Was soll man von einem Mann halten, der an einem Zeitungskiosk stehen bleibt, die Covergirls von "Vogue" oder "Harper s Bazaar" als tragische Symbole für Leere und Sterilität erlebt, als Beweisstücke dafür, dass modernes Leben nicht "real" sei - sich die Hefte aber dann doch kauft? Mit diesem Seitenhieb wetterte seinerzeit die New-Yorker Kritikerin Pauline Kael gegen die Heuchelei ihrer Kollegen, die den Tiefgang von Antonionis "Blow-up" hochleben ließen. Dass Kael zu diesem Film nur das Verdikt "modisch" einfiel, macht heute, 30 Jahre später, plötzlich Sinn. Lassen wir beiseite, dass sich der Regisseur Michelangelo Antonioni jenes "Swinging London" als Erzählort ausgeguckt hat, obwohl er es gar nicht darauf anlegte, sich vom Erfindungsgeist der neuen Jugendkultur oder vom untrüglichen Gespür dieser Generation für obsolete Werte anstecken zu lassen. "Blow-up" wurde trotzdem ein Kultfilm.Zynischer WeltverächterAntonionis "Seelenbildnis eines Modefotografen" - so der ursprüngliche Titel - ist dem exzentrischen Fotokünstler Thomas (David Hemmings) auf den Fersen, ein zynischer Weltverächter, der von Freiheit faselt, aber ohne Rolls Royce nicht mehr leben kann. Antonioni ist zweifellos nach England wie später nach Amerika oder China gereist, um nicht den Anschluss an die kulturrevolutionären Kräfte seiner Zeit zu verlieren. Doch er unterschätzte vielleicht die eigene Identitätskrise, wurde die "Krankheit der Gefühle" nicht los, die er so trefflich in seine Helden zu projizieren verstand. Vielleicht war der Schöpfer der italienischen Tetralogie schon damals zu sehr Klassiker.Die 60-er Jahre, Swinging London, ein ganzes Zeitalter zum Mikrokosmos zusammengeschnürt, vielleicht größter Ideenumschlagplatz aller Zeiten, die, kaum entworfen, schon wieder verpufft waren. Der abstrakte Titel "Blow-up" zielt mit seiner Doppelbedeutung von "Vergrößern" und "in die Luft jagen" auf die bevorstehende Zerreißprobe. Es bleibt dann aber bei Erkenntnissen, die sich letztlich nur dem Fixierbad eines Fotolabors verdanken. Trefflich scheint dazu eine Bemerkung aus Julio Cortazars Kurzgeschichte "Teufelsspucke" zu passen, die auch die zentrale Idee für den Film lieferte: "Unter den vielen Arten, das Nichts zu bekämpfen, ist eine der besten, Photos zu machen ." Auch Thomas ergeht sich im Müßiggang, wenn er, die Spiegelreflexkamera in Händen, den Park betritt und wahllos fotografiert - auch ein fremdes Paar - und den aggressiven Ausbruch der jungen Frau über sich ergehen lässt, die ihm mit einem Biss in die Hand die Kamera abjagen will. Ein Spiel zwischen Sein und Schein. Wissen wir doch, dass sich dieser Park in einen "Ort der Erkenntnis" verwandeln soll. Wie schon für "Die rote Wüste" hat Antonioni auch hier nicht umsonst zu Pinsel und Farbe gegriffen, um die natürliche Umgebung zu verheeren, symbolisch aufzuladen, vor allem - um sie schöner zu machen. Die Modefotografie, schreibt Susan Sontag, verdanke sich überhaupt dem Verschönerungsprozess, der sich auf jedem Foto vollzieht. "Blow-up" entwirft zum ersten Mal auf der Leinwand eine Modewelt. "Zeig mir was du kannst!" ruft Thomas. Wie ein Dompteur beherrscht dieser Fotograf sein Starmodel Veruschka, das sich auf dem Boden wälzt, Ekstase spielt. Dieser Fotograf benutzt alles, als Material und als Motiv. Es spielt keine Rolle, ob er spazieren geht, seine Models animiert oder als Penner verkleidet im Asyl übernachtet, um das wirkliche Leben abzulichten. Der Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe, von den Bildern aus dem Asyl zum Atelier, soll vielleicht die soziale Wirklichkeit retten, vielleicht aber nur den Zuschauer verwirren. Fotografie verwandelt die Welt in Tatorte.Ästhetisierung der Welt"Aber ist nicht jeder Fleck unserer Städte ein Tatort? Nicht jeder Passant ein Täter? Hat nicht der Photograf . die Schuld auf seinen Bildern aufzudecken und den Schuldigen zu bezeichnen?" philosophierte Walter Benjamin - ein moralischer Appell, lachhaft im Zeitalter des anything goes. Die Fotografie hat die Ästhetisierung der Welt vorangetrieben; inzwischen ist sie mit mächtigeren virtuellen Helfershelfern verbündet.Die Covergirls von "Vogue" sind heute Leitbilder. Antonionis Anspruch war es, die Wirklichkeit in Frage stellen, indem er sie in eine abstrakte Form goß. Er hat dabei die Suggestivkraft der Schönheit unterschätzt. Der angebliche Visionär hat jede Einstellung in ein Hochglanzprodukt verwandelt, die seinen Film zwar heute nicht mehr "modisch", dafür vielleicht aber moderner denn je erscheinen lässt. Die schöne Fotografie hat über die hässliche Malerei gesiegt. Auch das hat Antonioni nicht vergessen. Er lässt den Maler über seine Bilder, die mit ihm leben, sprechen, sie immer wieder neu entdecken. Der Fotograf verliert seine Bilder und damit auch die Wahrheit.