ATHEN, 26. August. Da hinten, der griechische Kollege mit der Baseballmütze, bitte. "Fani, könnten Sie bitte sagen, was das heute für ein Gefühl war?" Also, sagt Fani Halkia, die griechische Olympiasiegerin über 400 Meter Hürden, großartig sei das gewesen, schon vom Aufwärmbereich aus habe sie die Zuschauer sehen können und das Flutlicht und das Olympische Feuer, ganz heiß sei sie gewesen auf den Wettkampf.Okay, danke, jetzt bitte der Mann im gelben T-Shirt, in Reihe drei. "Fani, könnten Sie bitte mal das Rennen schildern?" Also, sagt Fani Halkia, an die ersten zwei Hürden könne sie sich erinnern, aber dann habe sie nur noch den Zielstrich im Kopf gehabt, sie wisse nichts mehr, wie ein Blitz war das alles, so schnell.Alles klar, danke, als Nächstes bitte der Mann mit Brille, hinten an der Wand. "Fani, herzlichen Glückwunsch erstmal, können Sie uns bitte sagen, was die Zukunft bringt?" Tja, sagt Fani Halkia, die Zukunft, nun, das sei bestimmt nicht das Ende heute, es komme noch die 4x400-Meter-Staffel, und da wolle sie helfen, dass die Kolleginnen es ins Finale schaffen.Es ist nicht immer spannend, Sportler bei der Pressekonferenz zu belauschen, nicht einmal bei Siegern. Wenn es normale Sieger sind, dann sind sie ein bisschen außer Atem und ein bisschen glücklich, und sie stecken noch viel zu sehr in ihrem Tunnel, um mehr zu sagen, als dass sie ein bisschen außer Atem sind und ein bisschen glücklich. Wenn die Sieger zufällig Amerikaner sind, dann schneiden sie ein paar lustige Grimassen, und dann danken sie Gott & ihrer Familie & den ganzen Vereinigten Staaten. Reizvoll werden Pressekonferenzen meist, wenn unnormale Sieger auf dem Podium Platz nehmen. Man hört dann unnormale Geschichten: Helden-außenseiterstories im Idealfall, und man freut sich dann, weil man endlich einmal neue Worte finden darf für ein neues Gesicht.Schöne Spiele könnten das sein in Athen, an neuen Gesichtern herrscht kein Mangel. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass es ziemlich abgenutzte Wörter sind, mit denen man den neuen Gesichtern zu begegnen hat. Hässliche Wörter sind das, Wörter wie "Dopingprobe" oder "Trainingskontrolle" oder "dramatische Leistungssteigerung". Am Ende kann das zu solch bizarren Gruselpressekonferenzen führen wie jener, die am Mittwoch um Mitternacht zur Austragung kam, im überfüllten Presseraum des Olympiastadions, nach Fani Halkias Sieg über 400 Meter Hürden.Staatsplanartige IdeenMan hätte sie ja wirklich gerne erzählt, jene Heldenaußenseiterstory, und man kann es den griechischen Stadionbediensteten wohl auch nicht verdenken, dass sie extra im Presseraum Stellung bezogen, um Hellas' neue Heldin hochleben zu lassen. Die griechische Seele will Helden haben, und wenn sie welche gefunden hat, will sie sie nicht mehr hergeben. "Lasst uns doch über schöne Dinge reden", rief ein griechischer Journalist. Die ausländische Presse wollte andere Antworten, aber die bekam sie nicht. Der Mann im grünen T-Shirt, gut sichtbar platziert in Reihe zwei, wurde nicht drangenommen in der Pressekonferenz, der Dolmetscher übersah ihn schlicht. Der Mann saß in einer Gruppe ausländischer Journalisten, er sah aus, als wolle er gemeine Fragen stellen.Man kann Siegergeschichten wie die der 25-jährigen Fani Halkia leider nicht mehr arglos erzählen, nicht jetzt, da man von den staatsplanartigen Überlegungen weiß, mit denen sich Griechenland frische Olympioniken beschaffen wollte und - siehe Halkia - auch beschafft hat. Man kann es nicht bei einer Athletin, die von Giorgios Panagiotopoulos trainiert wird, einem 27-jährigen No-Name, der in Wahrheit kein No-Name ist. "Keinerlei Verbindungen" unterhalte sie zu Christos Tsekos, teilte Fani Halkia der Presse mit, zu jenem übel beleumundeten Coach also, der Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou trainiert und in dessen Lagerräumen gerade 1 400 Arzneipackungen sichergestellt wurden. Keinerlei Verbindungen? Vordergründig mag das stimmen, aber Panagiotopoulos trainierte einst selbst bei Tsekos, er gehörte zu jenen Sprintern, die sich 1997 einer Dopingprobe verweigerten, wie der Fahnder Klaus Wengoborski im nebenstehenden Interview noch einmal darlegt.Das also ist die Biografie ihres Trainers, und wenn man die Biografie seiner Athletin dagegen schneidet, dann mag man sie erst recht nicht mehr guten Gewissens erzählen, die Story einer griechischen Göttin, die aus dem Nichts kommt und über ein paar Hürden direkt in den Olymp fliegt. Man darf ja nicht vergessen, dass die ehemalige Hochspringerin Halkia ihre Hürden vor einem Jahr noch in einer Zeit von 56,44 Sekunden überquerte.Vier Sekunden schneller ist sie jetzt in Athen, in Buchstaben: V-I-E-R, und man hatte sowohl im Halbfinale als auch im Finale das Gefühl, dass sie noch schneller gekonnt hätte. Sie hat es dann gut sein lassen, bei 52,77 Sekunden (Halbfinale) bzw. 52,82 (Finale), was immer noch verdächtig nahe am Weltrekord (52,34) liegt. Und natürlich muss man immer noch mal die Geschichte vom März 2004 erzählen, als sie bei der Hallen-WM in Budapest über 400 Meter flach langsamer war (52,9) als jetzt über dieselbe Distanz mit zehn Hürden.Die SiegertypenAber hören wir noch mal rein, in die Pressekonferenz: "Wenn Sie Journalisten sind und Ahnung von Leichtathletik haben, müssten sie wissen, was heute mit Training alles möglich ist", sagt Fani Halkia."Ich mache viel Stretching, ich arbeite hart", sagt Fani Halkia."Die Ankläger haben kein griechisches Herz. Sie sind nicht aus dem Stoff, aus dem unsere Vorfahren sind. Griechen sind Siegertypen", sagt Fani Halkia."Ich habe gehört, dass man hier 10 000 Proben genommen hat, und man hat nur ein Dutzend erwischt. Es ist eine Schande, dass das einen Schatten auf alle Athleten wirft", sagt Fani Halkia."Ich möchte an dieser Stelle auch an Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou denken. Ich kenne sie und weiß, wie hart sie trainieren. Ganze Brigaden haben auf sie geschossen und die wildesten Sachen verbreitet, ohne einen Beweis", sagt Fani Halkia.Noch Fragen? Ja, bitte schön, da hinten der griechische Kollege mit der Baseballmütze.------------------------------Foto: Direktflug in den Olymp: Fani Halkia, Hürdenläuferin mit einer sehr erstaunlichen Steigerung.