Konstantin hat seinen Rucksack neben sich gestellt und den Schal betont lässig um den Hals geschlungen. Er steht vor der Mensa am Neuen Palais in Potsdam inmitten einer Gruppe Studenten. Und doch fällt er sofort auf. Wie er den Kopf zur Seite legt, sich wegdreht, mit den Händen spielt, an den Nägeln knabbert. Und erst recht, als eine junge Studentin mit hochgekrempelten Jeans und bauchfreiem Top auf die Gruppe zukommt. Sie hat ein Buch in der Hand, will es einer Kommilitonin reichen. Konstantin geht dazwischen, greift sie am Arm, zeigt aufgeregt zur Dachrinne hinauf. Mit unverständlichem Gestammel versucht er etwas zu sagen. Ein Wort taucht immer wieder auf: Ball. Die junge Frau zieht sich irritiert zurück. "Lass mal, Konstantin will dich nur begrüßen", beruhigt ihre Freundin. "Der studiert mit uns, kann aber nicht sprechen. Irgendwann ist ihm mal der Ball da hoch geflogen. Nun erzählt er die Geschichte immer wieder."----Im Sommer 1985 werden in der Familie Keulen Zwillinge geboren. Konstantin und Kornelius sind Wunschkinder. Ihr neunjähriger Bruder Tobias guckt neugierig auf die beiden Bündel, mit denen die Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Ins eigene Haus in Senzig bei Königs Wusterhausen, das von Vater Peter Keulen, einem Bauingenieur, für die Familie entworfen wurde. Hier wartet auf die Jungen ein liebevoll eingerichtetes Zimmer; wenn sie größer sind, werden sie vom Fenster aus weit auf den Krüpelsee hinausschauen können.Die zwei Jungs mit den dunklen Lockenköpfen entwickeln sich prächtig. Mit einem Jahr plappern sie Mama, Papa, Bias, Ball, Auto. Wie andere Kinder auch. Dann aber geht es nicht so recht weiter. Erst einmal ist niemand beunruhigt. Die Beiden wirken doch hellwach. Sie bemerken einen Vogel, ehe ihn die Großen gesehen haben, hören ein Flugzeug, lange bevor es über ihnen am Himmel auftaucht. Mit zwei Jahren kommen sie in die Krippe und besuchen danach - wie in der DDR üblich - den Kindergarten. Aber da ist längst klar: Konstantin und Kornelius sind anders als Gleichaltrige. Sie stellen keine Fragen, sie antworten nicht, sie reagieren nicht auf die einfachsten Forderungen. Silvia Keulen ist Kinderärztin. Sie wendet sich mit ihren Söhnen an Spezialisten, stellt sie Neurologen und Psychologen vor. Dass die Jungs schwer hirngeschädigt und geistig behindert sein sollen, weisen die Eltern weit von sich. Konstantin und Kornelius können zwar keine Schleife binden, die Jacke nicht zuknöpfen, ja nicht einmal den Reißverschluss am Anorak hoch ziehen. Zugleich aber schieben sie mühelos eine Kassette in den Rekorder, drücken den Start-Knopf und spielen sich ihre Lieblingsmusik vor: Mit drei Jahren hören sie Telemann, Mozart und Bach, sind entzückt von den Brandenburgischen Konzerten. Still sitzen sie dann nebeneinander, lächeln sich zu, stoßen sich an, wenn bestimmte Stellen kommen. Spulen zurück und lassen sie noch einmal laufen."Haben Sie mal an Autismus gedacht?", fragt eines Tages eine Psychologin. Autisten? Das sind doch Menschen, die sich jedem Kontakt versperren, die nur in sich gekehrt und scheu für sich allein leben können! Auf die Zwillinge trifft das nicht zu. Konstantin und Kornelius sind fröhliche Jungen, die gern mit ihrem Bruder Tobias herumtollen, mit dem Ball spielen, mit dem Tretauto durch die Gegend kutschen und den Garten rund ums Haus erkunden. Wie andere Zwillinge auch hängen sie eng aneinander - ein Blick reicht, um sich zu verständigen und sich gegen den Rest der Familie zu verbünden. Andere Freunde allerdings gibt es nicht. Konstantin und Kornelius reagieren nicht auf Gleichaltrige und irgendwann kommt niemand mehr zum Spielen vorbei."Uns war klar, dass eine normale Schule sie nicht nehmen würde", erklärt Silvia Keulen. Sie folgt dem Rat einer Bekannten und meldet ihre Söhne auf einer Schule für Hör- und Sprachgeschädigte in Potsdam an. Dort beginnen die Probleme sofort. Konstantin und Kornelius bleiben keine fünf Minuten auf ihrem Stuhl sitzen, rennen während des Unterrichts aus dem Klassenraum. Der letzte Versuch: Die beiden werden getrennt. Konstantin kommt zu der erfahrenen Sonderschulpädagogin Anke Heinrich und damit in eine Gruppe mehrfach behinderter Kinder. Es ist das erste Mal seit der Wende, dass es an dieser Schule eine solche Klasse gibt. Fünf Kinder, die neben Anke Heinrich noch von einer zweiten Lehrerin betreut werden. Der Unterricht findet in einem gemütlich eingerichteten Raum mit Stühlen, Spielzeug und einem bequemen Sofa in der Ecke statt. Kann es bessere Bedingungen geben? Der Lehrplan allerdings ist auf geistig behinderte Kinder zugeschnitten. Im Mittelpunkt stehen nicht Rechnen, Lesen, Schreiben, sondern Malen, Singen und Backen. Anke Heinrich spürt es sofort: Der kleine Kerl mit den dunklen lockigen Haaren, den großen braunen Augen und dem strahlenden Lachen ist alles andere als geistig behindert. Aber wie soll sie jemanden unterrichten, der weder spricht noch schreibt oder malt und auf nichts reagiert?Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt schreibt der 18-jährige Birger Sellin gerade an seinem ersten Aufsehen erregenden Buch. Schwer autistisch, seit seinem zweiten Lebensjahr verstummt, hat er seine Schulzeit in Einrichtungen für geistig Behinderte verbracht. Bis er im August 1990 die ersten Buchstaben in einen Computer tippen konnte, ahnte kein Mensch, was in ihm steckt und in ihm vorgeht."Das eigentliche Drama autistischer Menschen ist, dass sie ihre Intelligenz nicht zeigen können", sagt Birgers Mutter, die Psychologin Annemarie Sellin. "Das heißt, dass das Handeln nicht willentlich gesteuert werden kann." Internationale Untersuchungen sprechen davon, dass auf 10 000 Kinder vier bis fünf von dieser tiefgreifenden Beziehungs- und Kommunikationsstörung betroffen sind, Jungen drei- bis viermal häufiger als Mädchen. In psychiatrischen Anstalten und Heimen, so vermuten Wissenschaftler und Ärzte, gibt es bis heute viele, die als schwachsinnig gelten, obwohl sie eigentlich Autisten sind. Über die Ursachen dieser Krankheit ist wenig bekannt. Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen spielen eine große Rolle, ein Teil ist genetisch bedingt. Etwa die Hälfte aller Autisten lernt trotz aller Förderung nie zu sprechen.Die Methode der Gestützten Kommunikation ist es, die vielen von ihnen die Möglichkeit gibt, sich mitzuteilen. Sie wurde Ende der 70er Jahre von der Australierin Rosemary Crossley entwickelt. Ein Helfer berührt den Zeigefinger, die Hand oder den Arm und hilft so, die Motorik der Betroffenen zu stabilisieren. Die können dadurch auf Buchstaben, Fotos, Bilder oder Symbole zeigen oder sogar mit einem Stift bzw. auf einer Tastatur schreiben. Wichtig ist, dass der Stützer die Hand oder den Arm nicht führt - alle Impulse müssen vom Gestützten kommen.Silvia Keulens Entscheidung fällt nach einem Telefongespräch. Gerade hat sie lange mit einer Mutter diskutiert. Ihr gefällt die Methode des Gestützten Schreibens gar nicht. "Das Kind wird doch dadurch immer abhängiger von mir!" Die Frau am anderen Ende beschwört sie, es wenigstens zu probieren: "Wenn die Kinder es anders könnten, würden sie es ja wohl tun!" Trotzig legt Silvia Keulen den Hörer auf, holt ein Blatt Papier, einen Stift und zitiert ihre Söhne an den Küchentisch. Sie setzt sich neben den einen und legt ihre Hand über die des Kindes. Was dann geschieht, grenzt für die Eltern noch heute an ein Wunder. Die kleine Hand beginnt sich von selbst zu bewegen und der Stift schreibt aufs Papier. Wie viel ist zwei plus zwei? fragt die Mutter. Vier - antwortet Kornelius. Was ist die Hauptstadt von Italien? Rom - antwortet Konstantin. Wer ist Berliner Bürgermeister? Eberhard Diepgen, schreibt Kornelius fehlerfrei. Silvia Keulen: "Die Ergebnisse sind nur so aus den Jungen herausgepurzelt. Das war einfach Wahnsinn!" Die Siebenjährigen können schreiben und rechnen - bis hin zur Multiplikation."Erdenklich deutlich erinnere ich mich an das erste Schreiben", notiert Kornelius später. "Ich wusste ja, dass ich es kann. Ich freute mich mit Mutti, die unglaublich aufgeregt war. Erfinderisch fragte sie uns ab und wir erfreuten uns sehr an ihrer Freude."Würde sich die Schule auf so etwas einlassen? Die Lehrerin Anke Heinrich, die sich mehr und mehr für die Förderung der Zwillinge engagiert, ist sofort bereit, es auch zu probieren: "Einmal habe ich Konstantin nach der Nordsee gefragt, den Gezeiten. Da guckt er mich groß an und schreibt auf: "Ebbe und Flut." Von nun an gibt sie ihm Einzelunterricht, der hat in wenigen Monaten den Stoff der ersten, zweiten und dritten Klasse abgearbeitet. "Jeder Lehrer wird sagen, dass das ohne Unterricht gar nicht geht. Konstantin aber musste ich nichts beibringen, nur abfragen. Er wusste doch längst alles!"Je mehr er von seinem Wissen zeigen kann, umso ruhiger wird der Junge. Und er kann seine Gedanken zu Papier bringen, die einen Eindruck von dem geben, was in ihm vor sich geht. Die Stütze sei nötig, um ihre Gedankenflut zu ordnen, erklärt Konstantin: "Warum ich so wenig tun kann, weiß ich genau. Ich denke zu schnell und das Denken blockiert die Handlung. Ich sollte die Handlung Usus unterteilen in Schritte, die das Denken aufhalten, damit ich sachlich richtig handeln kann."Trotzdem - viele andere Lehrer bleiben skeptisch, glauben an Scharlatanerie. Mit Kornelius schreibt in der Schule lange Zeit niemand. Es dauert zwei Jahre, bis auch er zu Anke Heinrich kommt.Mit Anke Heinrichs Hilfe absolvieren sie die vierte und fünfte Klasse in einem Jahr und schaffen den Sprung auf eine ganz normale Grundschule. Zwar nicht in ihrem Heimatort Senzig, dort sind die Vorbehalte zu groß. Aber der Schulleiter im benachbarten Zeesen ist engagiert und experimentierfreudig genug, die beiden außergewöhnlichen Schüler in eine ganz normale Klasse zu integrieren. Damit sie im Unterricht mitarbeiten und ihre Arbeiten schreiben können, steht für jeden eine Stützlehrerin bereit. Die Jungs fahren mit dem Fahrrad zur Schule, spielen Fußball und tauschen erste Briefe mit Mädchen aus. Ihre Texte und Gedichte aber verblüffen durch eine eigenartig altertümliche Sprache. Und eine Gedankenwelt, die weit über dem Niveau der Gleichaltrigen liegt. Als Klassenbeste verlassen Konstantin und Kornelius die Grundschule und wechseln problemlos zum Gymnasium."Ich gehe immer gern in die Schule", schreibt der elfjährige Kornelius, "weil dort Kinder sind, mit denen ich lernen kann. Ostentativ finde ich, dass lernen eine Scheißarbeit, ja eine jochhafte immer wiederkehrende Beschäftigung ist. Tatsache ist, dass ich so nicht lernen will. Ich will so lernen, dass ich immer neue Sachen erfahre, so dass ich denken muss. Aber teilweise irren sich die Lehrer und interpretieren Sachverhalte unvollständig. Suchtartig sehe ich dauernd unvollständiges Wissen."Sie sind vierzehn, fünfzehn, als zunehmend Zweifel auftauchen. Die werden durch seltsame Vorkommnisse genährt. Da verrechnet sich beispielsweise eine Stützerin, die in Gedanken die Aufgabe mitlöst. Prompt steht da das falsche Ergebnis. Oder Kornelius beantwortet eine Frage, die der Stützer zwar denkt, die der Lehrer aber noch gar nicht gestellt hat. Solche Erfahrungen machen nahezu alle, die den beiden helfen wollen. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass auf dem Papier immer genau das erschien, was ich selbst im Kopf hatte", erzählt Rebecca Böttger. "Einmal hab ich mir bewusst etwas total Schwachsinniges ausgedacht. Auch das hat Konstantin genauso aufgeschrieben." Rebecca fragt, ob er Gedanken lesen könne. Der Junge nimmt den Stift und schreibt: "Ja".Ein Stützer müsse innerlich völlig leer sein, dürfe an nichts denken, sagt Silvia Keulen. "Sie dürfen durch nichts abgelenkt werden." Mit den Stützlehrern am Gymnasium in Königs Wusterhausen aber auch mit der engen Vertrauten Anke Heinrich klappt das nicht mehr. Die Halbwüchsigen verweigern sich. Lange Zeit gab es die Hoffnung, dass sich die beiden irgendwann von ihren Betreuern lösen und allein schreiben würden. Nun passiert das Gegenteil: Beide wollen überhaupt nur noch mit ihrer Mutter schreiben. Die ist zwar bereit, in die Schule zu kommen und diesen Part zu übernehmen. Für die Lehrer aber ist das mehr als suspekt. Gibt es nicht auch Studien, die die Gestützte Kommunikation als Betrug abtun? Es kommt zu Spannungen: Können Schüler, die zu einer eigenen praktischen Mitarbeit im Unterricht nicht fähig sind, überhaupt ein Abitur ablegen? Wie sollen Schüler wie Konstantin und Kornelius in dieses Regelwerk eingetaktet werden? Irgendwann ist klar: Mit dem Ende der 10. Klasse würde der Weg der beiden an diesem Gymnasium beendet sein.In diese Zeit fällt die Trennung von Silvia und Peter Keulen. Die Mutter zieht mit Konstantin und Kornelius in eine Wohnung nach Potsdam. Nun sucht sie eine neue Schule für ihre Söhne. Sie legt Ulrich Ernst einen Stapel Texte auf den Tisch. Der Beamte im Brandenburger Bildungsministerium ist von Haus aus Deutschlehrer. Interessiert greift er nach dem ersten Blatt - und liest sich fest. "Wenn ich das im normalen Unterricht bewerten müsste, würde die Note Sehr gut das nicht angemessen erfassen. Mir war klar, hier geht es nicht um Behinderung, sondern um die Förderung von Hochbegabung." Ulrich Ernst erkundigt sich quer durch alle Bundesländer: Gibt es irgendwo etwas Vergleichbares? Dass Schüler, die nicht sprechen und nicht allein schreiben, ein reguläres Abitur ablegen?Wo immer er anfragt, sind die Antworten negativ. So etwas hat es noch nirgends gegeben, es ist noch nie versucht worden. Ulrich Ernst schreckt das nicht ab: "Ich wusste, beide erhalten ein Zeugnis, worauf steht, dass sie die Berechtigung zum Besuch der Gymnasialen Oberstufe haben. Und wenn jemand die hat, bin ich gehalten, das zu realisieren."Seine Wahl fällt auf die Potsdamer Voltaire-Gesamtschule. Eine mit gymnasialer Oberstufe, die zu den besten Schulen Deutschlands gehört und für ihre Experimentierfreude bekannt ist. Schulleiterin Ortrud Meyhöfer begreift schon beim ersten Zusammentreffen, dass sie bei aller Belesenheit im Grunde nichts über Autismus weiß: "Ich sah sie an und hatte das Gefühl, vor mir steht eine Wand." Die verschwindet auch nicht, als Silvia Keulen einen Vortrag über die Entwicklung der Jungen vor dem Lehrerkollegium hält.Organisatorisch ist das Ganze schnell geregelt: Da die Jungen nicht allein schreiben können, übernehmen Klassenkameraden die Mitschriften. Und statt in Kunsterziehung selbst zu malen oder zu zeichnen, schreiben Konstantin und Kornelius zu Hause auf, wie sie ein Kunstwerk gestalten würden. Jeden Abend und mindestens einen ganzen Tag in der Woche sitzt die Mutter, seit der Wende Kinderärztin mit eigener Praxis, neben ihren Zwillingen auf der Schulbank. Und jeden Abend am Notebook, wenn Hausaufgaben zu erledigen sind. Die Texte haben die Jungs dann fix und fertig im Kopf. Sie werden runter geschrieben - danach ist keinerlei Korrektur oder Veränderung mehr nötig. Auch ihre Hände muss Silvia Keulen kaum noch berühren. Aber sie muss dabei sitzen, alle Kommunikation läuft über sie. Seien es Briefe an den Vater, der im Haus am See geblieben ist, Antworten an Mitschüler, Klausuren und auch erste Liebesbriefe.Im Deutschunterricht steht eine Leistungskontrolle auf dem Lehrplan. Ohne ihre Mutter können Konstantin und Kornelius nicht teilnehmen. Erika Kiesant überlegt, womit sie die Jungen in dieser Zeit beschäftigen könne: Sie legt Goethes "Leiden des jungen Werther" auf den Tisch. Bittet sie, das Buch zu lesen. Es doch wenigstens aufzuschlagen. Sie schreibt ihren Wunsch auf einen Zettel und schließlich an die Tafel. "Keine Reaktion. Ich war total verunsichert." In ihrer Hilflosigkeit appelliert sie an die 16-Jährigen:" Eure Mutti würde sich bestimmt freuen, wenn ihr jetzt lest!" Es hilft alles nichts. Ein kurzer Blick aus den Augenwinkeln, dann wird das Buch beiseite geschoben.Niemand, nicht die Eltern, nicht der Bruder oder die Mitschüler haben Konstantin und Kornelius jemals lesen sehen. "Ich gerate in Erklärungszwang", schreibt Kornelius. "Ich lese alle Bücher in einer Weise, dass das Buch lichthaft in mir erscheint. Keiner sieht das und ein Erklären wird sehr mystisch. Neue Bücher liebe ich besonders. Im Lesen ermindere ich mein Wissen. Ich verbinde das Gelesene mit feinen Abspeicherungen und finde neues feines Denken bei mir."Woher haben beide ihr Wissen? Ihr Wissen, von dem vieles bereits in der ersten Klasse da war? Das immer wieder verblüfft und oft über das hinaus geht, was im Lehrplan steht. Klar, sie sitzen gern vor dem Fernseher und behaupten, die gesamte Bibliothek in der Wohnung der Eltern gelesen zu haben. Dem Vater aber fiel auf, dass sie in frühen Gedichten Worte verwendet hatten, die damals niemand kannte und die die Eltern als Fantasieprodukte abtaten. Bis Peter Keulen Jahre später viele davon in einem Buch mit Erklärungen zur Bibel entdeckte. Ein Buch, das er erst lange nach der Wende kaufte und zu dem sie vorher definitiv keinen Zugang hatten. "Sie müssen ein ererbtes urgeschichtliches Sprachgefühl in sich haben", vermutet er.Mitunter schreiben beide von morphischen Feldern, die sie umgeben. Und dass sie Informationen, aber auch emotionale Bindungen völlig anders wahrnehmen als wir. Konstantin: "Ich nehme die alles umfassende Gedankenwelt wahr. Ich sehe die Energien der Gegenstände. Sehen heißt, ich sehe einen Stuhl nicht als Bild, sondern als Energiesicht. Das sieht aus wie eine flirrende farbige ansaugende Masse. Erstaunlich, dass ich gelernt habe, auch den Stuhl so zu begreifen wie die anderen. Ich lernte es durch eure Ansagen, wenn ich etwas tun sollte. Zuerst war es sehr schwer, aber dann materiellisierte sich meine Sicht. Jetzt sehe ich beide Bilder. Ich selektiere pausenlos. Meine Selektionsfähigkeit ist sehr groß. Wer so viel denken muss, um sich zurechtzufinden, ist sehr angestrengt."Ein Widerspruch, der sich kaum klären lässt und für viele schwer zu ertragen ist. Wie auch ihr Mangel an Distanz und an sozialer Kompetenz, der immer wieder an geistig Behinderte denken lässt. Wer aber ihre Texte, Gedichte oder Aufsätze liest, erlebt eine Gedankenvielfalt, der normal Begabte nur mit Mühe folgen können."Die Rolle als Außenseiter ist durch besondere Lebensumstände und durch eine besondere Sicht auf die Dinge gegeben", schreibt Konstantin. "Das ist bei uns der Fall. Wir sind Außenseiter und diese Stellung erlaubt uns ein asymptotisches annähern an Erkenntnis. Also eine höchstmögliche Annäherung, ohne natürlich die reine Erkenntnis erlangen zu können. Deshalb können und wollen wir diese Position auch nicht aufgeben. Man ist so sehr angreifbar, aber die Vorteile überwiegen für uns absolut."Eine Rolle, die in den vergangenen Jahren immer brüchiger wurde. Schon an der Schule, wo sie sich von Monat zu Monat sicherer bewegen - und das Zusammensein mit ihren Mitschülern genießen. Für ihre Abiturprüfungen gelten die gleichen Regeln, wie für andere Schüler auch. Nur dass sie die schriftlichen Prüfungen nacheinander schreiben und die Mutter neben ihnen sitzt. Auch bei den mündlichen Prüfungen ist sie dabei, die Antworten werden vom Laptop an die Wand geworfen. Mit einem Notendurchschnitt von 1,6 gehören Konstantin und Kornelius zu den Besten ihres Jahrgangs. Es ist das erste Mal in Deutschland, dass Autisten mit solch schwerer Behinderung ein reguläres Abitur ablegen.----Die 60 Leute verlieren sich ein wenig in dem großen Hörsaal - aber für einen normalen Raum sind sie einfach zu viele. Das Seminar Gesellschaftsvertragstheorie ist gefragt an der Potsdamer Universität. Gebannt hören die Studenten zu, als ihr Professor die Referate der Zwillinge vorliest. Manchmal verhaspelt sich Professor Stefan Gosepath ein wenig, die Sprache ist ungewohnt lyrisch für ein Thema, bei dem es um die Begründung des Staates geht. Noch verblüffender aber ist, dass sich einer der Verfasser dieses hochphilosophischen Textes unter dem Tisch verkriecht. Sein Bruder hält ganz fest die Hand eines Mädchens. Erst als die Kommilitonen beifällig nicken, nachfragen und immer mehr Lob kommt, legt sich die Aufregung der Beiden und sie lehnen sich entspannt auf ihren Bänken zurück.Seit einem Jahr studieren Konstantin und Kornelius Keulen an der Potsdamer Universität Philosophie. In jedem Seminar gehörten sie zu den ersten, die sich für ein Referat meldeten. Nachdem die von Dozenten oder Kommilitonen vorgelesen wurden, waren alle Zweifel, ob die beiden jungen Männer überhaupt für ein Studium befähigt seien, beseitigt. "Man merkt, dass sie eifrig dabei sind und sehr selbstständig denken", sagt Professor Gosepath. "Und sie sind ehrgeizig und mutig. Viele Studenten warten erst mal ab und können sich schwer disziplinieren. Konstantin und Kornelius wollten sofort zeigen, was sie können. Alle Termine wurden von ihnen gehalten. Das ist selten."Schon nach dem ersten Semester haben sie durch das Schreiben von Hausarbeiten im Grundstudium Philosophie drei von vier Scheinen erworben und damit mehr geschafft als die meisten anderen. Sie mailen sich mit Dozenten und Kommilitonen, schwänzen auch mal eine Vorlesung und setzen sich lieber vor die Cafeteria in die Sonne. Als gegen Studiengebühren gestreikt wird, sind sie aktiv dabei. Ein fast normales Studentenleben. Was es dazu braucht, ist Bereitwilligkeit und Toleranz von Lehrkräften und Kommilitonen. "Sie müssen so sein, wie sie sind, weil sie sonst verrückt würden, erklärt die 25-jährige Mitstudentin Maria Stolz, inzwischen eine gute Freundin der Beiden. "Wer soviel in sich hat, braucht diese Defizite, um zu überleben." Aber es verlangt auch ein hohes Maß an Anpassung von Konstantin und Kornelius. Ihren unbedingten Willen, es schaffen zu wollen. Etwas zu leisten und dazu zu gehören. Mitte Oktober, als das neue Studienjahr begann, haben sie noch ein zweites Fach dazu genommen: Geschichte."Erdenke ich Sachen neu, werde ich ruhig", schreiben Konstantin und Kornelius. "Der weitere Verlauf des Studiums ist eher ein Spiel mit den Möglichkeiten einer Institution als unser Vermögen oder Unvermögen. Wir sehen es optimistisch und hoffen, beinhart in ein akademisches Leben zu gelangen. Der Weg ist das Ziel. Wir werden Bücher schreiben und in Austausch treten mit den Denkenden unserer Zeit."------------------------------Foto (2): Von Kindheit an unzertrennlich. Konstantin (rechts) und Kornelius Keulen sind hochbegabt und studieren gemeinsam in Potsdam Philosophie.Naturliebhaber. Konsantin und Kornelius gemeinsam mit ihrer Mutter beim Spaziergang im Park.

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