ISTANBUL. Immerhin, Ramize Erer raucht. Das wenigstens ist eine Gemeinsamkeit mit ihrem Hauptcharakter Berna. Ramize Erer ist nämlich Comicautorin und zeichnet großbusige, Männer fressende Frauen. Sie selbst dagegen trägt einen Ponyschnitt und eine brave Brille. Sie kommt zur Verabredung im schwarzen, rüschenverzierten Kleid und streckt zur Begrüßung vorsichtig ihre Hand aus. Das soll die Erfinderin von Berna sein?In der Türkei sind Ramize Erers wilde Damen schon eine feste Größe in der Comicszene. Diesen Sommer ist nun Ramize Erers erster Band in deutscher Sprache erschienen: "Chica dü lüks" heißt er. Er erzählt vor allem von der in jeder Hinsicht freizügigen Berna. Deren Lieblingspose: sich auf einem Sofa räkelnd, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Beine gespreizt. Lasziv hält sie den Lesern ihre nur durch ein Höschen bedeckte Scham hin. Berna ist extrem: sie ist eine Männer verschlingende Sexbombe, die auf der Jagd nach einem Bettgenossen kein Erbarmen kennt.Ob Ramize Erer früher je so extrem war wie Berna? Sie zuckt kurz, man hat das Gefühl, dass sie auf die Frage gar nicht antworten möchte. "Berna sieht vielleicht nicht aus wie ich. Aber sie schafft es, dass ich mich glücklicher und freier fühle", sagt die 45-Jährige mit zarter Stimme. "Während ich sie zeichne, gehe ich an meine Grenzen, aber auch an die Grenzen der Leser."Das hat sie als Zeichnerin in der Türkei schon öfter in Schwierigkeiten gebracht. Als sie ein junges Mädchen beim Masturbieren zeichnete, war die Empörung groß. "Ich wurde in Briefen als Nutte beschimpft, viele der Leser fühlten sich durch meine Zeichnung verletzt", sagt Ramize Erer. Als besonders schlimm empfand sie die Bemerkungen ihrer männlichen Kollegen, die ihre Zeichnungen unmoralisch fanden. "Das, was du zeichnest, können wir ja nicht unseren Kindern zeigen", bekam sie zu hören. "Dabei ist das doch etwas völlig Natürliches, was zum normalen Leben einer Frau gehört", sagt Ramize Erer. "Für mich kam dieses Mädchen sehr sympathisch rüber, aber die negativen Reaktionen haben mir gezeigt, dass viele Menschen noch nicht bereit sind, eine Frau so offen zu sehen."Sexualität ist nicht ohne Grund das Hauptthema von Ramize Erer. "Es gibt viele Tabus in der Türkei", sagt sie. "Aber das größte ist die Sexualität, und ganz besonders die weibliche. Und dieses Tabu will ich brechen." Deshalb geht es in ihren Zeichnungen um One Night Stands, das Jungfernhäutchen oder Bisexualität. In der Türkei empfinden das sehr viele als Provokation. Das liegt, so glaubt Ramize Erer, auch am Wesen des Comics an sich. "Im Fernsehen sieht man Szenen, in denen Menschen miteinander schlafen, und das können viele akzeptieren", sagt sie. "Aber ein Comic ist ein Kasten mit einem Augenblick, der wie gefroren ist. Das hat eine ganz andere Wirkung auf die Menschen." Entscheidend, so glaubt sie, sei auch, dass sie eine Frau sei. "Die Zeichnungen selbst können viele Menschen nicht akzeptieren, aber noch weniger, dass es eine Frau ist, die sie geschaffen hat."Als Ramize Erer jung war, gefielen ihr Comics überhaupt nicht. "Habe ich nie gelesen, kein Interesse", sagt sie. Sie wuchs in Kirklari, einer 80 000 Einwohner-Stadt im Norden der Türkei auf. Nach der Schule ging sie zum Kunststudium an die bekannte Mimar-Sinan-Universität nach Istanbul. Zwar hatte sie schon auf dem Gymnasium angefangen, für die Satirezeitschrift "Girgir" zu zeichnen, aber eigentlich wollte sie Malerin werden. "Im zweiten Ausbildungsjahr kam dann aber einer der Professoren zu mir und meinte, ich sei eine großartige Comiczeichnerin, eigentlich könne ich mit dem Studium aufhören." Ramize Erer studierte zu Ende und begab sich in die Comic-Szene.Sie tat sich mit zwei anderen Zeichnerinnen zusammen, mit denen sie eine Comicstrecke mit dem Titel "Wir sind die ohne Schnurrbart" entwarf. Dann kam die Skandal-Zeichnung mit dem Mädchen, das sich selbst befriedigte. Diese Zeit war nicht leicht für Ramize Erer. "Die Zeitung Cumhürriyet hat mich nach einem halben Jahr sogar gefeuert - sie fanden meine Zeichnungen zu obszön."Aber sie machte weiter, auch weil ihre Comics gerade bei türkischen Frauen sehr gut ankamen. "Ich bekomme so viel Zuspruch von Leserinnen, die sich darin wiederfinden", sagt sie. "Viele sagen mir auch, dass sie ein Gefühl der Freiheit beim Lesen empfinden und das freut mich wirklich." Zum Beispiel schrieb ihr eine Frau, dass sie sich nach einer Scheidung furchtbar traurig gefühlt hatte und in psychiatrischer Behandlung war. "Dann sah sie eines Tages einen meiner Cartoons und war davon so beeinflusst, dass es ihr viel besser ging. Sie schrieb mir, sie habe erkannt, dass alles, was ihr passiert war, normal ist."Ramize Erer hat als junge Frau viel feministische Literatur gelesen. "Ich habe mich dadurch stärker gefühlt und verstanden, dass viele andere Frauen schon ähnliche Erfahrungen durchlebt haben." Inspiration holt sie sich an einem recht klischeehaften Ort: dem Friseur. "Friseursalons sind in der Türkei nach Geschlechtern getrennt und man kann sich zum Beispiel auch epilieren lassen", erzählt sie. "Wenn manche dann halbnackt da sitzen, entsteht eine ganz besondere, intime Stimmung".Seit einem halben Jahr lebt Ramize Erer mit ihren beiden Kindern in Paris. Ob sie dort als Frau ein anderes Lebensgefühl habe? "So richtig kann ich das natürlich noch nicht beurteilen, da ich noch nicht so lange dort bin. Aber was ich bisher gesehen habe, ist der Himmel auf Erden. Überall sind Frauen, überall", sagt sie. Ihr Mann, der ebenfalls ein bekannter türkischer Karikaturist ist, lebt noch in Istanbul. Mit ihm tauscht sie sich aus, wenn es darum geht, ob eine Zeichnung funktioniert und wirklich witzig ist. "Wir leben in einer sehr humorvollen Beziehung", sagt Ramize Erer. Gerade arbeitet sie am liebsten in kleinen Cafés in Montmartre, wenn sie ihre Tochter in den Kindergarten und den Sohn in die Schule gebracht hat. "Aber neulich musste es schnell gehen, da hab' ich eine Zeichnung im Bus fertig gemacht", sagt sie und lacht. Jeden Tag erscheinen zwei Comic-Strips von ihr in der Tageszeitung "Radical". Schon seit zwölf Jahren erzählt sie dort von "Kötü kiz", also dem bösen Mädchen und "Gefährlichen Beziehungen" - so heißen die beiden Serien."Wir alle tragen Tabus in uns"Wie die teils recht derben Comics wohl bei den deutschen Frauen ankommen? So wie in der Türkei wird das Thema Sexualität hier nicht schockieren. Ramize Erer überlegt. "Ich weiß es nicht", sagt sie. "Aber haben Frauen nicht überall auf der Welt die gleichen Wünsche und Probleme?" Ihr Zielpublikum werden auf jeden Fall weiterhin die Frauen in der Türkei bleiben. Ramize Erer wünscht sich, dass die türkischen Frauen nicht nur äußerlich freier werden. "In den Straßen sieht man all diese modernen Frauen. Man denkt jedenfalls, sie seien modern. Dabei ist das nur oberflächlich", sagt die Comic-Zeichnerin. "Tatsächlich trägt jede von uns in sich noch eine Menge Tabus mit sich herum. Und das muss aufhören."Aber glaubt sie wirklich, dass sie mit Zeichnungen so viel erreichen kann? "Ich behaupte nicht, dass sich durch meine Comics das Geschlechterverhältnis in der Türkei verändert", sagt Ramize Erer. "Aber ich hoffe, dass die Frauen zumindest verstehen, dass sie nicht alleine sind."------------------------------Foto: Die Comic-Zeichnerin Ramize Erer