In den Chefetagen von Großunternehmen gibt es einen sogenannten Pressespiegel, in dem das eigene Unternehmen betreffende Artikel zusammengefasst sind. Kaum zu glauben, dass die Essener Zentrale der WAZ Mediengruppe nicht auch über so einen hausinternen Informationsdienst verfügt. Wenn doch, hätte die WAZ-Leitung längst registrieren müssen, dass ihre zwei bulgarischen Blätter "Trud" (Arbeit) und "24 Chassa" (24 Stunden) seit April eine Hetz- und Rufmordkampagne gegen die deutsch-bulgarische Historikerin Martina Baleva mit losgetreten haben. "Ich habe von diesen Vorgängen erst durch eine Recherche Mitte letzter Woche erfahren. Wir hatten keinerlei Rückmeldung", beteuert dagegen WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach.Die Historikerin Baleva schilderte jetzt erneut auf einer Berliner Tagung der Evangelischen Akademie die Ereignisse der letzten Monate. Demnach war im Frühjahr eine Konferenz in Sofia geplant, die auf öffentlichen Druck abgesagt werden musste. Martina Baleva wollte dort ihre Arbeitsergebnisse zum so- genannten Massaker von Batak von 1876 vorstellen. Es gilt als der Gründungsmythos der bulgarischen Nation. Osmanische Truppen massakrierten damals ein Dorf. Daraufhin intervenierten russische Truppen. Im Zuge der Befreiung gründete sich die junge bulgarische Nation. Das Gemälde von Antoni Piotrowski "Das Massaker von Batak" wurde zu einer der nationalen Gründungs-Ikonen, genauso wie die millionenfach verbreiteten Fotos, die Generationen von Bulgaren aus Schulbüchern oder von Postkarten kennen.Baleva fand heraus, dass nicht nur die offizielle Opferzahl von angeblich über 12 000 toten Bulgaren weit übertrieben war, da Batak 1876 gerade einmal ein Drittel so viele Einwohner hatte. Zudem sind die bis heute im Umlauf befindlichen "historischen" Fotos nachträglich inszeniert. Interessante Entdeckungen, die Baleva aber bis heute in Bulgarien nicht einmal als These vortragen darf. Stattdessen kam es im Vorfeld der nie stattgefundenen Konferenz zum Sturm der Entrüstung in den bulgarischen Medien, vor allem auch in den WAZ-eigenen Massenblättern. Baleva wurde mit Fäkal- und Schmähvokabular als Pseudowissenschaftlerin im Dienste der Türken herabgewürdigt. "Einige Ausgaben mussten am selben Tag nachgedruckt werden", berichtet die Historikerin, die fluchtartig ihr Land verlassen musste und bis heute mit Morddrohungen nicht nur durch die bulgarisch-nationalistische Partei Ataka und ihrem TV-Sender Skat konfrontiert wird.Man sei noch ganz am Anfang der Aufklärungsarbeit, sagt WAZ-Chef Hombach. Natürlich grenze man sich ganz klar von den Hasstiraden ab und fordere auch von den eigenen bulgarischen Redaktionen die journalistischen Standards ein. Wieso es zu solchen Fehlhaltungen gekommen sei, werde jetzt untersucht. "Immerhin sind ja auch unsere eigenen Redakteure in Sofia öfters Ziel von Angriffen der radikal-nationalistischen Partei Ataka geworden. Man muss aber wissen, dass die Gepflogenheiten der Medien Südosteuropas nicht mit unseren vergleichbar sind. Wir haben hier noch viele Formen von Fehlverhalten, die durch Schulung und ein Verständnis für Wahrhaftigkeit noch beseitigt werden müssen, die bei uns ganz undenkbar sind", sagt Hombach. Man müsse jetzt auch bei der WAZ-Gruppe umdenken, denn bisher habe man viel Wert darauf gelegt, dass die Redaktionen frei vom Verlagseinfluss agieren konnten.Entschuldigung bei Baleva"Die Chefredakteure müssen die inhaltliche Verantwortung für das Blatt tragen. Dafür habe ich sie vor dem Verlag auch immer beschützt. Wir müssen uns aber in Südosteuropa um mehr kümmern. Aber gemachte Fehler wie jetzt im Fall Baleva kann man nicht mehr wegdiskutieren, zu denen muss man jetzt stehen", beteuert Hombach. Doch erst nach direkter Nachfrage im Interview kam Bodo Hombach auf die Idee, die geschädigte Historikerin Martina Baleva nun unverzüglich zu einem Gespräch in die Essener WAZ-Zentrale einzuladen.Auch will Hombach nun bei seinen Redakteuren in Sofia vorstellig werden, damit sie sich bei Frau Baleva für den Stil und die Form der Berichterstattung entschuldigen. Der dritte Punkt der Nachfrage, ob der WAZ-Verlag denn nun auch eine angemessene Entschädigung an die Historikerin zahlen wolle, wurde bis jetzt noch nicht beantwortet.------------------------------"Gemachte Fehler wie jetzt im Fall Baleva kann man nicht mehr wegdiskutieren, zu denen muss man stehen." Bodo Hombach, WAZ-Geschäftsführer------------------------------Foto: Ein Anhänger der radikal-nationalistischen Partei Ataka vor dem Verlagshaus der WAZ-Zeitung "24 Chasa" in Sofia