Es war einmal eine Zeitung, die hatte viele Aufgaben zu erfüllen. Sie sollte den Deutschen nach dem Krieg die freiheitlich-demokratischen Grundwerte beibringen. Sie sollte das Volk, das eben noch einem größenwahnsinnigen Diktator hinterher gelaufen war, zurück in die Zivilisation führen. Die Journalisten anderer Zeitungen sollten an ihrem Beispiel lernen, dass Fakten und Kommentare scharf zu trennen seien. Ganz nebenbei sollte diese Zeitung auch noch PR-Organ der britischen Militärregierung im Nachkriegsdeutschland sein, ohne dass es die Leser merkten. Die Zeitung, die alle diese Vorgaben erreichen sollte, hieß "Die Welt". Sie erschien am 2. April 1946 zum Preis von 20 Pfennigen zum ersten Mal.Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass "Die Welt" alle Hoffnungen erfüllte. Die Leser nahmen das qualitativ wertvolle Produkt an, weil es objektiv informierte, in den Leitartikeln mehrere Standpunkte gelten ließ, dabei aber auch deutsche Interessen angemessen und würdig vertrat. Die Auflage kletterte kurzfristig auf eine Million Exemplare, und als die Briten sich 1952 anschickten, ihre Modellzeitung zu verkaufen, standen die Interessenten Schlange. "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius hatte sich schon immer eine Tageszeitung gewünscht, Bundeskanzler Adenauer träumte von einer regierungsamtlichen Postille, auch der Ullstein Verlag sowie die WAZ machten sich Hoffnungen. Den Zuschlag bekam jedoch der schon damals nicht ganz unbedeutende Axel Springer, der sich mit der "Welt" ein publizistisches Flaggschiff für seinen Verlag zu erkaufen hoffte.Bewegte GeschichteDie Rechnung ging auf. "Ich will keine Politik in meinen Blättern", hatte Springer noch in den späten 40er Jahren verlauten lassen, jetzt prophezeite ihm ein britischer Controller: "Wenn Sie die ,Welt' haben, werden sie Politiker sein." So kam es: Aus der einstmals großen liberalen Zeitung wurde ab Mitte der 50er Jahre die "große nationale Zeitung", wie sie ab 1965 offiziell tituliert wurde. Renommierte Journalisten verließen nach und nach die Redaktion. Ilse Elsner, Sebastian Haffner, Erich Kuby - sie alle gingen, während ehemalige NS-Journalisten wie Winfried Martini, Friedrich Zimmermann oder Hans-Georg von Studnitz und erzkonservative Meinungsmacher wie Matthias Walden und William Schlamm das Ruder in die Hand nahmen. Allmählich entfernte sich die Zeitung von dem, was sie mal hatte sein sollen und eine Zeit lang auch war.Die "Welt" kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Die Aufregung um das Blatt, das modellhaft den Journalismus anglo-amerikanischer Prägung nach Deutschland bringen sollte, begann lange vor ihrem Erscheinen. Sefton Delmer, Journalist vom Daily Express, kümmerte sich als erster um das Projekt, verschreckte aber seine Vorgesetzten mit einer Gerichtsreportage über einen KZ-Aufseher. Sein Nachfolger Henry B. Garland, Professor für Germanistik, legte viel Verantwortung in die Hände seiner deutschen Berater. Einer von ihnen riet ihm, den rechtskonservativen Publizisten Hans Zehrer zum ersten Chefredakteur zu machen. Ein Fehler: Zehrer, vor 1933 so etwas wie ein publizistischer Steigbügelhalter der Nazis und im Krieg Vorstandsvorsitzender eines der Wehrmacht nahe stehenden Verlags, wurde von den Briten kurz vor Erscheinen der ersten Ausgabe gefeuert.Sein Nachfolger Rudolf Küstermeier war über alle Zweifel erhaben. Als SPD-Mitglied und Gründer der Widerstandsgruppe "Der rote Stoßtrupp" war er Ende 1933 verhaftet und vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Freiheit erlangte er erst am 15. April 1945 wieder, als britische Truppen ins KZ Bergen-Belsen vorrückten. Küstermeier gelang es, seine hohen moralischen Ansprüche in Leitartikel zu gießen, die im reaktionären Nachkriegsdeutschland Seltenheitswert hatten. Bemerkenswert sein Memorandum zur Zukunft der "Welt" vom Dezember 1949, das letztlich seinen Abschied besiegelte: "Die Welt ist mit einer politischen Aufgabe gegründet worden", schrieb er darin, "nicht um eines Geschäftes willen. Sie hat nur Sinn als die große übergeordnete Zeitung, die im wesentlichen Zweitzeitung ist und es sein kann, weil sie umfassender und zuverlässiger informiert als andere Zeitungen, weil ihr die Sache über dem Effekt steht, weil sie seriös ist bis in die Aufmachung hinein."Ideologisch geprägtWeil es zu diesem Zeitpunkt mit dem Wegfall der Lizenzpflicht und der Rückkehr der Altverleger beim Zeitungsmachen aber zunehmend ums Geldverdienen ging, war die Zeit eines moralisierenden Chefredakteurs abgelaufen. Die "Welt" kriselte, und mancher prangerte die Tatsache an, dass die Zeitung unter britischer Kontrolle stand. Einer von ihnen war Hans Zehrer, der nach seinem Rausschmiss bei der "Welt" als Chefredakteur des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts" von einer "britischen Tageszeitung in deutscher Sprache" schrieb, in der sich "englische Kontrollorgane, Londoner Deutsche, und deutsch-schreibende Spezialisten" sowie "sozialistische und unabhängige Redakteure vergeblich bemühten, der Zeitung ein Gesicht zu geben".Axel Springer, nachdem er die "Welt" für rund zwei Millionen Mark gekauft hatte, machte Hans Zehrer im September 1953 zu seinem ersten Chefredakteur. Die zweite, weitaus weniger erfolgreiche Geschichte der "Welt" hatte begonnen. Wirtschaftlich blieb die Zeitung unter Springer ein enormes Zuschussgeschäft. Aus publizistischer Sicht war die "Welt" ideologisch geprägt, jedoch immer auch das seriöse Aushängeschild des Verlags, das der sich leistete, weil er mit "Bild" genug Geld verdiente.------------------------------Foto : Ganz seriös: die erste "Welt"-Ausgabe vom 2. April 1946. Am vergangenen Freitag erschien das Blatt mit einer ganzseitigen Anzeige auf dem Titel.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.