DIE VEREINIGTEN STAATEN UND BERLIN - Nach dem Krieg gibt es in Berlin erst seit 1974 wieder eine US-Botschaft - im Ostteil der Stadt und gründlich von der Stasi überwacht. Ein Elvis-Fan aus Mahlsdorf erkundet Amerika. Serie: Teil 3: Geruchskonserven von Paul und Paula

Nach außen hin wirkten sie harmlos. Die Männer und Frauen, die in den Büros rund um die US-Botschaft in Ost-Berlin zur Arbeit gingen, gehörten offiziell zur Arbeitsgruppe eines Kombinats-Generaldirektors oder zur Kontrollabteilung des Außenhandelsministers. Oder zur Außenstelle des SED-Betriebs Zentrag. Tatsächlich waren sie Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Von Beobachtungsstützpunkten in der Clara-Zetkin-Straße (heute Dorotheenstraße) und der Mittelstraße nahmen sie die US-Vertretung in der Neustädtischen Kirchstraße 4-5 ins Visier. Ihr Ziel: die Botschaftsmitarbeiter und Besucher auszuforschen. Das MfS hörte aber auch die Telefone ab und kontrollierte die Post. Laut den Akten der Stasi-Unterlagenbehörde war die US-Botschaft zu DDR-Zeiten einer fast totalen Überwachung ausgesetzt.Dabei wollte die Stasi vor allem Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA ausfindig machen, aber zugleich feststellen, wer die Bibliothek der Botschaft und die Filmvorführungen besucht - um Regierungsgegner unter den DDR-Bürgern zu ermitteln. Überwachungskameras und Fotoapparate waren auf jeden Eingang der Botschaft gerichtet.Die Stasi war nicht nur vor dem Gebäude in Stellung gegangen. Sie hatte ihre Leute auch in das Haus eingeschleust. Aus den Akten der für Spionageabwehr zuständigen Hauptabteilung II des MfS geht hervor, dass im Januar 1987 insgesamt 21 inoffizielle Mitarbeiter (IM) in der Botschaft eingesetzt waren - DDR-Bürger, die als Kraftfahrer, Sekretärinnen, Dolmetscher, Handwerker und Reinigungskräfte eingestellt worden waren. Vermittelt vom DDR-Dienstleistungsamt für ausländischen Vertretungen (DAV). Das DAV stellte damals auf Anforderung der Botschaften Personal zur Verfügung. In der US-Botschaft waren nach der Eröffnung 1974 erst 16 und ab 1982 schließlich 27 DAV-Beschäftigte angestellt. Ihren Lohn erhielten sie vom DAV. Das DAV wiederum bekam Geld von der US-Botschaft."Wir wussten, dass wir abgehört werden", sagt ein britischer Mitarbeiter der US-Botschaft, der damals in Ost-Berlin tätig war. "Wenn man telefonieren wollte, hat man beim Abheben des Hörers immer ein Doppelklick gehört." Die US-Diplomaten hatten sich auf die Stasi im eigenen Haus eingestellt. Die DDR-Bürger durften nur den Keller, das Erdgeschoss und das erste Geschoss des Botschaftsgebäudes betreten. Die übrigen Stockwerke waren tabu. Putzkräfte durften in die oberen Etagen, wurden aber von US-Marineinfanteristen bewacht.Lange bevor die US-Botschaft in Ost-Berlin eröffnet wurde, legte die Hauptabteilung II am 12. Oktober 1974 einen "Maßnahmeplan" zum Umgang mit den Amerikanern vor. 13 inoffizielle Mitarbeiter und IM-Kandidaten aus Kreisen des DAV standen zunächst zum Einsatz in der Botschaft bereit. Unterstützung sollten sie durch einen Offizier im besonderen Einsatz (OibE) von der Stasi erhalten. Er war als Hausmeister für die Neustädtische Kirchstraße vorgesehen. Dort residierten die Amerikaner ab Februar 1977. Davor hatten sie vom Dezember 1974 bis zum Januar 1977 im Haus Schadowstraße 6-9 gearbeitet. Das Haus war für die Amerikaner jedoch zu klein.Argwöhnisch verfolgte die Stasi jeden Kontakt der US-Botschaft in der DDR. Zu "feindlich-negativen Kunst- und Kulturschaffenden", wie regierungskritische Künstler im offiziellen Jargon hießen, genauso wie zu Wissenschaftlern und Journalisten. Auch Filmvorführungen und das Buchangebot in der Botschaftsbibliothek stellten aus Sicht der Stasi eine Gefahr dar. Filme und Literatur hätten "zum Teil antisozialistischen Charakter" und verherrlichten "die amerikanische Lebensweise", heißt es in einem Bericht der Hauptabteilung II. Sie würden eingesetzt, um "gezielt auf die jugendlichen Besucher ideologisch einzuwirken". Gezeigt wurden Filme wie "Alice im Wunderland" und "Superman". In Ost-Berlin sprach sich schnell rum, was es in der US-Botschaft zu sehen gab. Im September 1987 zählte die Stasi 1909 Personen, die die Bibliothek besuchten - das waren zwölfmal so viele wie im September 1986, merkten die Geheimdienstmitarbeiter an.Ab 1987 observierte der Geheimdienst ein Diplomaten-Ehepaar, das verdächtigt wurde, für den amerikanischen Geheimdienst CIA zu arbeiten. Paul und Paula nannten die Stasi-Leute die beiden. Das MfS ermittelte, dass sie in der Freizeit in Modegeschäften bummeln und sich "wiederholt verkehrswidrig" verhielten. Einen Urlaub des Ehepaars nutzte das MfS, um deren Wohnung in Pankow zu durchsuchen. 1989 bereitete der Geheimdienst in Warnemünde sogar den Einsatz eines Fährtenhundes vor, um das Paar zu beschatten. Das MfS stellte dazu "Geruchskonserven vom Ehepaar zur Verfügung", wie es heißt. Solche Geruchskonserven gewann die Stasi beispielsweise dadurch, dass sie der Zielperson ein Tuch auf den Stuhl legte, bevor sich diese hinsetzte. Auch mit Hilfe eines Peilsenders überwachte das MfS die beiden Diplomaten. Zwar war sich die Stasi später sicher, dass Paul und Paula für den CIA arbeiteten, doch geht aus den vorgelegten Akten nicht hervor, was sie tatsächlich gemacht haben könnten.1987 stellte das MfS fest, dass auf seine IMs in der US-Botschaft kein Verlass mehr war. Statt dem Klassenfeind entgegenzutreten, machte die Stasi "charakterliche Schwächen, Neid und das Streben nach Westgeld" unter den eigenen Leuten aus. Zudem gebe es "politisch-ideologische Schwächen" und "bestimmte Erscheinungen des Anbiederns bei den USA-Diplomaten". Über IM "Erika" heißt es, dass sie "über größere Summen von Westgeld" verfüge. "Erika" tätige häufig Einkäufe in West-Berlin für ihre Verwandtschaft. So habe sie am 6. Oktober 1982 eine Lichtorgel gekauft "und mit einem Diplomatenfahrzeug ungesetzlich in die DDR eingeführt". Dem MfS habe sie "darüber nichts gesagt". Aus Sicht des MfS war die Entwicklung in der Botschaft alarmierend. Es sei zu prüfen, inwieweit bestimmte DAV-Angestellte "durch geeignete Kader ausgetauscht werden" können. Dies müsste der Anfang einer "schrittweisen Kaderveränderung bis hin zu einem völligen Austausch des Personals" sein. Tatsächlich war es der Anfang vom Ende.------------------------------Foto (2) :Unzuverlässige Mitarbeiter: Mit Sorge registrierte die Stasi, dass sich einzelne IMs über ihre Kollegen beschwerten. Das MfS erwog, alle auszutauschen.Angebliche CIA-Agenten: Die Stasi beschattete ein US-Diplomaten-Ehepaar. Sie nannten es "Paul" und "Paula", wie aus den MfS-Akten hervorgeht.