Zwei Tage noch, dann wird die kleine heile Welt ein Jahr alt. Kleine heile Welt: So nennt Diego Wegner seine Arbeitsstelle, die U-Bahn-Linie 55 in Mitte. Er fährt den einzigen U-Bahn-Zug, der dort verkehrt. "Hier bin ich gern unterwegs", sagt Wegner. "Es gibt keine Halbstarken, keine Pöbler, keine Türaufdrücker." Stattdessen viele Touristen und ein paar einheimische Stammfahrgäste, von denen einige inzwischen freundlich grüßen. Verglichen mit anderen U-Bahn-Linien ist die Strecke, die unter dem Hauptbahnhof beginnt und vorerst im U-Bahnhof Brandenburger Tor endet, eine Idylle. "Eigentlich zu schön, um wahr zu sein", meint Wegner. Er genießt es. Obwohl der Dienst eine schweißtreibende Besonderheit aufweist.Kleine heile Welt: Damit hat die U 55, die im vergangenen Jahr am 8. August feierlich eröffnet wurde, einen weiteren Spitznamen weg. Bisher wurde sie meist "Kanzler-U-Bahn" genannt, weil der Tunnel durch das Regierungsviertel führt. Trotzdem passte dieser Name nicht, denn Angela Merkel fährt nicht mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Der CDU-Politiker Alexander Kaczmarek schmähte die U 55 einst als "Stummel-U-Bahn" - das trifft die Sache schon eher. Der Tunnel misst gerade mal 1 900 Meter. Die Distanz, die der Zug mit Fahrgästen zurücklegt, beträgt nur 1 470 Meter. Damit ist die U 55 eine der kürzesten U-Bahn-Linien weltweit."Zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt", sagt Diego Wegner. Er ist schon wieder am Ende angekommen. Der Fahrer bremst von Tempo 50 auf Tempo 15 ab, auf einem leichten Gefälle schleicht der Zug in den U-Bahnhof Brandenburger Tor. "Das ist mein Lieblingsbahnhof. Hier hängt keine Werbung an den Wänden. Dafür gibt es Bilder aus der deutschen Geschichte." Viele Touristen nutzen die kühle Station 15 Meter unter dem Pariser Platz als historisches Museum. "Die schauen sich die Bilder an, machen Fotos und gehen dann wieder nach oben, ohne mit der U-Bahn zu fahren."Wegner mag Touristen. "Sie freuen sich, wenn man ihnen hilft und sind für jede Auskunft dankbar." Die Berlin-Besucher scheuen sich nicht, die U-Bahn-Fahrer anzusprechen. "Wo geht es zum KaDeWe? Wo zum Kudamm?" lauten die Fragen. Für solche Fälle hat er immer ein paar Liniennetzpläne bei sich, im Führerstand liegt Nachschub parat.Zuweilen kommt aber selbst der 45-Jährige, der seit 1989 Zugfahrer ist, ins Grübeln. "An einem Wochenende haben mich Jugendliche gefragt, wo sie ausgehen können. Da weiß ich nicht so gut Bescheid, ich habe ihnen den Alexanderplatz empfohlen." Ob der Tipp gut war? Die Jugendlichen haben sich jedenfalls nicht beschwert. Einige Touristen fragen Wegner über die U-Bahn-Linie aus. Für solche Fälle hat der BVG-Mann Zettel mit seiner Internetadresse vorbereitet. Auf www.dwrweb.de hat er in seiner Freizeit Bilder, Informationen und ein "Blog-Buch" zusammengestellt. Ein U-Bahn-Fahrer mit eigener Website: Da staunen einige.Doch das Personal auf der U 55 hat nicht viel Zeit, um Fragen zu beantworten. "Nach zweieinhalb Minuten geht es mit demselben Zug wieder zurück", so Wegner. In dieser Zeit muss er von einem Führerstand zum anderen gelaufen sein. Bei Verspätungen ist schon mal ein Sprint über den Bahnsteig nötig."Da kommen während eines Dienstes ganz schöne Entfernungen zusammen" - je nach Schicht und Zuglänge bis zu 5,5 Kilometer. "Mein Arzt hat mich schon gelobt, dass ich abgenommen habe." Normalerweise bewegt sich ein U-Bahn-Fahrer viel weniger: Auf der U 7, der längsten Linie Berlins, muss er fast eine Stunde lang sitzen.Wenn Wegner mal wieder "Springerdienst" hat und anderswo eingesetzt wird, vermisst er die Bewegung. Er hat auch wieder mit altbekannten Problemen zu tun: "Besonders ärgerlich ist, wenn Schüler anderen Türen aufhalten, die gerade schließen. Dann gibt es oft Türschäden." Der Friedrichshainer freut sich, wenn er das raue Ambiente der übrigen Linien verlassen kann und zur U 55 zurückkehrt. Er mag die Sauberkeit der Stationen. Er findet es gut, dass es extra für diese Strecke eine Wachschutzstreife gibt, die nie weit weg ist. Nicht zu vergessen die Frauen, die morgens mit der U 55 zur Arbeit fahren und ihn grüßen."Auf dieser Linie gibt es viele nette Leute", sagt Diego Wegner. Und macht sich auf zur nächsten Tour durch die kleine heile Welt.------------------------------Foto: Der Sprint von einem Führerstand zum anderen ist geschafft. Gleich fährt Diego Wegner den Zug vom U-Bahnhof Brandenburger Tor zum Hauptbahnhof zurück. In der Frühe ist der Bahnsteig noch leer. Laut BVG sind täglich im Durchschnitt knapp 6 200 Fahrgäste auf der Linie unterwegs, 6 400 waren vorausgesagt. Seit der Eröffnung vor einem Jahr bis Ende Juni haben rund zwei Millionen Menschen die U 55 genutzt.