsburg. Als Firmennamen wählte er seine erweiterten Initialen: Hakle. Dazu fiel ihm ein psychologisch wertvoller Werbespruch ein: "Verlangen Sie eine Rolle Hakle, dann brauchen Sie nicht Toilettenpapier zu sagen."Die Geschichte des schambehafteten Säuberungsutensils allerdings beginnt keineswegs erst mit dem Schwaben Hans Klenk. Vielmehr bildet seine Erfindung den vorläufigen Höhepunkt einer jahrhundertelangen Entwicklung. Man könnte Klenk gar den Gutenberg der Rektalreinigung nennen. Während die Griechen der Antike ihren Po einst mit Steinen und Tonscherben säuberten, standen auf den öffentlichen Latrinen des alten Roms schon an Stöcke gebundene Schwämme bereit, die in Salzwasserkrügen aufbewahrt wurden. Am Ende des 14. Jahrhunderts schließlich begannen chinesische Kaiser Papierbögen für die Toilettenhygiene zu bestellen. Im europäischen Mittelalter wurden zu dieser Zeit noch Heu, Stroh, Gras und alte Lumpen verwendet. Die ersten Siedler griffen in Amerika zum Maiskolben. Später tauschten sie diesen gegen alte Zeitungen und Zeitschriften aus. Die Bauernzeitung Old Farmer s Almanac war sogar mit Löchern versehen, um sie auf dem Abort aufhängen zu können. Wie praktisch. Dennoch war der Umweg über das Lesen ein wenig umständlich. Um Papier direkt in die Toiletten zu bringen, musste die Herstellung zunächst billiger werden. William Lysle entdeckte 1889 ein Kreppverfahren zum "Runzeln, Aufrauhen und Griffigmachen von Papier durch Verdichten". Der getrocknete Brei, der dabei vom Sieb geschabt wurde, war weniger fein anzufühlen als das im folgenden Jahr hergestellte Tissue. Nach der Bearbeitung von Holzschliff, Stroh und Jutefasern entstand eine dünnere und weichere Papierart, die sich wie auch Krepp aus Zellstoff zusammensetzt. Im selben Jahr spulte die Firma Scott dieses Tissue maschinell auf handliche Klopapierrollen. Damit war in Amerika endgültig ein erschwinglicher Ersatz für die Zeitung gefunden.Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg fehlten im alten Europa zunächst Mittel und Motivation für solche hygienischen Neuerungen. 1928 dann allerdings eröffnete Klenk sein Toilettenpapierwerk, trotz anhaltender Weltwirtschaftskrise. Auf den produzierten Rollen befanden sich exakt 1 000 Blatt, allesamt perforiert. Deutsche Toilettenbenutzer mussten nun nicht länger mit geschnittenen Zeitungsstreifen oder gefalteten Blättern umständlich hantieren. Es wurde einfach an der ordentlich aufgehängten Rolle gezogen, nicht einmal kräftiges Reißen war vonnöten.Dabei ist es weitestgehend geblieben. Trotz einiger Neuerungen. Seit 1954 wird Hans Klenks Papier in Mainz aufgerollt. Dort wurde Ende der fünfziger Jahre das raue Krepppapier nach und nach gegen komfortableres Tissue ausgetauscht. Anfang der siebziger Jahre nahm dann erstmals die Dicke der Hygienestreifen aus Zellstoff zu. Das vergleichsweise trockene Papier ließ sich im Gegensatz zu Krepp in Schichten übereinander legen. Von nun an gab es unter dem rechtschriftlich wenig korrekten Namen "Super Vlaush" drei Lagen zu kaufen. 1984 wurde erneut aufgestockt: "Lady-vierlagig" kam auf den Markt. Schließlich wurde das trockene Papier größtenteils ersetzt. Im Jahr 1977 kam in Deutschland "Hakle feucht" auf den Markt. Das zu produzieren war nicht einfach. Denn feuchtes Papier vermodert schnell.Die längste Werbefläche der Welt Überhaupt ist die Herstellung von Toilettenpapier recht kompliziert. Reiß- und stoßfest müssen die Blätter sein, die von der Rolle kommen, und trotzdem flauschig-weiches Wischvergnügen garantieren. Außerdem sollten sie sich in der Kanalisation möglichst bald auflösen. Andernfalls verstopfen sie die Abflussrohre. Die in den Nachkriegsjahren in den Badezimmern der DDR verwendeten Zeitungsstreifen wurden einer Anekdote zufolge nur durch Klopapier ersetzt, weil sich in den Rohren der Plattenbauten der Abfluss staute. Auf die schmirgelige Kratzigkeit des daraufhin eingeführten realsozialistischen Klassikers "Dessau standard" wollten 1993 bei der Schließung des Dessauer Papierwerks zahlreiche Fans nicht verzichten. Dennoch mussten sie sich anschließend ans Weiche aus dem Westen gewöhnen. Die letzte große Veränderung im Klopapiergeschäft plante vor vier Jahren der Dekorateur Georges Hemmerstoffer. Er wollte mit Reklame versehenes Klopapier als längste Werbefläche der Welt kostenlos in die Badezimmer bringen. Als Werbende gewann er hauptsächlich Rohrreinigungsfirmen und Putzmittelhersteller. Andere Unternehmen fürchteten einen Imageschaden. Dabei lehrt doch die Erfolgsgeschichte von Toilettenpapiererfinder Hans Klenk, dass mit vermeintlich Anrüchigem sowohl Geld und als auch ein guter Ruf zu verdienen sind.Tausend Blatt sind das Maß // Hans Klenk, ein schwäbischer Unternehmer, beschert den Deutschen 1928 die Rolle Papier für die Toilette.In den USA und Großbritannien ist das abreißbare Hygienepapier zu diesem Zeitpunkt schon längst bekannt. Um 1880 stellt der Brite W. C. Alcock so genannte Papierlockenwickler vor. Im Jahr 1890 fertigt der Amerikaner Arthur Scott Klopapierrollen. Schon für ihn gilt die Regel: Tausend Blatt sind das Maß.In Deutschland werden im Jahr 2003 mit dem Verkauf von Klopapier rund 652,9 Millionen Euro Umsatz erzielt.Im internationalen Vergleich ergeben sich auf der Toilette einige Unterschiede. Laut einer Studie der Firma Procter & Gamble faltet der Deutsche sein Klopapier meist ordentlich. Die Nordamerikaner dagegen sind eifrige Papier-Knüller.Toilettenpapier erweist sich auch sonst als besonders nützlich. Im ersten Golfkrieg tarnten die Amerikaner damit ihre Panzer im Wüstensand.In Italien notieren Zugreisende auf dem Papier ihre Hilferufe, wenn sie sich von Kriminellen belästigt fühlen. An Bahnhöfen wird die Notiz aus dem Fenster geworfen. Das soll einst funktioniert haben, zumindest in Zeiten, in denen es noch kein Notrufsystem gab.Auch die Mode profitiert von dem endlos langen Papier. Der französische Designer Daniel Tribouillard präsentiert 1999 in Paris ein Hochzeitskleid aus Toilettenpapier.Das Ende des Hygienepapiers scheint unterdessen zu nahen. Im Jahr 1999 stellen japanische Erfinder eine papierlose Toilette vor, welche den Po schonend wäscht und lufttrocknet.HAKLE (2) Evolution des Reißens: Seit 1928 kommt Klopapier von der Rolle.