Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa. Es trägt den Namen "Harry Potter" - niemand entrinnt ihm, mag er auch in Albanien oder im Zulu-Land leben, denn die "Potter"-Romane von Joanne K. Rowling wurden auch ins Albanische und Zulu übersetzt, in 47 Sprachen insgesamt - man ahnte kaum, dass es überhaupt so viele Sprachen gibt. Die ganze Welt fieberte seit Wochen der Verfilmung von "Harry Potter und der Stein der Weisen" entgegen, dem ersten von bislang vier Potter-Schmökern, auch wenn die Welt manchmal so tut, als fände sie die Aufregung blöd. Halbwüchsige lästern in der U-Bahn über "das Teil"; der legere Ton rettet sie nicht. Gediegene Professorinnen studieren "Harry Potter" auf hebräisch, können aber niemanden täuschen - "Potter" bleibt doch der nämliche, auch in einer schweren Sprache. Was soll man ihnen allen nun raten - kann man sie getrost in diesen Film schicken? Nicht nur der Bundestag muss Gewissensentscheidungen treffen.Auch wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, rufen wir: Ihr Völker der Welt, schaut auf diesen Film! Da müsst ihr durch; dies habt ihr euch selbst eingebrockt. Das Verhältnis von literarischer Vorlage und filmischer Bildlichkeit ist nun einmal ein besonders schwieriges - oder besonders simples, ganz wie man will -, das habt ihr wohl nicht in Betracht gezogen. Obwohl die "Harry-Potter"-Bücher gern von Erwachsenen verschlungen werden, in einer Art feindlicher Übernahme, hat Rowling sie einst als Bildungsromane, Fantasy- und Märchenbücher für Kinder konzipiert. Nun unterscheiden sich jedoch Filme für Erwachsene und Filme für Kinder weitaus stärker voneinander, als Bücher für Kinder sich von Büchern für Erwachsene unterscheiden. Wenn die Bilderwelt eines Films mit der Vorstellungswelt einer Lektüre wie der "Harry Potters" konkurrieren will, kann sie nur schlechte Karten haben.Kinder halten viel von der eigenen künstlerischen Freiheit (sie malen auch gern blaue Schneemänner), aber so gut wie gar nichts von künstlerischer Freiheit für Erwachsene. Sie möchten, dass die Welt ihrer Lieblingsbücher in den Verfilmungen präzise gespiegelt wird. Der Kinobesuch dient bei ihnen dem Abgleich ihrer Leseerfahrung. So zeigten sich kindliche Testseher, welche die Leinwandversion von "Harry Potter und der Stein der Weisen" einschätzen sollten, sehr unzufrieden, als im Film nur ein Zentaur durch den verbotenen Wald nahe Hogwarts sprang, wo es im betreffenden Kapitel des Buchs doch mindestens drei sind. Schwer beanstandet wurde von ihnen auch, dass der Rennbesen "Nimbus 2000" im Film von Harrys Eule Hedwig gebracht wird, obwohl das fürs Quidditch-Spiel unerlässliche Gerät im Buch ganz klar durch sechs Schleiereulen angeliefert wurde.Es sieht so aus, als müssten die Mittel der Filmkritik unangemessen erscheinen, wo wie im Fall "Harry Potter" die Treue zur Buchvorlage auch erste Regel der tapferen Filmarbeiter ist, doch so leicht will man die selbst ernannten Kino-Magier Hollywoods nicht davonkommen lassen. Tatsächlich hielt sich der "Potter"-Regisseur Chris Columbus sklavisch an die äußerlichen Vorgaben der Autorin Joanne K. Rowling. Die Konstruktion seiner Verfilmung steht vollständig im Dienst eines kindlichen Zuschauers. Columbus bebildert die Buchvorlage gewissenhaft, was zu einer auch für Erwachsene nicht unerheblichen Laufzeit von zweieinhalb Stunden führt. Doch es bleibt bei der fleißigen Oberflächenarbeit, beim Abhaken der Buchkapitel. "Harry Potter und der Stein der Weisen" ist kein Film über die Idee der "Potter"-Romane geworden.Diese Idee ist jedoch äußerst interessant. "Harry Potter" erzählt einen Staatsroman für Kinder. Es geht, in allegorischer Form, um den Erhalt einer prinzipiell guten (Zauberer-) Gesellschaft, die innenpolitisch durch den bösen Zauberer und Übermensch-Ideologen Voldemort und dessen Anhänger bedroht ist. In dieser Konstellation kommt Harry Potter die Rolle des Heilsbringers zu, da er als Kleinkind sensationellerweise einen Anschlag Voldemorts überlebt hat, bei dem seine Eltern den Tod fanden. Da Harry aber immer noch ein Kind ist, ein Zauberlehrling, braucht er die Unterstützung der Erwachsenen (Magier), deren Welt im Buch von Harrys kindlicher Welt durch Tabus abgegrenzt wird. In Hogwarts stehen der Elite-Spross Draco Malfoy und dessen Schulabteilung Slytherin für die Versuchung durch das Böse, den Geheimpakt mit Voldemort und den drohenden Staatsstreich.Selten hat man im Kino die Zaubererwelt so albern blank geputzt und widerlich ordentlich zurechtgezurrt gesehen, auch nicht in Kinderfilmen. Das Publikum soll wohl nicht nur der Geschichte, sondern auch der Ästhetik des Films ohne Mühe folgen können. Wenn Chris Columbus sich zwischen Kamerafahrt und Schnitt zu entscheiden hatte, wählte er (abgesehen vom actionreichen Quidditch-Spiel) die behutsame Kamerafahrt, was im Kino nicht immer zutreffend als epische Erzählweise goutiert wird.Bei aller Bravheit spricht aber auch einiges für "Harry Potter und der Stein der Weisen": Die Szenenbilder sind prachtvoll, die Filmbauten und Kostüme wundervoll, die Tricks charmant - besonders Details wie der "Sprechende Hut", welcher die Erstklässler den vier Schulabteilungen zuordnet, findet man liebevoll ausgeführt. Die Erwachsenendarsteller gehören zur britischen und irischen Schauspielelite; sie stellen sich diskret in den Dienst dieser Verfilmung.Die Handlung setzt im Buch wie im Film mit Harrys elftem Geburtstag ein. Der Waisenjunge lebt bei Verwandten, von denen er ausgiebig gequält wird. Harrys erste zehn Lebensjahre bleiben ausgespart, so als hätte der Junge sein klares System von Gut und Böse fertig in den Genen, was dem Figurensystem der Märchenwelt entspricht. Der Zuschauer bleibt - wie der Leser auch - in Genre und Geschichte geborgen, doch der Film vermag die fiktionale Kraft des Buchs nicht einzuholen, weil er, anders als das Buch, die Atmosphäre einer Bedrohung durch das Böse nicht zu evozieren vermag.Um diesen Harry hier macht man sich nämlich keine Sorgen. Man hätte sich seinen Darsteller (Daniel Radcliffe) weniger abgeklärt gewünscht; sein Harry ist schlicht zu prä-pubertär und wohlgenährt. Ein Kind, das als Außenseiter unter Muggeln (Menschen) lebte und so gedemütigt wurde, dass seine Erbschaft bei einem Psychoanalytiker gut angelegt wäre, darf in einem Film für Kinder (Fortsetzung auf Seite 15).(Fortsetzung von Seite 13) sicher nicht als traumatisiertes Wrack daherkommen, sollte aber doch Regungen von Unmut zeigen dürfen und auch Unsicherheit in der für ihn neuen Magierwelt.Kinder können sich viel vorstellen; ihre Fantasie ist durchaus grausam. Dennoch verliert der Film gegenüber dem Buch nicht zuletzt dadurch, dass das Böse auf fast knuffige Weise abgebildet wird - Voldemorts etwa wird man nur zweimal kurz ansichtig: einmal im nächtlichen Wald (von weitem), später dann von nahem, aber in gleißender Helligkeit. Auch Hagrids Drache Norbert und seinen Hund Fang, im Buch durchaus Furcht erregende Untiere, möchte man fast streicheln. Es scheint, als hätte man bei all diesen Regie-Entscheidungen vor allem die Zielgruppe der kleineren Kinder im Auge gehabt - auch sie sollten wohl nicht schreiend aus "Harry Potter" laufen müssen. Dabei wäre die Besorgnis gar nicht nötig gewesen: der Film hatte seine Produktionskosten von rund 140 Millionen Dollar erwirtschaftet, bevor er überhaupt in die Kinos gelangte - durch die Merchandising-Lizenzen. Es geht also nicht mehr unbedingt ums Geld, aber die Selbstzensur des konservativen Regisseurs funktionierte offenbar gut: Keine Gewalt zeigen, auch keine, die den Gefühlen angetan wird. Doch wozu sich mit Treue zur literarischen Vorlage brüsten, wenn Schonung auch in der Welt der Zauberer gar nicht gegeben ist. Harrys erste Erfahrung ist, dass er die Ermordung seiner Eltern mitansehen muss. Rowling lässt dem Bösen in ihren "Potter"-Büchern viel Raum; sie beschreibt es als eine unerträgliche, dunkle Kälte, als Versteinern ähnlich einer Depression. Columbus bebildert zwar die literarische Vorlage, aber er inszeniert nicht deren Idee - was Kino wäre, für alle.Harry Potter und der Stein der Weisen // USA 2001.153 Minuten, Farbe.Regie: Chris Columbus Drehbuch: Steven Kloves nach dem gleichnamigen Roman von Joanne K. Rowlings Kamera: John Seale Schnitt: Richard Francis-Bruce Kostüme: Judianna Makovsky Musik: John Williams Darsteller: Daniel Radcliffe (Harry), Emma Watson (Hermine), Rupert Grint (Ron), Tom Felton (Draco Malfoy), John Cleese (Der fast kopflose Nick), Robbie Coltrane (Hagrid), Richard Harris (Dumbledore), Maggie Smith (McGonagall), Alan Rickman (Snape), Ian Hart (Quirell), Warwick Davis (Flitwick), John Hurt (Ollivander), Zoë Wanamaker (Madame Hooch) u. a.Weitere Filmrezensionen lesen Sie auf den Seiten 2 und 3 des morgigen Kulturkalenders.WARNER BROS. Die Erstklässler warten auf den Spruch des sprechenden Huts. Vorn Professor McGonagall (Maggie Smith).