Die Vereinten Nationen haben 1998 zum Internationalen Jahr des Ozeans ausgerufen: 365 Tage im Zeichen des Meeres

Es ist eine der wichtigsten Nahrungsquellen für den Menschen und zugleich seine größte Mülldeponie. Aus den Tiefen fördert er Öl und Gas, auf der Oberfläche reist er seit Jahrtausenden von Kontinent zu Kontinent und transportiert seine Güter. Es bedeckt den Globus zu gut 70 Prozent, und über zwei Drittel der Menschen leben in einem hundert Kilometer breiten Ufersaum. Das Meer ist der Ursprung allen Lebens, und es ist ein immens wichtiger Teil dessen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Wie bedeutsam die Ozeane etwa für das Klima sind, beginnen Wissenschaftler allmählich zu begreifen. Überdeutlich aber ist seit Jahren, wie sehr der Mensch seinem Lebensspender bereits geschadet hat. Um das Bewußtsein für die Bedeutung der Meere für das Leben auf der Erde weltweit zu fördern, haben die Vereinten Nationen (UN) das Jahr 1998 zum Internationalen Jahr des Ozeans ausgerufen. Die mit der Organisation beauftragte Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, die UNESCO, hat sich allerhand einfallen lassen: von internationalen Konferenzen bis hin zu speziellen Lehrprogrammen für Schulen. Zahlreiche Umweltschutzorganisationen planen in diesem Jahr besondere Aktionen.Ein Hauptziel sei es, die Mitgliedsstaaten 1998 zum verstärkten Schutz der Meere zu bewegen, so die UN. Diesen Willen könnten die Länder in einer "Ozean-Charta" dokumentieren. Die Charta sei kein rechtsverbindliches Dokument, sondern eine "Absichtserklärung zum Glauben an und zur Verpflichtung für die Zukunft des Meeres". Das Schicksal der Ozeane hängt entscheidend davon ab, ob und wann drei Hauptprobleme bewältigt werden: Ressourcen-Ausbeutung (etwa Überfischung), Verschmutzung und Zerstörung von Lebensraum in den Ozeanen und an den Küsten.Noch immer scheinen viele Nationen die Meere als unerschöpfliches Füllhorn anzusehen, weil es zahlreiche lebende Rohstoffe wie Fische, Muscheln und Algen liefert und riesige Mengen an Bodenschätzen wie Erdöl und Erdgas enthält. "Diese Vorräte sind in den vergangenen hundert Jahren dramatisch geschrumpft", sagt Juri Oljunin, stellvertretender Generalsekretär der IOC, also der Kommission für Ozeanographie der UNESCO in Paris. Noch lagern auf dem Meeresgrund riesige Vorräte an Erdgas (Methan) in Eisform. Diese sogenannten Clathrate lassen sich bisher noch nicht abbauen. Experten wie der Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, Jörn Thiede, befürchten jedoch schon Schäden im Ökosystem der Ozeane beim zukünftigen Abbau dieser Ressourcen. Massiver Schaden ist nach Ansicht von Greenpeace bereits bei der Ausbeutung der lebenden Meeresschätze entstanden. Rund drei Viertel der kommerziell genutzten Fischbestände werden der Umweltschutzorganisation zufolge heute ausgebeutet oder sind bereits leergefischt. An manchen Arten wie etwa dem Schwarzen Seehecht wird ein "ungeheurer Raubbau" betrieben, so Matthias Stehmann von der Bundesanstalt für Fischerei in Hamburg. Einige Arten, darunter der Rote Thun und mehrere Hai- sowie Störarten, sind vom Aussterben bedroht. Ganz oben auf der Liste der gefährdeten Arten stehen Wale und andere Meeressäuger. Um weitere Schäden zu verhindern, fordern Naturschutzorganisationen eine Ausweisung von Schutzgebieten, vor allem Brutgebiete für Fische und ein Verbot der Treibnetzfischerei. Zudem erarbeiten derzeit Wissenschaftler, unter anderem am Institut für Meereskunde der Universität Kiel, Management-Methoden für eine verträgliche Dauernutzung der Fischbestände. Problem Nummer zwei ist die zunehmende Verschmutzung der Weltmeere. Den größten Anteil daran haben nicht ausreichend geklärte Abwässer vom Festland und Schadstoffe aus der Landwirtschaft. Dünger, Fäkalien und Pflanzengifte werden über Bäche und Flüsse ins Meer gespült. Aber auch Saurer Regen ­ verursacht durch Auto- und Industrieabgase ­ sowie weitere Industriegifte gefährden die Meere. Die Folgen dieser schleichenden Vergiftung sind gravierend. Nährstoffe aus der Landwirtschaft fördern das Wachstum von giftigen Algen, und toxische Stoffe reichern sich in der Nahrungskette an. Umweltchemikalien bewirken zudem Mißbildungen und Sterilität bei Meeresorganismen. Programme zum Schutz der Nord- und Ostsee beginnen Wirkung zu zeigen. Doch auf hoher See ­ im Niemandsland ­ versagen die Gesetze. Immer noch werden Öl und andere giftige Stoffe einfach ins Meer gekippt ("verklappt"), und die Off-Shore-Industrie verschmutzt mit ihren Ölplattformen die Ozeane. Problem Nummer drei ist die Zerstörung von marinen Lebensräumen. Die schnell wachsenden Städte an den Küsten vergiften das Wasser mit ungeklärten Einleitungen aus der Kanalisation. Feuchtgebiete werden trockengelegt, um Bauland zu gewinnen. Dadurch gehen Brut- und Futterplätze für zahlreiche Meereslebewesen verloren. Lösungsansätze sieht Erika Clark vor allem in der Zusammenarbeit auf lokaler Ebene. Fischer, Bauern und Küstenbewohner sollten als Helfer an den Schutzprogrammen beteiligt werden: "Man kann nicht mit Gesetzen gegen die betroffenen Menschen arbeiten", sagt Clark, die in Griechenland ein Projekt mit Fischern betreut hat. Dort wurde angeregt, die Fischer zur Beobachtung jener Robben einzusetzen, die bis vor kurzem noch als Konkurrenten um den Fisch abgeschossen wurden.Viele Experten erwarten von dem Jahr des Ozeans wenig mehr als ein stärkeres Bewußtsein für die Bedeutung der Meere. Greenpeace hat eine Checkliste erarbeitet, um den Nutzen der UNESCO-Initiative zu messen. Darin fordert die Organisation unter anderem ein Verbot von Treibnetzen, eine Sanktionierung von Staaten, die sich nicht an die Walschutzabkommen halten, sowie eine Halbierung der industriellen Fischfangflotten bis zum Jahr 2005.