Friedenskanal - das klingt nicht schlecht. Israel, Jordanien und die palästinensischen Behörden haben sich diesen Namen für ein gigantisches Projekt ausgedacht. Über eine Strecke von zweihundert Kilometern soll dabei Wasser vom Roten ins Tote Meer geleitet werden. Die Weltbank hat gerade eine Machbarkeitsstudie für das rund fünf Milliarden Dollar teure Vorhaben ausgeschrieben und in Israel fand kürzlich eine erste Anhörung der Anlieger statt.Naturschutzverbände wie der Global Nature Fund (GNF) in Bonn und sein Nahost-Partner, die Organisation Friends of the Earth Middle East, sind skeptisch. "Es ist zwar gut, dass die Anrainerstaaten die Wasserprobleme des Toten Meeres gemeinsam lösen wollen", sagt Stefan Hörmann vom GNF. Doch die ökologischen Konsequenzen des Mammutvorhabens seien bisher kaum abzuschätzen. Der Naturschützer plädiert dafür, auch Alternativen zu untersuchen.Unbestritten ist, dass das Tote Meer mehr Wasser braucht. Denn der salzigste See der Welt trocknet in rasantem Tempo aus. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er eine Fläche von 1 000 Quadratkilometern, mittlerweile ist er auf 650 Quadratkilometer geschrumpft. Der Wasserspiegel ist in den vergangenen dreißig Jahren um 25 Meter gesunken und er fällt weiter um durchschnittlich einen Meter pro Jahr.Wer also vorhat, am Toten Meer ein Strandhotel zu bauen, sollte sich beeilen. Schließlich weiß niemand, wo in ein paar Jahren die Wasserlinie verlaufen wird. Wo heute noch Touristen ohne jede Schwimmbewegung im Wasser schweben und Kurgäste in den salzigen Fluten Linderung für Neurodermitis und Schuppenflechte suchen, könnte schon bald festes Land sein. Eine der größten Touristenattraktionen der Region droht damit zu verschwinden."Der Jordan führt nur noch wenig Wasser - das ist die Hauptursache des Problems", sagt Stefan Hörmann. Der mit Abstand größte Zufluss des Toten Meeres muss den Wasserbedarf von Millionen Menschen in Jordanien, Syrien, dem Libanon, Israel und Palästina decken. Vor allem die Landwirte der Region zapfen ihm gewaltige Mengen Wasser ab und leiten es auf ihre Felder und Obstplantagen. Der untere Jordan führt heute nur noch ein Zehntel der Wassermenge, die vor fünfzig Jahren durch das Flussbett strömte; im Sommer trocknet der Jordan zeitweise fast ganz aus. Dem Toten Meer mangelt es an Nachschub.Die Naturschützer plädieren nun dafür, dieses Problem am Fluss selbst zu lösen und dem Jordan dadurch wieder zu genügend Wasser zu verhelfen. "Das könnte zudem deutlich billiger sein als der Kanalbau", sagt Stefan Hörmann. Der ehemalige israelische Wasserkommissar Dan Zaslavski schätzt, dass rund achthundert Millionen US-Dollar ausreichen, um den Jordan zu regenerieren. Mit einer solchen Investition könnte der Fluss seinen Zustand von 1950 wieder erreichen, als er noch rund 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr ins Tote Meer transportierte. Damit der Jordan wieder kräftig strömen kann, müsste vor allem in der Landwirtschaft viel Wasser eingespart werden. Zwar gehen die isralischen Landwirte bereits sparsam mit Wasser um, in etlichen anderen Anrainerstaaten ist dies aber noch nicht der Fall. Große Mengen der flüssigen Ressource versickern zudem ungenutzt im Boden, weil die Leitungen etwa in Jordanien zahlreiche Lecks haben.Zudem wäre ein Konzept nötig, das genau regelt, wer wie viel Wasser entnehmen darf. Dabei müsste ein Weg gefunden werden, die zur Verfügung stehende Menge gerecht auf die Anrainer zu verteilen - und trotzdem noch genug für das Tote Meer übrig zu lassen. In einer politischen Spannungsregion wie dem Nahen Osten ist das keine leichte Aufgabe.Auf unterer Ebene funktionieren die grenzübergreifenden Kontakte durchaus schon. Auf Initiative der Naturschützer haben sich 17 Gemeinden in Israel, Jordanien und Palästina zusammen getan, um ihre Wasserprobleme gemeinsam anzugehen. Man lernt sich kennen, tauscht Ideen aus und unterstützt sich bei Projekten zur Umweltbildung oder zum Wassersparen.Und man geht gemeinsam ins Wasser. So trafen sich vor ein paar Wochen die Bürgermeister der Gemeinden zum gemeinsamen Bad im Jordan. Der symbolische Big Jump musste allerdings ziemlich weit flussaufwärts, gleich unterhalb des See Genezareth stattfinden. Weiter unten gab es für die Lokalpolitiker, die den großen Sprung nach vorn demonstrieren wollten, nicht genug Wasser zum Reinspringen.------------------------------Grafik, Foto: (2) Die Quellflüsse Hasbani, Dan und Banyas (Karte oben) führen dem Jordan weniger Wasser zu, als die Anrainer ihm entnehmen. Deshalb trocknet das Tote Meer aus. Satellitenbilder von 1973 (Foto Mitte) und 2002 (rechts) dokumentieren diese Entwicklung. In den Südteil des inzwischen geteilten Sees wird Wasser aus seinem Nordteil gepumpt, um Salz und andere Mineralien zu gewinnen. Ein Kanal zum Roten Meer soll nun die Verlandung des Sees stoppen.