Die Verstrickung des Jiri Pelikan

Im Oktober 2008 veröffentlichte die tschechische Zeitschrift Respekt ein krudes Polizeidokument. Danach sollte der hoch angesehene Autor Milan Kundera ("Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins") 1950 dem kommunistischen Geheimdienst StB als Zuträger gedient haben. Dass dies nicht die einzige bestürzende Enthüllung bleiben würde, war klar. Fast zwei Jahrzehnte nach der Wende hat die systematische Sichtung der StB-Akten in Prag gerade erst begonnen.Jetzt entlarvt der Historiker Prokop Tomek in der Zeitung Mlada fronta Dnes eine weitere Ikone der Dissidenten. Jiri Pelikan, eine der führenden Gestalten des Prager Frühlings, soll an einem Komplott des StB mitgewirkt haben. Mit seiner Hilfe sei 1960 der Westberliner Studentenfunktionär Dieter Koniecki in den Ostteil der Stadt gelockt worden. Ein Jahr später wurde Koniecki in Prag wegen Spionage zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.Pelikan und Kundera - es sind parallele Leben. Sie waren überzeugte Kommunisten in den 50er- Jahren, Reformkommunisten in den 60ern. Pelikan verwandelte der Einmarsch des Warschauer Paktes 1968 vom Direktor des Staatsfernsehens in einen Regimegegner. Er ging nach Italien, war zeitweise Abgeordneter der italienischen Sozialisten im Europa-Parlament. In den 30 Jahren, die ihm bis zu seinem Tod 1999 blieben, steckte er seine ganze Energie in die Analyse eines Systems, dessen Entstehung er glühenden Herzens unterstützt hatte. Pelikan gab das Magazin Listy heraus, die einflussreichste Publikation der Emigration nach '68.Die Fälle Pelikan und Kundera markieren einen Wandel in der Diskussion um die jüngste Vergangenheit. In den 90er-Jahren dominierten parteipolitische Instrumentalisierung und mediale Sensationsgier. Oft fiel beides zusammen. Aber die Antipoden waren klar: Hier diejenigen, die eine Öffnung der Akten des alten Systems fürchten mussten. Dort die Dissidenten. Kein Zweifel bestand, wer die moralische wie die historische Wahrheit auf seiner Seite hatte.Inzwischen tritt eine neue Generation an. Zu ihr gehört Martin M. Simecka, Herausgeber des Enthüllungsmagazins Respekt, das die Kundera-Affäre lostrat - und Sohn eines Dissidenten. Er habe seinen Vater für dessen Widerstand bewundert, schrieb er unlängst in einem Essay. Eben wegen dieser Bewunderung habe er versäumt, seinen Vater über dessen Verstrickungen in den frühen Jahren zu befragen. Der aber habe an entscheidender Stelle geschwiegen. Wie Kundera. Wie Pelikan. In Tschechien scheint nun jene neue Phase zu beginnen, die sich in der Sicht auf Geschichte ständig wiederholt: Die nächste Generation macht sich auf zum Sturz der Väter-Denkmäler.