BREMEN. Ein rot geklinkerter Flachbau, das Dach als Welle geformt, auf der Fassade der Name Marum. Hier hat sich der Schriftsteller Frank Schätzing meereskundlichen Nachhilfeunterricht für seinen Bestseller "Der Schwarm" geholt. Das moderne Gebäude liegt mitten im Campus der Bremer Universität. Dort gibt es aber auch die typischen Institutsbauten der 70-er Jahre: zweigeschossige Betonkästen, in deren Fassaden sich Risse gebildet haben. Ähnlich trist sehen heute viele staatliche Hochschulen in Deutschland aus. Die jahrelange Geldnot hat Spuren hinterlassen.Anders im Marum: Wer über die Schwelle tritt, gelangt in einen hohen, lichten Innenhof. Der Blick fällt auf ein mächtiges blaues Fresko mit einer tauchenden Frauengestalt. Mitten in der Halle führt eine Treppe aus Holz und Edelstahl in die beiden oberen Stockwerke.Die im Marum forschen, haben es gut. In das Zentrum fließen seit 2001 jährlich fünf Millionen Euro der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Damit sollen die Ozeanränder erkundet werden, die Küstenregionen, in denen zwei Drittel der Menschen leben. Mehr als hundert Wissenschaftler arbeiten im Zentrum; sie haben das Marum heute zu einem Ort der internationalen Spitzenforschung gemacht.Bestätigt wurde das kürzlich in der Vorrunde des Exzellenzwettbewerbs deutscher Universitäten. Von 157 Bewerbungen um ein so genanntes Exzellenzcluster überzeugten nur 41 die Juroren - darunter der Antrag aus Bremen, der eine inhaltliche Ausweitung des Forschungsprogramms vorsieht. Erfolgreich war auch das Konzept für zwei Graduiertenschulen: eine für Meereswissenschaftler und eine für Sozialwissenschaftler, in der ausgesuchte Doktoranden zur Promotion geführt werden - in einem Programm, das die frühe Selbstständigkeit der Teilnehmer fördert.Ein Cluster und zwei Schulen durch die erste Runde zu bringen, das allein wäre eine stolze Leistung für die kleine Bremer Universität mit ihren 23 000 Studenten und 290 Professoren. Längst nicht alle großen Traditionsuniversitäten zwischen Kiel und Konstanz haben das geschafft. Richtig abgehängt haben die Bremer die altehrwürdige Konkurrenz aber mit ihrem Zukunftskonzept. Die Gutachter des Wissenschaftsrates hatten über Bewerbungen von 27 Hochschulen zu entscheiden; nur zehn Universitäten wurden aufgefordert, ihre Anträge zu präzisieren. Davon liegen sieben im Süden, eine im Osten (Freie Universität Berlin), eine im Westen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen) - und eine im Norden.Nicht Göttingen, nicht Hamburg, nicht Kiel winkt nun der Titel Eliteuniversität, sondern ausgerechnet Bremen. Rote Kaderschmiede - das ist bei vielen immer noch die erste Assoziation, wenn sie an diese Universität denken. Jürgen Timm ärgert das schon lange nicht mehr. Der heute 64-Jährige ist seit der Gründung dabei: Er kennt die wilden Anfangsjahre, er bangte mit, als die Uni vor der Schließung stand, und wenn heute in Bremen von Elite die Rede ist, dann hat das mit Leuten wie Timm zu tun. Er war zwanzig Jahre lang Rektor der Hochschule und ist seit 2002 als bremischer Technologiebeauftragter oft auf dem Campus unterwegs.Timm kommt aus einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie. 1971 ging er als Professor nach Bremen. "Die Gründungsideen waren faszinierend: Interdisziplinarität, Praxisnähe, gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft - das gab es woanders nicht", sagt Timm. Er war dreißig damals und der jüngste Mathematiker mit Lehrstuhl in Deutschland. 30 Professoren hatten anfangs nur 300 Studenten zu betreuen, von denen die meisten Lehrer für sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer werden wollten.Das Bremer Modell zog Professoren und Studenten aus ganz Deutschland an, vor allem aus der politischen Linken. "Aus Marburg kamen die DKPler, aus Frankfurt die Spontis und aus Berlin die Roten Zellen", berichtet der heute 63-jährige Rudolf Hickel, ein Wirtschaftswissenschaftler und Mitbegründer der Bremer Uni. Und Jürgen Timm fügt hinzu: "Ja, wir hatten viele Rote, aber sie waren sich gegenseitig nicht grün." Tag für Tag gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen, Seminare von Andersdenkenden wurden gestört, auch Timm wäre fast einmal aus dem Fenster geworfen worden. "Ich konnte mich aber durch einen Sprung auf einen Tisch retten", sagt er mit blitzenden Augen und für einen Moment ist ihm anzumerken, wie viel Spaß er in der turbulenten Kindheit seiner Uni hatte - trotz allem.Anfang der achtziger Jahre war die Sache vollends verfahren. Die Stadt Bremen wollte mit ihrer Uni nichts mehr zu tun haben und weigerte sich, deren Lehramtsabsolventen zu übernehmen. Die Wissenschaftsbehörde kontrollierte jede Stellenbesetzung an der Uni, um zu verhindern, dass noch mehr Leute bisherigen Kalibers kommen. In der Wissenschaftlergemeinde hatte Bremen einen schlechten Ruf. Mehrmals hatte man versucht, in die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen zu werden, immer war man an Qualitätsfragen gescheitert. "Bremen hat Jugend-forscht-Niveau - das ist wohlmeinend ausgedrückt", soll der damalige DFG-Präsident Heinz Maier-Leibnitz gesagt haben. Es gab zum Beispiel Professoren, die als wissenschaftliche Referenzen ihre Artikel in der kommunistischen "Roten Fahne" einreichten."Wir waren völlig isoliert", sagt Jürgen Timm. Und da die meisten an der Uni des Streitens müde gewesen seien, habe sich niemand ernsthaft aufgelehnt, als er, ein Naturwissenschaftler, Präsident wurde. "Wir hatten das Fegefeuer hinter uns, wir waren bereit für etwas Neues", sagt Rudolf Hickel rückblickend.Was dann begann, ist die lange Geschichte des Aufstiegs der Uni Bremen. Vom tiefsten Punkt 1981 bis zur Anwartschaft auf höchste Weihen 2006 ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Und wenn es jetzt aus der Ferne so aussieht, als steige an der Weser ein Phönix aus der Asche, dann trügt der Schein. Das zweite Bremer Modell brauchte viel Zeit - und beharrliche Zuwendung.Jürgen Timm hat sich damals als Erstes Macht von der Verwaltung zurückgeholt, zum Beispiel das letzte Wort bei Berufungen. Und dann hat er begonnen, über Neueinstellungen die Naturwissenschaften zu stärken. Ein langsamer Weg, wenn man bedenkt, dass es zuweilen fünf Jahre dauern kann, bis eine Professorenstelle neu besetzt ist. Erfolge dieser Politik wurden Mitte der achtziger Jahre sichtbar. Als Erstes kam die Aufnahme in die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1986. Zwei Jahre darauf gelang es, ein sozialwissenschaftliches Projekt als Sonderforschungsbereich adeln zu lassen - das bringt zusätzliches Geld und vor allem Renommee. Und als kurz danach auch noch der Zuschlag für den ersten naturwissenschaftlichen Sonderforschungsbereich kam, hatte Bremen den Durchbruch geschafft."Es ging einfach immer voran", sagt Gerold Wefer. Der 61-jährige Meeresgeologe gilt an der Uni als eine Schlüsselfigur für den Aufstieg der Universität. Er kam 1987 aus Kiel und baute in Bremen den geowissenschaftlichen Fachbereich auf. Wefer ist so gar nicht der Typ des smarten Rhetorikers: Gelegentlich wirkt er schüchtern, dann wieder jungenhaft begeistert. Fragt man ihn nach den Gründen des Bremer Erfolgs, dann kommt schnell die Rede auf alte Tugenden. Er habe immer sicher sein können, dass der Rektor und der Wissenschaftssenator zu ihren Versprechen stehen, sagt Wefer. Oft seien die Zusagen per Handschlag gemacht worden, manchmal abends in der Stadt beim Konzert, bei dem man sich zufällig über den Weg lief: "Hier war viele Jahre eine Hand voll einflussreiche Leute am Werk, die sich gut verstanden haben und die Uni nach oben bringen wollten."Für die Politik zahlt sich die Treue zur Uni aus, wenn auch nur langsam in barer Münze. Seit der Schiffsbau, die traditionelle Wirtschaftsgrundlage des Stadtstaates, schwächelt, setzt Bremen verstärkt auf die Wissenschaft als Arbeitsplatzbeschaffer. Immerhin bietet der Technologiepark auf dem Universitätsgelände heute schon 6 500 Menschen in 320 Firmen Beschäftigung. Auf den kleinen und großen Firmen, den außeruniversitären Instituten, die den Campus zunehmend beleben, ruhen große Hoffnungen. Was jetzt schon richtig gut funktioniert, ist das "Universum Science Center" am Rande des Campus, eine Art Forschungsschau zum Mitmachen. Sie wurde maßgeblich von Uni-Professoren gestaltet und nicht nur die Bremer mögen das Ergebnis: Tag für Tag pilgern hunderte Besucher von nah und fern ins Universum von der Weser.Die Geschichte der Universität Bremen hat etwas Märchenhaftes und man mag an die Bremer Stadtmusikanten denken, die glücklich und zufrieden lebten, nachdem sie die Räuber aus dem Haus gejagt hatten. An der Universität Bremen aber ist kaum jemand von der Gründergeneration weggegangen: Die Räuber sind immer noch da und viele musizieren kräftig mit. Rektor Wilfried Müller ist einer von ihnen. "Uns hat Anfang der Achtziger der Ehrgeiz gepackt", sagt er, "wir wollten der Welt beweisen, dass man links und trotzdem fachlich gut sein kann." Den Bremer "Spirit" habe man bewahren können: die lockere Art, den Pioniergeist, die Bereitschaft, sich für den Nachwuchs einzusetzen, die Praxisorientierung. Etwas aber ist völlig anders als am Anfang: "Wir entscheiden heute viel von oben und die meisten haben eingesehen, dass es nicht anders geht", sagt Müller.Zum Beispiel bei der Exzellenzinitiative. Die Art, wie sich die Uni Bremen präsentierte, war generalstabsmäßig geplant. Bewerben durften sich nur Fachbereiche, die etwas vorzuweisen hatten, zwei Sonderforschungsbereiche zum Beispiel. Die Strategieabteilung sorgte dann dafür, dass die Antragsskizzen inhaltlich überzeugend, perfekt formuliert und mit einheitlicher Optik das Haus verließen.Elite-Uni Bremen. Das klingt gut in den Ohren derer, die Spitzenforschung betreiben. Die anderen fürchten sich. Der Bremer Senat will sparen und hat starke Kürzungen bei den Wissenschaftsausgaben angekündigt. Jetzt geht die Angst vor Schließungen um, vor Synergien und Zusammenlegungen - besonders unter Bewohnern der weniger schönen Gebäude auf dem Campus. "Die Universität wird kleiner werden", kündigt Rektor Müller an. "Kürzen müssen wir wohl in allen Bereichen, aber nicht in den exzellenten - wenn es nach mir geht." Man darf gespannt sein auf das nächste Bremer Modell.------------------------------"Uns hat Anfang der 80er der Ehrgeiz gepackt. Wir wollten beweisen, dass man links und trotzdem gut sein kann."Wilfried Müller, Rektor der Uni Bremen------------------------------Foto: Die Studenten in Bremen haben den Kampfgeist bewahrt. Im Studentenhaus protestieren sie gegen Universitätsgebühren.