Wenn Poesie so etwas wie Sprachhygiene ist, eine besonders präzise und klare Verwendungsweise von Worten, die für die Gesundheit einer Sprache sorgt, dann ist es um die Sprache in Berlin derzeit wirklich gut bestellt. Zumindest in der alten Akademie der Künste, wo noch bis zum kommenden Sonntag das Poesiefestival stattfindet: Dichter aus 25 Ländern lesen hier aus ihren Gedichten vor, übersetzen hin und her, verdrehen Wörter und ziehen sie auseinander, verbinden sie mit Musik, Rhythmen oder Theater und lassen sich von ihrem Klang betören. Viele schauen und hören ihnen dabei zu.Das Festival widmet sich in seinem neunten Jahr vor allem der "Welt auf Portugiesisch": unter anderem mit einem poetischen Stadtporträt von Lissabon, einer Veranstaltung zu der portugiesischsprachigen Dichtung in Afrika und - dem bisherigen Höhepunkt - einem Konzert von Arnaldo Antunes und Chico César."Unklassifizierbar" heißt ein Gedicht von Arnaldo Antunes, und genau so ist der Brasilianer selbst: nicht einzuordnen. In seinem Heimatland ist der 47-Jährige vor allem als Sänger bekannt, außerdem hat er ein Dutzend Bücher veröffentlicht: meist Gedichtbände, aber auch eine Sammlung ur-philosophischer Sätze seines damals dreijährigen Sohnes ist dabei. "Alles was ich tue, steht in Beziehung mit der Nutzung von Worten", sagt Antunes. Er benutzt sie wie ein Trampolin, mit dem er von einer Kunstform in die andere springt. Von der Lyrik zur Performance, von der Musik zur Malerei. "Wer hat gesagt, dass Musik nur zum Hören und Poesie nur zum Lesen da ist?", fragt sich Antunes. Er möchte die Trennung zwischen Kunst und Leben aufheben. Auf dem Konzert trug er - wie schon am Eröffnungsabend des Festivals von Marcello Jeneci da Silva an Akkordeon oder Keyboard begleitet - Gedichte vor, knappe Sprachkunstwerke über so einfache Dinge wie das Meer, den Körper oder den Namen des Menschen. Er tut das mit einer tiefen, durchdringenden Stimme, gegen die Leonard Cohens Gesang wie der eines Wiener Sängerknaben klingt. Manchmal lässt er die Worte vibrieren wie Luft, die durch ein Didgeridoo geblasen wird. Das klingt so großartig, dass man sich kurz wünscht, die Welt bestünde nur noch aus Klang und nicht aus Bedeutung: Die Züge am Bahnhof würden auf Portugiesisch angesagt, die Messe in der Kirche auf Latein gelesen und das Fernsehprogramm auf Chinesisch ausgestrahlt. Doch dieser Moment poetischer Verwirrung geht schnell vorüber: Als der brasilianische Sänger Chico César anschließend die Bühne stürmt und zwischen seinen schnellen, rhythmischen Liedern auf Portugiesisch ausführliche Geschichten erzählt, wüsste man nur zu gerne, warum die Hälfte des Publikums so herzlich lacht.Auch Chico César ist in Brasilien ein bekannter Sänger, ein Pop-Poet. Ganz in knallorange, wie ein als BSR-Mitarbeiter verkleideter Gummiball, ist er das genaue Gegenteil von Arnaldo Antunes, der gerne in Schwarz auftritt und seine Performance sehr ernst zu nehmen scheint. César jedoch tanzt, lacht und liest in holprigem Deutsch ein Liebesgedicht vor. Er hat auch einen lebensgroßen Kafka-Pappaufsteller mit auf die Bühne gebracht und diesem, damit er sich neben den drei lässigen Brasilianern wohlfühlt, eine Trainingsjacke angezogen. Am Ende von Césars Auftritt scheinen sich die Reihen gelichtet zu haben. Doch die Menschen hat es einfach nicht auf ihren Plätzen gehalten. Spätestens bei seinem großem Hit "Mama Africa" tanzen sie im Gang oder vor der Bühne. Obwohl als gemeinsames Konzert angekündigt, standen Arnaldo Antunes und Chico César nacheinander auf der Bühne, jeder mit seinen eigenen Leuten - von einem letzten Lied abgesehen. Nach diesem kurzen gemeinsamen Auftritt hätte man der Festivalleitung gerne geraten, mit der Dreistigkeit eines Thomas Gottschalk zu überziehen - oder das anschließende Programm einfach ausfallen zu lassen.Außerdem gab es bisher Sprechkonzerte, einen Abend mit elektronischer Musik und Dichtung sowie ein Kolloquium zur Einrichtung eines Hauses der Poesie. In einer Art Sprachbastelwerkstatt haben deutsch- und portugiesischsprachige Poeten gegenseitig ihre Gedichte übersetzt, die sie am Freitagabend dem Publikum vorstellen. Nach einem Konzert von Ursula Rucker und Mike Ladd am Samstag endet das Festival farbig: mit Gedichten aus der Spraydose. Am Sonntag treffen sich in Lichtenberg Graffitikünstler und Dichter und verwandeln eine Wand des ehemaligen Kaufhofs am Anton-Seafkow-Platz in ein poetisches Wandgemälde.Karten unter Tel. 200 57 10 00------------------------------"Wer hat gesagt, dass Poesie nur zum Lesen da ist?"Arnaldo Antunes