Larissa Arap habe "kranke Ideen". Die 48-Jährige leide an einer gestörten Realitätswahrnehmung und sei daher eine Gefahr für sich und andere, bescheinigte ihr die Psychiaterin einer Bezirksklinik nahe Murmansk. Das war vor sechs Wochen. Erst jetzt wurde die russische Journalistin und Bürgerrechtlerin aus der geschlossenen Abteilung der Krankenhauses entlassen. Araps gemeingefährliche Ideen sind nachzulesen in einem Zeitungsartikel über die psychiatrische Zwangsbehandlung von Jugendlichen in einer russischen Klinik. Arap schildert, wie die vermeintlichen Patienten vom Klinikpersonal misshandelt und gegen ihren Willen mit Elektroschocks behandelt werden. Der Text ist nicht der einzige Beleg für Araps gestörte Realitätswahrnehmung. 2004 hatte sie bereits finanzielle Missstände in ihrer Wohnkooperative publik gemacht. Zudem ist Arap Aktivistin der oppositionellen Bürgerfront von Ex-Schachweltmeister Gari Kasparow. Sie hat also nicht nur eine in Russland nicht mehrheitsfähige andere Meinung, sie vertritt sie auch öffentlich.Dass sie mit ihrer Haltung eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, erfuhr sie, als sie für die Verlängerung ihres Führerscheins ein Attest benötigte. Im Krankenhaus, an das sie sich wandte, erinnerte man sich an ihre Artikel und ließ sie in die geschlossene Abteilung bringen. Dort hatte sie sich schon 2004 einer Zwangsbehandlung unterziehen müssen. Proteste ihrer Familie halfen nicht. Ihrer Tochter wurde erklärt, auch für sie wisse man eine Therapie, falls sie Ärger mache. Nur der öffentliche Druck habe bewirkt, dass Arap wieder entlassen worden sei, erklärte jetzt eine ihrer Mitstreiterinnen.In der Vorwoche hatte eine unabhängige Kommission von Psychiatern im Auftrag des russischen Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin festgestellt, dass die Zwangseinweisung ungerechtfertigt war. Vor ihrer Entlassung musste Arap eine Erklärung unterschreiben, in der sie um eine weitere "ambulante Behandlung" bittet. "Hätte ich nicht unterschrieben, hätte man mich nicht gehen lassen", erklärte sie gestern.Zwangseinweisungen in die Psychiatrie waren zu sowjetischer Zeit ein probates Mittel, politische Gegner ruhigzustellen. Doch dauert die Praxis an. Alte werden für verrückt erklärt, um so ihre Wohnungen zu entmieten, unliebsame Ehefrauen, um ihnen das Sorgerecht für die Kinder zu entziehen. Larissa Arap hatte das Glück, dass eine Öffentlichkeit, die sie angeblich gefährdete, für ihre Freilassung sorgte. Diese Öffentlichkeit ist freilich ebenso gefährdet wie Arap selbst.------------------------------Foto: Larissa Arap, russische Bürgerrechtlerin