So bunt, und dabei so klar wie Kirchenfenster", schwärmte August Macke 1914 über die Formenwelt, die er in Tunis erlebte. Auch heute noch führt ein Gang durch die Medina der tunesischen Metropole in eine schillernde Welt wie aus 1001 Nacht. Während in den Außenringen der 1,9-Millionen-Stadt die modernen Betonburgen wie Pilze aus dem Boden wachsen und im inneren Stadtgürtel eine reizvolle Mischung aus französischer Belle Époque und arabischer Lebensart herrscht, schlägt in der Medina das orientalische Herz von Tunis. Rasch verliert man sich in dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen, überwölbten Basaren und endlosen Seitentunneln, hinter jeder Ecke wartet ein neuer exotischer Eindruck, der an Mackes Faszination erinnert.Die Medina von Tunis ist die größte der ummauerten Altstädte der arabischen Welt, ein mittelalterliches Downtown, das alle Sinne betört. Hier brüllen sich die Teppichhändler gegenseitig nieder, dort hämmern in langer Reihe die Messing- und Silberschmiede um die Wette, zwei Gassen weiter ist die Luft vom schweren Duft der Parfüme und Essenzen erfüllt. Schon folgt die Straße der Textilhändler, einen Steinwurf weiter werden Stand an Stand die traditionellen Filzkappen feilgeboten. Überall lautes Diskutieren und Gefeilsche, dazwischen scheinbar unbeeindruckt in den Café-Höhlen die Männer beim Tee oder an der Wasserpfeife.Alt und Jung, Tradition und Fortschritt wuseln in diesem menschlichen Ameisenhaufen durcheinander. Aus der Nationalbibliothek strömen sportlich gekleidete Studenten, Regierungsbeamte im dunklen Anzug eilen zum nahe gelegenen Palast des Ministerpräsidenten, Frauen im orthodoxen Schleiergewand, laufen einträchtig neben jungen Mädchen im Minirock.Die Tunisreise der Expressionisten ist ein Mythos der Moderne. Wie Gauguins Flucht nach Tahiti steht sie für die Suche der Avantgarde nach dem verlorenen Paradies. Neben Goethes Italienreise wurde die zweiwöchige Fahrt, die im April 1914 August Macke mit seinen Schweizer Malerfreunden Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien führte, zur berühmtesten Reise der deutschen Kulturgeschichte. Klee und Moilliet waren zu Gast bei dem Schweizer Arzt Dr. Ernst Jäggi, der mit seiner Familie in einer Stadtwohnung in Tunis lebte. Das Haus in der Rue de Sparte ist ebenso erhalten wie das Hotel de France am Rand der Medina, wo Macke logierte. Das Jugendstil-Hotel, mitten im algerischen Viertel gelegen, wurde soeben renoviert und gehört heute Exilanten aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Nachbarland.Das Osterwochenende verbrachten die Maler im Landhaus der Jäggis im Villenvorort St. Germain. Unser Chauffeur kannte das Haus, denn er hatte schon einem japanischen Fernsehteam bei der Suche geholfen. Heute gehört es zu Ezzahra, einer bürgerlichen Sommerfrische, zwanzig Kilometer vor der Stadt, direkt am Golf von Tunis gelegen. Die Eigentümer der Jäggi-Villa sind nicht zu Hause, aber eine freundliche Zugehfrau lässt uns das Grundstück betreten. Bis in die Details (Fortsetzung auf Seite R2).(Fortsetzung von Seite R1) finden sich hier die Ansichten von Mackes Aquarellen wieder: das biedere Gebäude mit Satteldach und Veranda, ja sogar die hölzerne Herzbordüre über der Terrasse hat sich erhalten. Nur der Blick auf die Berge, die er vom Balkon aus in schlierige Blau- und Rosatöne tauchte, ist mittlerweile verbaut. Macke war überwältigt von den gleißenden Farben, von denen er so lange geträumt hatte: "Ich bin in einer Arbeitsfreude wie ich sie noch nie gekannt habe. " Auch Klee fand hier "zum ersten Male Afrika".Ostermontag fuhr Dr. Jäggi seine Gäste im Automobil nach Sidi Bou Said, einem malerischen Ort hoch über dem Meer, den Klee schon vom Schiff aus bewundert hatte: "Ein Bergrücken, worauf streng rhythmisch weiße Hausformen wachsen. Die Leibhaftigkeit des Märchens. " In Sidi Bou Said haben sich zahlreiche Künstler und Kunsthandwerker angesiedelt, obgleich die berühmten europäischen Maler hier keine Spuren hinterließen.An Sommerabenden und am Wochenende fallen die Hauptstädter in das Städtchen. Sehen und gesehen werden; wären wir in Deutschland, fehlte nur noch die Konzertmuschel. Die Tunesier ziehen einen Mokka oder Tee im Café des Nattes vor, das Macke mit seiner Treppe, dem gestreiften Hufeisenbogen und dem Minarett dahinter auf einem berühmten Aquarell verewigte. Idyllischer als das Getöse auf dem Dorfplatz ist jedoch das Café Sidi Chabaane. In Terrassenstufen dem Berg abgetrotzt, bietet es bequeme Sitznischen und einen herrlichen Blick über die Bucht.Sidi Bou Said ist ganz von den tunesischen Farben Weiß und Blau beherrscht. Prachtvoll verzierte Portale, Holzerker und Fenstergitter, überhaupt alle beweglichen Bauteile sind in kräftigem Azur gestrichen und bilden einen kalligrafischen, fast modern wirkenden Kontrast zu den gleißend hellen Hauskuben. Die Farbglut Mackes, Klees und Moilliets täuscht ein wenig, denn die tunesischen Altstädte sind viel monochromer als man sie sich vorstellt. Die Expressionisten tauchten die weißen Häuser in das Gelb der Sonne, ließen rote und grüne Farbflecke in die gesamte Komposition ausstrahlen, oft verselbstständigte sich das Kolorit.Nach dem Ausflug in das Bergdorf machte die Ausflugsgesellschaft von 1914 einen Abstecher ins nahe gelegene Karthago, wo die Phönizier die Metropole ihrer Seemacht errichteten und Hannibal zu seinen Feldzügen gegen die Römer auszog. Klee war ein wenig enttäuscht: "Von der Stadt außer einigen ausgekratzten Stellen am Boden nulla. " Heute braucht man einen ganzen Tag, um alle Ausgrabungsstätten zu besichtigen und im Nationmuseum neben dem römischen Kapitol die Modelle von Hannibals und Augustus Städten zu studieren. Der kunsthistorische Streifzug lässt sich durch einen Besuch im unerschöpflichen Bardo-Museum in Tunis ergänzen, das neben vielem die weltweit größte römische Mosaik-Sammlung besitzt.Auf ihrer Suche nach neuen Motiven, Farbklängen und Formrhythmen machten sich Macke, Klee und Moilliet in Richtung Süden auf. Sie besuchten Hammamet, heute ein umschwärmter Badeort, und reisten weiter nach Kairouan. Rund 150 Kilometer südlich von Tunis gelegen, erreicht man die heilige Stadt nach einer Fahrt durch endlose Oliven-Plantagen - dem wichtigsten Wirtschaftszweig vor dem Tourismus. Kairouan gehört zu den vier ehrwürdigsten Stätten des Islams, sieben Wallfahrten hierher ersetzen den Hadsch nach Mekka. Die europäischen Einflüsse des Nordens scheinen hier kaum noch durch. Man spürt, dass man der Wüste näher kommt.Auch die drei Maler waren nun endgültig in der orientalischen Traumwelt angekommen, die sie suchten. Klee schrieb wie im Taumel: "Tausendundeine Nacht als Extrakt. Welch ein Aroma, wie berauschend, wie durchdringend, wie klärend zugleich. " Mit ähnlichen Eindrücken wandert der Besucher von heute durch die Medina, schnüffelt sich durch Berge fremder Gewürze und Dampfwolken der Garküchen, kann bald schon die unzähligen Teppichmuster und Keramikbemalungen nicht mehr unterscheiden und bewundert den Säulenwald der Großen Moschee, die zu den bedeutendsten Denkmälern der islamischen Architektur gehört. "Die Farbe hat mich. Sie hat mich für immer. Ich bin Maler", jubelte Klee in sein Tagebuch. In den Gassen von Kairouan fand er die künstlerische Erweckung, die er sich von der Reise ersehnt hatte: "Heute musste ich allein sein, es war zu stark, was ich erlebte. " Für Klee war die Mission der Reise in Kairouan erfüllt. Er brach die Expedition vorzeitig ab und kehrte allein in die Schweiz zurück. Das Tunesien-Erlebnis wurde zum Ausgangspunkt seiner ornamental-flächigen Farbkompositionen, mit denen er Kunstgeschichte machte. Für Macke hingegen bedeuteten die durchleuchteten Aquarelle, die er aus Nordafrika mitbrachte, den Höhepunkt seines Schaffens. Bereits sechs Monate später fiel er auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs.SERVICE // Anreise: Von Berlin-Schönefeld fliegt Tunisair freitags nach Tunis; ab 296 Euro plus Steuern. Mit Lufthansa kostet der Flug ab Berlin-Tegel ab 270 Euro plus Steuern.Spurensuche: Buchbare Touren sind erst in Planung. Hilfreich aber ist der tunesische Künstler Hedi El Abed, Galerie d Art El Abed, Port El Kantaoui, Susse Nord, Tel. : - 216 73 34 80 08.Ausflüge: In fast allen besseren Hotels kann man Tages- und Mehrtagesausflüge buchen, etwa nach Kairouan, Tunis, El Djem oder nach Tozeur in der Wüste.Literatur: Die Tunisreise. Hrsg. von Ernst-Gerhard Güse. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 1982. 25 Euro.Magdalena Moeller: August Macke. Die Tunisreise. Prestel Verlag, München 1989. 19,95 Euro.Angela Wenzel: Reise in ein fernes Land. August Macke. Prestel 1998. 14,95 Euro (für Kinder).Museen: Musée de Bardo in Tunis, das bedeutendste Museum Nordafrikas mit Schätzen aus allen Kunstepochen des Landes. Archäologisches Nationalmuseum in Karthago mit Modellrekonstruktionen und Fundstücken aus den Aus- grabungen.Auskünfte: Fremdenverkehrsamt Tunesien, Tel. : 069/2 97 06 40.BLZ/ANJA KÜHL Tunesien.Sehen und gesehen werden; die Tunesier ziehen einen Mokka im Café des Nattes vor.HATJE CANTZ VERLAG In Sidi Bou Said malte August Macke im April 1914 das heutige Café des Nattes.HATJE CANTZ VERLAG Hier fand Paul Klee zur Erweckung seiner Farbmalerei: Ansicht von Kairouan.JOCHEN TACK Mackes Motiv: das Café des Nattes in Sidi Bou Said.