POTSDAM/MICHENDORF. Der Standort war gut gewählt für einen Straßenstrich. Denn Huren stehen natürlich gern an Straßen, an denen sie auch gesehen werden. Wie an der Bundesstraße B 2, die vom Potsdamer Stadtzentrum nach Süden zur Autobahnauffahrt Michendorf (Potsdam-Mittelmark) führt. Sie ist einer der beiden Hauptzubringer von der Landeshauptstadt zum Berliner Ring. Auf der viel befahrenen Strecke ruht der Verkehr nur nachts - jedenfalls der Autoverkehr. Eine andere Form der Verkehrsanbahnung an dieser Straße sorgte in Potsdam und Michendorf wochenlang für Aufregung.Bereits vormittags abgesetztDenn an der etwa vier Kilometer langen Strecke durch die dichten Wälder spielte sich eine Zeit lang fast jeden Tag dasselbe Ritual ab: Am Vormittag fuhr ein Kleinbus vor und zwei bis sechs leicht bekleidete Damen stiegen aus und gingen bis in die Nacht der Straßenprostitution nach. Anwohner fühlten sich gestört und schrieben Beschwerden wegen der anrüchigen Meile. "An der Strecke befinden sich mehrere Bushaltestellen", erklärt Cornelia Jung, Bürgermeisterin von Michendorf. Da dort auch Schulbusse entlangfahren, hätten sich die Eltern beschwert. "Die Kinder sind zum Bus immer eine Abkürzung durch einen Wald gegangen und sahen die Prostituierten."Nicht nur Anwohner ärgerten sich. Auch Politiker wie der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Sven Petke, empörten sich. Er richtete eine Anfrage an den Landtag. Anfangs wurde versucht, dem Problem durch verstärkte Polizeikontrollen zu begegnen. Doch die Huren - allesamt Bulgarinnen - hatten ordnungsgemäße Papiere und Gesundheitsausweise bei sich.Rechtlich war es auch nicht möglich, den Straßenstrich aus Verkehrssicherheitsgründen zu verbieten. Da die Frauen ihrem Gewerbe nicht direkt auf der Fahrbahn nachgingen, sondern daneben, konnten sie nicht mit der Begründung einer "Fehlnutzung einer Bundesstraße" vertrieben werden.Die Gemeinde konnte die Strecke auch nicht einfach zum Sperrbezirk erklären - dieses Recht hat nur die Landesregierung. "Der Bund hat 2002 die Ausübung der Prostitution legalisiert", sagte der Sprecher des Potsdamer Innenministeriums, Geert Piorkowski. In Ausnahmefällen könne aber für einzelne Gebiete oder bestimmte Zeiten ein Prostitutionsverbot verhängt werden. Diese Sperrzone wird vom Innenminister verfügt. Michendorf wollte, dass an der B 2 der erste Sperrbezirk des Landes Brandenburg eingerichtet wird.Allerdings ist es nicht leicht, ein legales Gewerbe zu verbieten. Es ist nur möglich zum Schutz des "öffentlichen Anstandes" oder zum Jugendschutz, wenn Huren vor Schulen oder Kitas stehen. "Doch die Zuhälter waren clever", sagte ein Kenner der Szene. "Sie setzten die Damen nicht in bewohnten Gebieten ab, sondern an der Straße im Wald."Gestern verfügte das Innenministerium nun, dass ein Sperrbezirk nicht nötig sei. So sehen es auch die Stadt Potsdam und der Landkreis. Hauptgrund: Der Straßenstrich liege außerhalb "geschlossener Ortslagen". Zudem hatte die Aufregung um den Straßenstrich dafür gesorgt, dass es ihn nicht mehr gibt. Kaum hatte sich die Politik der Sache angenommen, wurden keine Prostituierten mehr angetroffen. "Wir wissen nicht, wo sie sind", sagt Kreis-Sprecherin Andrea Metzler.Prostituierte gehen in Brandenburg nur noch an einer anderen Strecke regelmäßig ihrem Geschäft nach: an der Bundesstraße B 5 zwischen Frankfurt (Oder) und dem Dörfchen Treplin. "In Brandenburg stehen nur wenige Prostituierte an Straßen", sagt eine Sprecherin des Vereins Belladonna aus Frankfurt (Oder), der sich um Aids-Aufklärung bei den Huren kümmert. "Wer käuflichen Sex sucht, fährt entweder nach Berlin oder nach Polen.""Fatales Signal"Unklar ist, ob das horizontale Gewerbe die Geschäfte in Michendorf nur saisonal eingestellt hat. Davon geht CDU-Mann Petke aus. Er sei über die Hilflosigkeit der Behörden "bestürzt". Dass der seiner Meinung nach notwendige Sperrbezirk nicht eingerichtet wurde, sei ein "fatales Signal der Unfähigkeit". "Damit wird das sittliche Empfinden der Mehrheit der Bevölkerung ignoriert", sagte er. Er geht davon aus, dass mit dem Ende des Winters wieder täglich hunderte Kinder und Jugendliche dem "unwürdigen Anblick der offenen Straßenprostitution" ausgesetzt werden.------------------------------80 BordelleStraßenstrich: Prostitution an Straßen gibt es landesweit nur zwischen Potsdam und Michendorf und bei Frankfurt (Oder).Hausprostitution: Viele deutsche Freier fahren nach Polen. Entlang von Oder und Neiße gibt es 80 Bordelle und 1 500 Prostituierte. Gerade an Wochenenden kommen aber auch viele Osteuropäerinnen zur "Hausprostitution" nach Deutschland. Sie nutzen Wohnungen in Potsdam, Frankfurt (Oder), Brandenburg/Havel und Berlin.------------------------------Karte: B2, Straßenstrich------------------------------Foto: Straßenstrich an der B 2: Schneetreiben kann die Prostituierten kurz vor dem Michendorfer Ortsteil Wilhelmshorst nicht von ihrem Job abhalten.