Wolfgang Kohlhaase schrieb sie auf, Andreas Dresen hat sie inszeniert: "Whisky mit Wodka", die Geschichte eines Schauspielers, der als Trinker bekannt ist und plötzlich, bei einer neuen Hauptrolle, mit einer Zweitbesetzung konfrontiert wird. Der Film spielt in der Gegenwart. Doch der authentische Fall, der ihm zugrunde liegt, fand vor über fünfzig Jahren statt. Und war mindestens genau so tragikomisch wie der Film.Der Schauspieler, um den es damals ging, hieß Raimund Schelcher. Er war einer der Großen des Berliner Theaters. Bertolt Brecht hatte ihn im "Kaukasischen Kreidekreis" und in der "Winterschlacht" besetzt, und Anfang 1956 brauchte er ihn auch für "Galilei". Doch zu dieser Zeit hatte Schelcher bereits einen Vertrag mit der Defa abgeschlossen, die ihm die Hauptrolle in dem zweiteiligen Projekt "Schlösser und Katen" offerierte. Brecht rief den Filmregisseur Kurt Maetzig an, doch der wollte keineswegs auf Schelcher verzichten. Dann wandte sich der Dichter an Kulturminister Johannes R. Becher, der sich für nicht zuständig erklärte. Schließlich kam es zu einem Telefongespräch, in dem sich Brecht gegenüber Maetzig über Schelchers schwere Alkoholprobleme ausließ, und dass nur er, Brecht, die Mittel besäße, den Mimen vom Schnaps fernzuhalten.Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Maetzig fast wörtlich an Brechts Worte: "Sie werden Schelcher umbringen, Sie werden sein Mörder sein! Sie können sich nirgends mehr sehen lassen, nicht mehr in Rom, nicht mehr in Paris. Ich werde überall verbreiten, dass sie der Mörder des besten Schauspielers Europas sind." Maetzig ließ sich zwar nicht umstimmen, doch auf solche Weise gewarnt, beschloss er Vorsichtsmaßnahmen; es ging ja auch um einen Film mit einem Budget von rund 3 Millionen Mark! Das gesamte Team wurde vergattert, darauf zu achten, dass Schelcher nicht in die Nähe von Alkohol kommt. Besonders bei Außenaufnahmen in Mecklenburg, wenn man sich bei schlechtem Wetter in Dorfkneipen aufwärmte, war die Gefahr groß.Am ersten Drehtag, dem 10. Februar 1956, ging noch alles gut. Dann aber, vor einer geplanten Nachtaufnahme, holte Frank Beyer - damals Regieassistent von Maetzig - den Schauspieler ab und hörte ihn merkwürdige Sätze sprechen: "Die Sonne ist rot. Aber hier im Osten ist ja alles rot. Also warum sollte die Sonne, wenn sie untergeht, nicht rot sein ..." Schelcher hatte in der Dorfgaststätte, in der er auf seinen Einsatz wartete, den Wirt bestochen: In elf von zwölf Tassen Kaffee war jeweils ein doppelter Weinbrand. Von nun an kursierte im Stab der Spruch: "Was Krupp in Essen, ist Schelcher im Trinken."Kurt Maetzig beschloss, ein Exempel zu statuieren. Als Zweitbesetzung für Schelcher engagierte er Hans Hardt-Hardtloff, einen Schauspieler vom Meininger Theater. Von Ende Februar an wurden die Aufnahmen doppelt gedreht - als Mahnung für den trinkenden Star, dass er ersetzbar sei. Zudem hatte Schelcher jeden Morgen unter Aufsicht eine teure schwedische Pille zu schlucken, die, wenn er daraufhin Alkohol trank, Herzrasen und Kopfschmerzen bewirkte.Die Medizin musste in West-Berlin gekauft werden: Dafür ausgesandt wurde ein junger Bühnenarbeiter, der sehr viel später zum Chefdramaturgen der Defa berufen wurde: Rudolf Jürschik. Auch dessen Einsatz war es also zu danken, dass Raimund Schelcher von nun an "trocken" blieb ...Hans Hardt-Hardtloff aber, der "zweite Mann", rutschte von der zu steil aufgestellten Karriereleiter. Er sah sich nach 23 von 136 Drehtagen wieder "draußen". Etwas voreilig hatte er am Theater gekündigt und war über das geplatzte Defa-Gastspiel nun tief unglücklich. Maetzig versprach, ihn als Regiehospitant einzusetzen, auch das ging schief. Im Juli 1956 vermerkte die Defa-Besetzungschefin: "Hardt-Hardtloff machte größere Geldschulden. Des Weiteren wurde er in betrunkenem Zustand angetroffen. Sein moralisches Verhalten war so, dass sich die Defa genötigt sah, den Regiehospitantenvertrag sowie die schauspielerischen Verpflichtungen zu lösen. Hardt-Hardtloff soll nach Möglichkeiten nicht mehr eingesetzt werden." Er also auch!Für Raimund Schelcher wurde der "Krumme Anton" in "Schlösser und Katen" die Rolle seines Lebens. Und Hans Hardt-Hardtloff stieg trotz des Verdikts schon bald zu einem der prägenden Charakter-Chargen der Defa auf: unverzichtbar, selbst als Trinker.------------------------------Foto: Sein Defa-Gastspiel platzte - Hans Hardt-Hardtloff, der "Ersatzspieler", griff später selbst zur Flasche.Foto: Raimund Schelcher (r., hier mit Erwin Geschonneck): Er spielte in "Schlösser und Katen" den Krummen Anton, einen Kutscher, der sich nach der Bodenreform nur mühsam von seiner alten Herrschaft und der Vergangenheit emanzipiert.