Nun ist er ein Fernsehstar. Den Mund grimmig verzogen, die Knarre auf den eigenen Kopf gerichtet, blickt Hans-Jürgen Rösner von den großen RTL-Anzeigen herunter, die für das Doku-Drama "Wettlauf mit dem Tod" werben. Neben dem Gangster sollen wenige Schlagworte für Quote sorgen. "Der Gladbeck-Wahnsinn" etwa, oder auch: "Es darf nie wieder passieren." Daß es heute abend doch wieder passiert, verdankt das Publikum RTL genauer gesagt einer neu eingerichteten Spezialeinheit namens "true story". Eine Art task-force, die sich in Zukunft reale Stoffe nach Art des Grimmepreisträgers Heinrich Breloer annehmen soll und für die das Gladbecker Geiseldrama RTL-intern als "Feuertaufe" gilt.Denn der mediale Verwertungszyklus spektakulärer Kriminalfälle kennt mittlerweile vier Phasen: Am Anfang steht möglichst live die begleitende Berichterstattung vom Ereignis, anschließend die tränenrührige Erregung über die Unmenschen. Darauf folgt das Nachzeichnen der "Einzelschicksale" in Sendungen wie "Explosiv" oder "taff", auf Wunsch angereichert mit der Forderung nach härteren Strafen. Die Krönung erfährt der Fall in seiner spielfilmmäßigen Aufbereitung oder eben im Doku-Drama, daß sich hochauthentisch gibt, im Grunde aber auch nichts anderes will als all die TV-Movies mit den schaurigen Titeln: Spannende Unterhaltung.Schamfrist immer kürzerDenn die besten Drehbücher schreibt immer noch das Leben: Kaum eine Katastrophe oder Straftat, an der sich die TV-Sender nicht die Rechte sichern, wobei die Schamfrist immer kürzer wird. So wurden in letzter Zeit der Mord an Gianni Versace verfilmt, die Geschichte des sogenannten Heidemörders oder auch die Entführung von Jan-Philipp Reemtsma. In Lassing und Steglitz werden die Helfer derzeit von Rechte-Akquisiteuren abgelöst. Und in Belgien will ein Sender die Geschichte des mutmaßlichen Kinderschänders Marc Dutroux inszenieren. Das Gladbecker Geiseldrama eignet sich ganz besonders für eine quotenträchtige Aufbereitung, schließlich verströmt schon allein der tätowierte Hans-Jürgen Rösner genügend Charles-Manson-Flair, damit sich ausreichend gruselnde Zuschauer vor dem Fernseher versammeln. In der Justizvollzugsanstalt Essen gilt Rösner ohnehin als heimlicher Star weshalb die Anstaltsleitung auf die Verantwortlichen bei RTL eingewirkt hat, den Geiselgangster nicht im Film zu Wort kommen zu lassen. Die mit ihm geführten Gespräche dienten der Redaktion "true story" als Hintergrundinformationen, schließlich habe man "Rösner und Degowski kein Forum bieten wollen", so RTL-Sprecherin Heike Schultz.Hat man aus den damaligen Vorfällen gelernt? Vor zehn Jahren ruinierten Journalisten ihren Ruf, als sie mit ihren Autos die Zugriffs-chancen der Polizei vermindert machten, als sie mit den Verbrechern Interviews führten und sich sogar zu ihnen ins Auto setzten, um sie aus der Gefahrenzone zu lotsen. Nun arbeiten Medien und Täter wieder Hand in Hand: Denn bevor ein Doku-Drama die Wirklichkeit wiedergeben darf, müssen die Rechte geklärt sein. Denn Straftäter und Opfer sind nur solange relative Personen der Zeitgeschichte, solange die Tat im öffentlichen Interesse steht und das ist im Falle des Gladbecker Geiseldramas nicht mehr der Fall. So mußte RTL auch den befragten Augenzeugen die Rechte an der eigenen Biographie abhandeln z.B. von der Geisel Ines Voitle, die von RTL 5 000 Mark für ihre Geschiche bekommen haben soll. Auch ihre Peiniger bekamen Geld, eine "Aufwandsentschädigung", wie RTL-Sprecherin Schultz sagt. Nicht etwa aus moralischen Erwägungen, sondern schlichtweg, weil man "die Preisspirale nicht unnötig hochtreiben" wollte, schließlich plant die Redaktion "true story" noch so manchen Coup. "Sonst denkt jeder, er kann da mal die Hand aufhalten."Kein so abwegiger Gedanke, schließlich hatte RTL schon vor Jahren Maßstäbe gesetzt, als es um die Honorare für verurteilte Straftäter ging. So wurden Medienberichte, der Sender habe der Ehefrau des "Heidemörders", die ihm zur Flucht verholfen hatte, 150 000 Mark für Filmrechte bezahlt, nicht dementiert. Damit Mörder und Geiselnehmer nicht noch nachträglich von ihren Verbrechen profitieren, gibt es seit dem 8. Mai das sogenannte Opferanspruchssicherungsgesetz. Es bestimmt, daß ein Täter mit seinen Einnahmen aus Mediengeschäften seine Opfer entschädigen muß. Aber wer überprüft schon schon die Konten von Familienangehörigen oder Freunden der Täter.Ein Fall für Juristen Oftmals sind sich die Verantwortlichen der Sender über die rechtlichen Grenzen bei der Verfilmung tatsächlicher Ereignisse nicht einmal im Klaren. So durfte ein Film der Sat 1-Reihe "Verbrechen, die Geschichte machten" über den Fall Lebach, bei dem drei Männer 1970 ein Bundeswehrdepot überfielen und vier Rekruten töteten, nicht gezeigt werden, weil einer der Haupttäter erfolgreich gegen die Ausstrahlung geklagt hatte.Um solche Fehlinvestitionen zu vermeiden, werden inzwischen bei der Produktion von TV-Movies nach realen Vorbildern und Doku-Dramen zunehmend Juristen beschäftigt. Als der Anwalt Christian Schertz am 16. Juni auf dem deutschen Medienrechtstag in Köln einen Vortrag über die "rechtlichen Grenzen der Verfilmung realer Ereignisse" hielt, waren die Rechtsabteilungen der Sender fast komplett zur Weiterbildung angetreten. "Wettlauf mit dem Tod das Geiseldrama von Gladbeck", RTL, 20.15 Uhr